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Wiesen werden zur Todesfalle

Wildtiere in Gefahr Wiesen werden zur Todesfalle

Zahlreiche Wildtiere haben in diesen Tagen die Wiesen in große Kinderstuben verwandelt. Beim Mähen des Grases sterben auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf viele Tiere einen grausamen Tod.

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Quelle: Thorsten Richter

Gladenbach. Im hohen Gras tummelt sich der Nachwuchs von Rot- und Rehwild, Feldhasen, Fasanen und Rebhühnern. „Im schnell wachsenden Gras lassen die Eltern ihre Jungen schon einmal zurück, weil sie dort geschützt sind“, erklärt der Biedenkopfer Volker Klingelhöfer, Pressesprecher der Jägervereinigung Hinterland. Mit der ersten Mahd geht nicht nur dieser Schutzraum verloren: Viele Jungtiere fallen den scharfen Messern der Mähwerke zum Opfer. Die Traktoren werden immer größer und mähen immer schneller, manche sind mit zwei, ja sogar drei Kreiselmähern ausgestattet. Mehrere tausend Opfer seien es alleine jedes Jahr in Hessen, weiß Klingelhöfer. Die Deutsche Wildtierstiftung geht von bundesweit 500 000 Tieren aus, die jährlich den Mähtod sterben.

„Die Natur hat die Jungtiere darauf programmiert, bei Störungen zu verharren, was eigentlich auch richtig ist“, sagt der Pressesprecher. Er erklärt: „Tarnfarbe und Geruchlosigkeit machten sie weitgehend unsichtbar.“ Wenn aber der Kreiselmäher darüber hinweggehe, werde das grundsätzlich richtige Verhalten zum tödlichen, berichtet Klingelhöder. Um möglichst viele Jungtiere vor dem Tod oder grausamen Verletzungen zu bewahren, machen Jäger und Landwirte gemeinsame Sache: „Wir bitten die ortsansässigen Bauern, frühzeitig über Mäh-Termine zu informieren“, erläutert Klingelhöfer.

Die Jäger haben dann Gelegenheit, am Abend vor der Mahd Wildscheuchen aufzustellen oder frühmorgens die Wiesen mit so genannten Infradetektoren oder ihren Jagdhunden abzusuchen und die Jungtiere fachgerecht in Sicherheit zu bringen. Solche Detektoren seien sehr teuer, deshalb verfüge nicht jeder Jäger über ein solches Gerät, schränkt der Biedenkopfer ein.

Kunststoffsäckedienen als Wildscheuchen

Die Landwirte könnten auch selbst aktiv werden. „Wenn sie am Abend vor der Mahd beispielsweise einfache Kunststoffsäcke als Wildscheuchen aufstellen, dann bringen die Rehmütter ihre Kitze in Sicherheit“, sagt Volker Klingelhöfer.

Der Deutsche Jagdschutzverband (DJV) gibt weitere Tipps: So können laute Geräusche aus dem Kofferradio blinkende Lichter oder ein Wecker die Tiere vertreiben. Wildscheuchen, die im Wind rascheln und das Sonnenlicht reflektieren, haben den gleichen Effekt.

Wenn Spaziergänger auf solche Jungtiere stoßen würden, dann sollten sie diese auf keinen Fall anfassen oder gar mitnehmen, warnt Klingelhöfer. Der den Händen anhaftende Schweiß kann dazu führen, dass die Mutter ihr Kind verstößt. Mit der Zuhilfenahme von Grasbüscheln lässt sich die Geruchsübertragung vermeiden.

Im Zweifelsfall sollte immer ein Jäger informiert werden. Klingelhöfer rät den Landwirten, beim Mähen so genante Wildretter einzusetzen. Diese rechenartigen Gebilde sollen das Jungwild veranlassen, rechtzeitig vor dem Mähwerk zu flüchten. Karl Leinbach, Vorsitzender der Jägervereinigung Hinterland, weist darauf hin, dass Landwirte dem Wild ohne großen Aufwand mithilfe einer anderen Mäh-Technik Fluchtmöglichkeiten ermöglichen können: Die Wiesen sollten von innen nach außen gemäht werden. Volker Klingelhöfer ergänzt, auf diese Weise würden die Tiere nicht eingekreist.

Problem: Viele Wiesen sind verpachtet

Sie bevorzugten es, durch das hohe Gras zu flüchten. „Sie scheuen sich nämlich, frisch gemähte, freie Flächen zu betreten“, erklärt der Pressesprecher. Die Zusammenarbeit zwischen Jägern und Landwirten sei komplizierter geworden, bedauert Leinbach. Denn viele Wiesen seien verpachtet und die sie bewirtschaftenden Bauern lebten oft nicht im Dorf. Gleichwohl sollte dies kein Hindernis sein, die Hilfe von Jägern in Anspruch zu nehmen, sagt er.

Die Wiesen erst dann zu mähen, wenn die Jungtiere in ihnen keinen Unterschlupf mehr suchen, wie es die Wildtierstiftung wünscht, ist für die meisten Landwirte nicht praktikabel. Denn vor allem der Energiegehalt des Futters und auch das Wetter spielten für den richtigen Mahd-Termin die entscheidende Rolle. Wird etwa das Heu zu spät gemäht und ist dann schon holzig, dann ist es für Milchkühe nicht mehr geeignet und kann allenfalls etwa noch bei der Mutterkuh- oder bei noch späterem Schnitt bei Pferdehaltung verfüttert werden.

Programme und Zuschüsse, bei denen auch Mahd-Termine eine Rolle spielten, gibt es lediglich für extensive Nutzung von Grasland. Dann werden Termine vorgegeben, die aber auf die Pflanzenwelt abgestimmt seien. Für solche Förderprogramme kommen im Regelfall nur ausgesuchte Standorte in Frage.

von Hartmut Berge

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