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Weidenhausen wird zum Bergbaugebiet

Eisenbahn-Serie (APRIL, APRIL) Weidenhausen wird zum Bergbaugebiet

Zum 120-jährigen Bestehen der Aar-Salzböde-Bahn zeichnet sich eine spektakuläre Wiedergeburt an. Sie soll dem Transport "Seltener Erden" dienen, die beiWeidenhausen abgebaut werden.

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In Niederwalgern bezogen ein Schotterpflug (im Vordergrund) und eine Stopfmaschine am Montag Stellung, um den verblieben Teil der Strecke der Aar-Salzböde-Bahn nach erfolgtem Freischnitt instand zu setzen.Foto: Stefan Runzheimer

Gladenbach. Schon seit jeher ist die heimische Region mit einer besonderen Vielfalt bezüglich ihrer Rohrstoffe und Bodenschätze gesegnet. Diese Tatsache bot in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Anlass für Probebohrungen, um vermutete Bodenschätze aufzuspüren und um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, in wieweit eine Erschließung der Vorkommen wirtschaftlich vertretbar ist. Die bekanntesten Beispiele sind wohl die Uranvorkommen in Hartenrod sowie das Bad Endbacher Thermalwasser.

Weit weniger bekannt sind Untersuchungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe aus den Jahren 1962 und 1963. Auf der Suche nach weiteren Uranvorkommen stieß man im Gebiet Seibertshausen - einer Wüstung bei Weidenhausen in Richtung Zollbuche - auf ein erhebliches Vorkommen von sogenannten „Seltenen Erden“. Doch damals gab es noch zu wenige Anwendungsmöglichkeiten, und damit war eine wirtschaftliche Förderung uninteressant.

Strecke bei Lohra wird über einen Feldweg verschwenkt

Inzwischen sind die „Seltenen Erden“ jedoch ein begehrter Rohstoff, denn ohne sie läuft kein Handy oder kein Tablet-PC. Deshalb sind die Preise für den Rohstoff ständig gestiegen. Verschärfte vor einiger Zeit bereits eine chinesische Ausfuhrbeschränkung die Situation - China hat nach derzeitigen Erkenntnissen die weltweit größten Vorkommen - taten nun die gegenseitigen Sanktionen infolge der Krim-Krise ein Übriges, sodass eine Förderung längst wirtschaftlich ist, weil nun auch Russland als weiterer wichtiger Exporteur solche Beschränkungen erlassen hat.

Allerdings fallen im unterirdischen Bergbau große Mengen an Abraum an, den man nur über die Schiene wirtschaftlich und vor allem umweltverträglich zu den Aufbereitungsanlagen in den neuen Bundesländern abfahren kann. In den Rathäusern von Gladenbach und Lohra ist die Euphorie groß, da die beiden Kommunen vor einiger Zeit die ehemaligen Bahngrundstücke zum Weiterverkauf erworben haben, jedoch bis jetzt fast nichts davon an den Mann gebracht haben. Nun wird man alles auf einmal an einen Investor los, der der OP schon einen Einblick in seine Planungen gewährte. Gleiches gilt für die Grundstücke auf dem Gebiet der Gemeinde Weimar, die noch der Deutschen Bahn gehören.

In Lohra, wo die Strecke durch einen Supermarkt und den im Bau befindlichen Busbahnhof (OP berichtete) bebaut ist, wird die Strecke über einen Feldweg geführt, der seinerseits Richtung Salzböde verschwenkt.

In Erdhausen, wo vor vielen Jahren eine Straßenbrücke über die Bahn abgerissen und die Lücke im Damm aufgefüllt wurde, soll nun ein etwa acht Meter langer Minitunnel unter der Straße gebohrt werden, das Gleis wird gegenüber der früheren Lage um 1,5 Meter tiefer gelegt. Damit kann der Straßenverkehr, von einer Tempobeschränkung während der Bauzeit abgesehen, uneingeschränkt weiterrollen.

An B 255 bei Weidenhausen soll Brücke gebaut werden

Direkt hinter dem ehemaligen Bahnhof Weidenhausen wird die Strecke allerdings um einiges steiler ansteigen als früher, um rasch ausreichend Höhe zu gewinnen, damit die Bundesstraße mithilfe einer Brücke überquert werden kann. Diese Brücke soll nach Informationen der OP hundert Meter vor dem Parkplatz entstehen. Dann folgt die Bahn auf diesem neu zu bauenden Teil flach der Talflanke bis zum Installationsplatz, wo sich der Eingang in das Bergwerk und die Verladebunker befinden werden. Aus Platzgründen kann dort allerdings keine Wartungshalle für die Bergbaugeräte und -maschinen gebaut werden. Diese wird deshalb im Interkommunalen Gewerbepark Salzbödetal errichtet und wird per Lastwagen beliefert, was problemlos möglich ist, da alle Maschinen in maximal 20 Tonnen schwere und sehr kompakte Einzelteile zerlegt werden müssen, um überhaupt durch den Schacht zu ihrem unterirdischen Einsatzort zu kommen. Dort unten werden sie dann wieder zusammengesetzt, eine gängige Praxis im Bergbau.

Der Region steht also ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung bevor. Die ersten Vorarbeiten haben bereits begonnen. Zuerst wurden am Montag in Niederwalgern Gleisbaumaschinen zusammengezogen, um das bis heute verbliebene etwa einen Kilometer lange Reststück der Aar-Salzböde-Bahn instand zu setzen. Der Investor, der noch nicht namentlich genannt werden will, will die Bürger in den nächsten Wochen in Bürgerversammlungen über seine Pläne informieren. Nach Informationen der OP sollen gegen Ende 2015 die ersten Züge rollen und bis zur Aufnahme des Vollbetriebes Mitte 2017 rund 600 neue Arbeitsplätze entstehen. Wenn es den Verantwortlichen gelingt, einen Teil der Kaufkraft dieser 600 in der Region zu halten, dürften indirekt noch mehrere Dutzend weitere Arbeitsplätze entstehen.

Aus dem Umfeld des Unternehmers erfuhr die OP zudem, dass dieser einer Wiederaufnahme des Personenverkehrs zwischen Weidenhausen und Niederwalgern grundsätzlich offen gegenübersteht, allerdings erwartet er bei der Errichtung neuer, den heutigen Anforderungen entsprechenden Bahnhofsanlagen eine finanzielle Beteiligung des Landes und der Kommunen.

Für seine eigenen im Drei-Schicht-Betrieb arbeitenden Beschäftigten soll auf dem Werksgelände ein kleines Parkhaus entstehen sowie mehrere Werksbuslinien von den umliegenden Orten in das Werk eingerichtet werden.

Lohras Bürgermeister Georg Gaul sagte am Montag er sei „vorsichtig optimistisch“, denn die Bahngrundstücke betreffend müsse im April die Gemeindevertretung zunächst ihr Einverständnis geben. Der Investor habe deutlich gemacht, dass er die Transporte auch über die Straße abwickeln könne, sagte Gaul. Gladenbachs Stadtoberhaupt Klaus-Dieter Knierim war am Montag weitaus gesprächiger.

Parlamente müssen Planungsgrundlage schaffen

Bereits seit voriger Woche arbeiteten ein Ingenieurbüro und die Stadtverwaltung an einer Vorlage zur erneuten Änderung des Flächennutzungs- und Bebauunsplans für das Bahnhofsgelände, sagte er. Damit werde sich das Parlament in seiner Aprilsitzung beschäftigen, kündigte Knierim an. „Sollte alles so laufen, wie es uns vorgestellt wurde, wäre das ein großartiger Gewinn für die Region“, sagte er. Für die Bahngrundstücke winke beim Verkauf das x-fache von dem, was die Stadt gezahlt habe.

Der Investor wolle die komplett noch zur Verfügung stehende Fläche im Gewerbepark Salzbödetal erwerben. Und im Hinblick auf die bevorstehenden Investitionen und neuen Arbeitsplätze gebe es bereits Anfragen für Grundstücke im Erdhäuser Gewerbegebiet „Im tiefen Graben“ unter anderem von einer namhaften Schnellrestaurant-Kette. Darüber hinaus suche der Investor bis zu 30 Bauplätze für Eigenheime, die er seinem Führungspersonal zum Kauf oder zur Vermietung anbieten wolle, freut sich Gladenbachs Bürgermeister.

von Stefan Runzheimer und Hartmut Berge

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