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Wenn Esslust zur Fresssucht wird

OP Serie "Weniger ist mehr" Wenn Esslust zur Fresssucht wird

Innerhalb von 12 Monaten nahm Martin Ganser mit einer Schlauchmagen-OP 100 Kilogramm ab. Sein Gewicht pendelte sich bei 120 Kilogramm ein. Das „Kampfgewicht“ von 216 Kilogramm will er nie wieder erreichen.

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Currywurst, Pommes frites, Tomatenketchup und Mayonnaise auf einem rechteckigen Pappteller.

Quelle: Jens Kalaene

Schröck. Der 43-jährige diätisch geschulte Koch Martin Ganser hat schon immer gern gegessen - am liebsten Deftiges. Und er hat gern Süßes getrunken - am liebsten Cola und so. Irgendwann kamen zum beruflichen Stress private Probleme hinzu und aus dem Genuss wurde Frustessen und irgendwann Fettleibigkeit - Adipositas.

„Schon mit zehn Jahren habe ich viel gefuttert, sagt er. Mit seinem jetzigen Gewicht von 120 Kilogramm ging er 1992 für vier Jahre als Zeitsoldat zur Bundeswehr. Damals sei er trotz seines Gewichts „relativ fit“ gewesen. Nach der Bundeswehrzeit fiel allerdings die sportliche Bewegung ganz weg. Zwölf Jahre Stress im Beruf, davon fünf unter Mobbing, haben bei ihm sichtbare Spuren hinterlassen.

„Ich wurde immer fetter“, sagt Ganser. 2008 wog er 180 Kilogramm, bis 2010 hat er auf 216 Kilogramm aufgestockt. Er hatte einen BMI von 62. Ein neuer Job und die Sorgen um sein erstgeborenes Kind nennt er als Gründe für seine Fressattacken.

Eine besorgte Freundin hat ihm vor vier Jahren ins Gewissen geredet: „Du musst was tun!“ Kurz vor seiner Schlauchmagen-OP (Sleeve) konnte Ganser nur noch zehn Meter am Stück laufen, dann musste er pausieren, am besten hinlegen, wenn‘s ging auch schlafen.

„Die Leute haben geglotzt, als ob sie noch nie einen Dicken gesehen haben. Irgendwann macht es einem doch was aus“, berichtet Ganser. 2010 stand dann seine Entscheidung fest: Er sucht sich Hilfe. Er ging zum Adipositas-Stammtisch, der jeden 1. Freitag im Monat im Restaurant „Irodion“ bei St. Jost in Marburg stattfindet, und holte sich Tipps für die Anträge bei der Krankenkasse für eine Magen-OP. Zunächst suchte er einen Gutachter in Sachsenhausen auf und er benötigte Befunde vom Hausarzt, vom Orthopäden, vom Diabetologen und vom Psychotherapeuten.

Er ließ sich bescheinigen, dass er an einer Ernährungsberatung teilgenommen hat, dass er bei den Weight Watchers erfolglos eine Diät probiert hat, er ließ sich bestätigen, dass er sich mit Nordic Walking bewegt, Aquajogging ausprobiert und an rhythmischer Sportgymnastik teilgenommen hat. Er führte akribisch ein Ernährungsprotokoll über zwei Wochen, war zuvor zur Kur in Berlin. Alles in allem umfasste sein Antrag bei seiner Krankenkasse sechs A-4-Seiten.

„Wenn man es wirklich will, macht man es richtig“, sagt er. Er musste zum Medizinischen Dienst nach Gießen, der bereits einen Antrag auf ein Magenband bei ihm abgelehnt hatte. Doch diesmal war Ganser vorbereitet. Er wusste was er wollte; die Auswirkungen waren ihm bekannt. Seit der radikalen Gewichtsabnahme trägt er viele Kilogramm überflüssige Haut mit sich rum.

Im September 2010 legte er sich zum ersten Mal unters Messer. Danach nahm er ab. Im Januar 2011 wog er 70 Kilogramm weniger, nach einem Jahr hat er sein Gewicht um 101 Kilogramm reduziert. Sein BMI sank auf 34. Mittlerweile hat er wieder leicht zugelegt auf 120 Kilogramm.

„Das ist nicht so tragisch, das nehme ich wieder ab. Ich will nie wieder 216 Kilogramm wiegen“, ist sich Ganser sicher. Außerdem will er sich nicht wieder mit neuen Klamotten eindecken müssen. Seinen Kleiderschrank musste er komplett ausmisten.

Vieles hat sich für ihn geändert, auch wenn er noch immer auf das Naschen von Süßem und Salzigem steht. Der Alleinunterhalter und Bandleader nimmt sich zu seinen Auftritten stilles Wasser mit. Kohlensäure blähe den Bauch auf und weil er eben Süßes mag, aber auf Kalorien verzichten muss, kippt er sich Geschmackspulver ins Wasser. Dann schmeckt‘s ihm auch kalorienarm.

Im Oktober 2013 folgte eine weitere OP. Ganser wurde „von vorne bis hinten aufgeschnitten“. Die Fettschürze brachte 7 Kilogramm auf die Waage. Ohne OP ging es nicht. Ganser litt permanent unter Entzündungen, die sich unter den Hautlappen bildeten - das sei keine Frage der Hygiene gewesen. Als Nächstes kommt im November die Oberschenkelstraffung dran. Dann scheint vorerst mit den Wiederherstellungs-OPs bei Ganser Schluss zu sein.

Gerne würde er sich noch die Brust und die Oberarme operieren lassen. Doch die Krankenkasse habe vorerst abgewunken. Entscheidend sei die Menge Haut, die hängt, sagt der 43-Jährige, der mit seiner Familie in Schröck lebt.

In zwei Wochen fährt er mit seiner Frau und den Kindern an die Nordsee. Dann traut er sich endlich wieder ins Wasser, früher hat ihm nicht mal eine Badehose gepasst. Dass ihn andere noch immer anstarren, daran hat er sich längst gewöhnt. Entscheidend ist, er hat an Lebensqualität gewonnen. Denn: „Es geht mir wieder sehr gut.“

  • Im nächsten Teil der Serie lesen Sie, welche Präventions-Programme Krankenkassen anbieten, zur Vermeidung von Übergewicht und den damit einhergehenden Erkrankungen wie Rücken-, Gelenk- und Stoffwechselproblemen sowie Bluthochdruck und seelischen Problemen.

von Silke Pfeifer-Sternke

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