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Wenn‘s um Leibchen oder Motzen geht

Vortrag Wenn‘s um Leibchen oder Motzen geht

Die 93-jährige Katharina Franz aus Reimershausen, Trägerin der Evangelischen Marburger Tracht, stellte sich den Landsenioren der Biedenkopfer Vereinigung vor.

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Erika Wrede (rechts) stellte zusammen mit ihrer Mutter Katharina Franz, die noch die Marburger Evangelische Tracht trägt, diese in Details vor.Foto: Helga Peter

Gladenbach . Im Hotel „Am Schloßgarten“ trafen sich am Dienstag voriger Woche rund 60 Mitglieder der Landseniorenvereinigung Biedenkopf. Vorsitzender Dr. Konrad Schulz begrüßte die Teilnehmer und vor allem die 93-jährigen Katharina Franz, der letzten Trägerin der Marburger Evangelischen Tracht in der hiesigen Region sowie ihre Tochter Erika Wrede, Meisterin der Ländlichen Hauswirtschaft.

Schulz führte aus, dass früher im Marburger Raum, Amöneburg, Breidenbacher Grund und der heimischen Region ganz verschiedenartige Trachten getragen wurden. Er stellte heraus, dass Heimatvereine oder auch Volkstanzgruppen sich heute der Trachtenpflege annehmen. Ob das Tragen einer solchen Tracht mit den „Beiderwandröcken“ immer praktisch gewesen sei, bezweifelte er und erinnerte an die schwere körperliche Arbeit der Bäuerinnen in der Landwirtschaft.

Ausführlich gab Wrede zusammen mit ihrer Mutter Katharina Franz, geborene Schneider, aus Damm, die nach Reimershausen heiratete, einen Einblick, wie die Tracht zu welchen Anlässen getragen wurde. Begriffe wie Stülpchen, Leibchen, Motzen oder auch Salvete standen dabei im Raum.

Männer legten Tracht ab, Frauen blieben ihr treu

Wrede berichtete, dass keiner der Männer nach dem Ersten Weltkrieg noch den Hessenkittel mit der obligatorischen weißen Hose getragen habe. Im Gegensatz dazu, habe sich bei den Frauen die Tracht lange gehalten. Im Alter von vier Jahren seien die Mädchen erstmals in ihre „Gewänder“ eingekleidet worden. Die Kleidungsstücke wurden meistens vererbt. Ihre Mutter als letzte Trachtenträgerin der Familie verfüge über Kleidungsstücke, die älter als 100 Jahre seien.

Die typische Haartracht bildeten Zöpfe, später zum „Schnatz“ geflochten. Zum Kirchgang oder zu besonderen Anlässen wurde der „Schnatz“ mit dem „Stülpchen“ bedeckt. Selbst gestrickte Strümpfe aus Schafswolle waren obligatorisch und die Schuhe dazu aus Rindsleder, wobei die Werktagsschuhe gepinnt waren.

Ein großer Abschnitt sei die Konfirmation gewesen, bei der zur Vorstellung ein buntes und zur Konfirmation ein schwarzes Gewand getragen wurden. Reiche Mädchen hätten sogar über ein drittes Gewand, „schwarz geschnürt“, für die Beichte verfügt.

„Trocken schwarz“ wurde zur Konfirmation getragen

Ihre Mutter habe damals einen grünen Tuchrock mit Blumenband, eine seidene Schürze und einen farblich abgestimmtem Seidenmotzen getragen. Unter den Motzen (Jacke) wurde ein Seidentuch eingeschlagen und um den Hals ein seidenes „Knepptuch“ lose geschlungen, das über den Rücken herunter hing. Da der Onkel ihrer Mutter von Beruf Schuster war, hätte diese zur Konfirmation Spangen-Lackschuhe tragen können. Das „Stülpchen“, reich verziert mit Perlen und Pailletten, hatte immer einen schwarzen Rand und wurde farblich passend zum Gewand getragen. Die Bänder daran, mit Spitzen bis zum Kinn und mit den Initialen der Trägerin verziert, wurden zum Kirchgang vorne geknöpft und unter dem Kinn gebunden. Das Konfirmationsgewand „trocken schwarz“ sei in dieser Form über die Hochzeit hinaus bis zur Bahre getragen worden. Der Begriff „trocken schwarz“ bedeutet, dass der Rock nicht aus glänzendem Stoff sein durfte.

Vier Symbole zierten die Stirnkappen

Zu den Abendmahlsgottesdiensten, am ersten und zweiten Advent, ersten Weihnachtsfeiertag, in der Passionszeit, am Buß- und Bettag sowie am Totensonntag wurde ebenfalls das trocken-schwarze Gewand getragen. Zum Abendmahl trugen die Frauen noch ein Fransentuch über dem Motzen. Das Stülpchen war zusätzlich mit einer weißen Stirnkappe bedeckt.

Die Stirnkappe zur Konfirmation getragen, war reich verziert mit Symbolen. Interessant dabei war die Bedeutung der Symbole. Die Sonne stand als Begriff für göttliches, ewiges Leben, das Quadrat für die vier Himmelsrichtungen und Gott in Allem, das Herz für Jesusliebe und die Zahl 8 für Unendlichkeit.

Zur Hochzeit war Braut „schwarz geschnürt“

Zur standesamtlichen Hochzeit trug die Braut „schwarz geschnürt“, das bedeutete ein buntes Gewand mit einer schwarzen Borte. Zur kirchlichen Trauung wurde über die Stirnkappe das Brautkränzchen gesteckt, das Katharina Franz von der Großmutter (es stammte aus 1885) zu ihrer Heirat trug. Die Unterarme der Braut bedeckten Stauchen.

Die Arbeitskleidung im Sommer war aus leichterem sogenanntem Pfeffer- und Salzstoff. Der Rock, aus vier Metern Stoff geschneidert, wurde gehalten durch den Wulst des Leibchens, der mit Schafwolle oder „Werg“ ausgestopft war.

Etwas Besonderes war sicherlich bei der Trauerkleidung der Trauermantel, der über dem Stülpchen und der Stirnkappe getragen wurde. Diesen Trauermantel, dazu gehörte auch eine Salvete (weißes Tuch) trugen die Witwe oder die nächsten Angehörigen zur Beerdigung. Die Trauerzeit betrug damals bis zu drei manchmal auch fünf Jahren, wobei mit der Bekleidung schwarz-gemustert ausgetrauert wurde.

nDie Landsenioren treffen sich wieder am 10. Dezember um 14 Uhr zu einem Vortrag mit Pfarrer Dr. Frank Rudolph aus Niederweidbach, der über Kirchen im Dekanat Gladenbach berichten wird.

von Helga Peter

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