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Weidenhäuser waren einst arme Leibeigene

Geschichtsvortrag Weidenhäuser waren einst arme Leibeigene

Vor rund zweihundert Jahren herrschten in dem heutigen Gladenbacher Stadtteil Weidenhausen meist ärmliche Verhältnisse.

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Vorsitzende Anneliese Müller (links) dankt Jochen Becker (Mitte) und Rainer Bastian für die Präsentation des geschichtlichen Vortrags im Regionalmuseum „Hinz Hoob“.

Quelle: Heribert Theis

Weidenhausen. Im Weidenhäuser Regionalmuseum „Hinz Hoob“ haben sich am Freitag zahlreiche Zuhörer zum geschichtlichen Vortrag des Heimatvereins getroffen.

Erst mit der Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahre 1811 und dem Beginn der Industrialisierung ging es aufwärts.

Jochen Becker erläuterte den Zuhörern unterstützt von Rainer Bastian (beide vom Heimatverein) in seinem Vortrag die Umstände, unter denen die Bevölkerung zu dieser Zeit leben musste.

Das Bauerndorf Weidenhausen habe damals politisch zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt gehört. Zu dieser Zeit war auch schon der Begriff „Hinterland“ geprägt worden, weil Weidenhausen, wie auch andere Orte der Gegend, weit ab von der Verwaltungsstelle Oberhessen des Großherzogs in Gießen lagen. Nach Gießen sei auch Gladenbach ein Verwaltungszentrum für etwa 40 Dörfer gewesen. Für diese Dörfer sei auch der Physicus und Amtsarzt Dr. Wilhelm Deibel zuständig gewesen. Deibel, so Referent Becker, habe 1832 in seinem Bericht an vorgesetzte Behörden den Zustand der Bevölkerung Weidenhauses beschrieben.

So habe er unter anderem mitgeteilt: Weidenhausen sei „ein verarmtes evangelisches Filialdorf mit 430 Einwohnern, die sich mit Ackerbau und Strumpfstricken über Wasser“ hielten.

Zu Weidenhausen und den Dörfern der Umgebung habe sich Deibel auch im folgenden Originaltext geäußert:

„Die Reinlichkeit im allgemeinen gehört nicht zu den gangbarsten Artikeln im Bezirk, doch zeichnen sich auch hier wieder einzelne Orte - und überhaupt die wohlhabende Classe vor anderen aus. Das Reinigen der Straßen ist fast gänzlich vernachläßigt, und man findet mehr Koth als Pflasterstaine. In den Wohnstuben der Landleute wird fast das ganze Jahr hindurch gekocht, gesotten, gebraten und gewaschen, und dabey selten die Luft durch Öffnen eines Fensters erneuert. Die Bettücher und Bettüberzüge - wenn deren da sind - werden bey vielen in 3 Monat nicht gewechselt und es herrscht fast überall die größte Armuth an Weiszeug.

Die Bewohner des Bezirks sind von mittlerer Größe und in der Regel mit einem robusten Körperbau versehen, worauf Witterung, Nahrung und Kleidung einen sichtbaren Einfluß ausüben.

Die meisten Wohnungen sind zweystöckig, von Holz erbaut und größtentheils mit Stroh gedeckt; ihre innere Einrichtung ist selten zweckmäßig, noch schön. Allgemein eingeführt sind die s. g. Kranzöfen - ein aus 5 gegossenen Platten und einem Blechkasten bestehender Ofen - worauf fast das ganze Jahr hindurch gekocht wird, und für die Gesundheit äußerst nachtheilig ist.

Die Kleidung der Landleute besteht bey Männern meistens in einem leinernen Kittel und Hosen, in einer wollenen Weste oder einem gestrickten Camisohl, wollenen Strümpfen und stark benägelten Schuhen.“

Bezeichnend für die damalige Zeit sei auch die Kleinteiligkeit der Ackerflächen gewesen, so Becker. Die Weidenhäuser Gemarkung habe im Jahre 1860 (wie auch heute noch) aus 922 Hektar Wiesen- und Ackerfläche bestanden, die in 4471 Parzellen aufgeteilt gewesen sei.

Zu den einzelnen Parzellen habe es kaum Zugangswege gegeben.

Das habe bei der Bestellung der Äcker und Wiesen zu Problemen geführt. Erst nach 1945 habe es eine Flurbereinigung gegeben. Bis 1826 hätten die Weidenhäuser Bauern einen Natural-Anteil an das Großherzogtum Darmstadt abführen müssen. Danach sei die Abgabe in Geldrente umgewandelt worden.

Im Jahre 1838 habe die Umwandlung der Agrarflächen in Privateigentum begonnen. Es folgte eine hypothekenartige Finanzierung der Grundfläche, die in 47 und mehr Jahren mit vier Prozent Verzinsung habe zurückgezahlt werden müssen.

Die Industrialisierung selbst, so berichtete Becker, habe 1838 durch Errichtung der Justushütte begonnen. Dies sei jedoch kein durchschlagender Wandel gewesen.

Die Hütte habe zunächst nur wenige Arbeitsplätze geboten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts habe die Hütte mehr Wohlstand in die Bevölkerung gebracht, weil sich dann das Arbeitsplatzangebot erhöht habe.

Der nächste Vortrag der Reihe mit dem Thema „Sitten und Gebräuche im Jahreskreis“ findet am letzten Freitag im Februar statt.

von Heribert Theis

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