Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Was Milchbauern für ein zufriedenes Muh tun

Kuhhaltung Was Milchbauern für ein zufriedenes Muh tun

Bei der Haltung von Milchkühen kann der Bauer viel tun, um das Wohl und den Komfort der Tiere zu steigern. Auf unterschiedliche Weise machten die Kühe einen gesunden Eindruck.

Voriger Artikel
Plitts machen genau das, was sie wollen
Nächster Artikel
Theater, Spiele und wärmendes Feuer

Eine Kuh auf Hof Fleckenbühl lässt es sich schmecken.

Quelle: Nadine Weigel

Bottenhorn. Die 58 Milchkühe im Stall von Matthias Pitzer kauen in aller Ruhe die Reste der saftigen Grassilage, die vor ihnen auf dem Futtertisch liegt. Sie wissen, gleich geht es zum Melken. „Ich bereite gleich den nächsten Mischwagen Futter vor, den kriegen sie aber erst nach dem Melken, sonst kommen sie nicht in den Melkstand“, schmunzelt Pitzer.

In den Mischwagen kommen in Pitzers Bio-Betrieb in Bottenhorn außer Grassilage auch Getreideschrot, Mineralfutter, zwischen fünf und zehn Prozent Heu sowie ein Kraftfutter. Dieses kauft Pitzer zu, es besteht aus verschiedenen Getreidesorten und Grünkernmehl. Alles andere baut er in Bio-Qualität an.

Auf Fleckenbühl stehen 72 Kühe

Auch auf Hof Fleckenbühl bei Schönstadt kommen 99 Prozent des Futters für die 72 Milchkühe aus dem eigenen Betrieb, der nach Demeter-Richtlinien arbeitet. Rund 30 bis 35 Kilo Grassilage und drei Kilo Heu verputzt eine Fleckenbühler Kuh täglich. Dazu Kleegras, Luzerngras und je nach Bedarf ein selbst hergestelltes Kraftfutter aus Gerste, Ackerbohne und Hafer, erklärt Karsten Spehr, der Betriebsleiter Viehwirtschaft. Auf Hof Fleckenbühl dürfen die Kühe halbjährig auf die Weide,  Matthias Pitzer lässt seine Kühe „immer wenn es geht raus“. Bei beiden erhalten die Kälber nach der Geburt Vollmilch.

Die Botthof und Bieker GbR in Niederklein führt ihren Hof mit 140 Milchkühen konventionell. „Je nach Qualität der Grundfutterproben rechnet ein Labor die optimale Futterration aus“, erklärt Andreas Botthof. Zur Grassilage kommt Maissilage, etwas Stroh für die Struktur und ein Kraftfutter aus Getreide-, Mais-, Raps- und Sojaschrot. Botthof teilt die Kühe im Stall in Gruppen auf.

Kälber bekommen zwei Wochen lang Vollmilch

Je nachdem, wann das letzte Kalb geboren wurde, geben sie nämlich unterschiedlich viel Milch und brauchen deshalb eine andere Futtermischung. Auf die Weide lassen kann Botthof die Kühe nicht, weil hinter dem Stall ein Weg entlangführt und keine geeignete Fläche da ist, erklärt er. Die Kälber bekommen zwei Wochen lang Vollmilch, danach Milchersatz.

Auf dem Hof Schäfer in Cappel fressen die 20 Milchkühe von April bis Oktober frisches Gras und Heu. Früher konnten die Rinder noch auf der Weide grasen. Mittlerweile sei das nicht mehr möglich. Am nahegelegenen Radweg ist zu viel Verkehr,  und die Rinder sind oft ausgebüchst, erklärt Landwirt Oliver Malecki. Er verfüttert außerdem selbst angebautes Getreideschrot und Kraftfutter aus Mais, Raps, Gerste, Melasse und Mineralfutter. In den Wintermonaten gibt es Grassilage und Heu.

Motto beim Stallbau: viel Licht, viel Luft, viel Platz

Beim Fressen haben die Kühe auf Hof Fleckenbühl guten Halt auf weichen Kunststoffmatten. „Auf der Wiese stehen die Kühe ja auch weich. Wir haben versucht so viel Weide wie möglich in den Stall zu transportieren, nach dem Motto: Viel Licht, viel Luft und viel Platz“, erklärt Karsten Spehr. Dieses Motto scheinen auch die anderen Bauern beherzigt zu haben.

Die Ställe in Schönstadt, Bottenhorn und Niederklein sind alle großzügig gebaute, sogenannte Kaltställe mit offener Front. Das heißt, die Ställe sind nicht wie früher gemauert und werden je nach Wetter mit Windfängen geschlossen. Die Kuhställe in Bottenhorn und Niederklein wurden 2003 gebaut, der in Schönstadt 2008.

Der Stall in Cappel steht schon seit 1976. Die Wände sind gemauert, drinnen ist es nicht ganz so hell. Der zweite große Unterschied fällt schnell auf. Während die Kühe in den anderen Ställen einigermaßen frei laufen können, sind sie hier angebunden. Den oft geäußerten Vorbehalten gegenüber der Anbindehaltung hält Malecki gewichtige Argumente entgegen: „Kühe in Anbindehaltung sind die Tiere, die am längsten leben und am wenigsten Probleme mit der Klauengesundheit haben.“

Morgens und abends wird frisch eingestreut

Der Stall wird morgens und abends gemistet. Dadurch stehen und liegen die Kühe immer auf trockenem, frischem Stroh. „Diese Art der Haltung gibt es schon lange, ein Verbot würde viele der kleinen Betriebe kaputtmachen“, befürchtet Malecki, der den Betrieb nebenerwerblich führt – konventionell aber gentechnikfrei.

Er mag vor allem das enge Verhältnis, das er durch die Haltung zu seiner kleinen Herde hat: „Ich bin so mehrmals am Tag nah bei den Kühen. So kriegen wir zum Beispiel jede Geburt mit und gehen auch nachts schauen, wenn es sich andeutet.“ Die drei neueren Ställe haben gemeinsam, dass sie jeweils aus Futterplätzen, Laufbereich und den Liegeboxen bestehen. In Bottenhorn und Niederklein laufen die Kühe auf Spaltböden, durch die Ausscheidungen durchfallen und in den Güllebehälter gelangen. Bei den Fleckenbühlern räumt ein Schieber den Gang in regelmäßigen Abständen automatisch.

Zu Melkzeiten werden die "Betten" gemacht

In die Boxen legen sich die Kühe zum Wiederkäuen, Ruhen und Schlafen. Diese sind mit einer sogenannten Matratze aus Stroh eingestreut. Bei der Zusammensetzung und Pflege der Matratze hat jeder Landwirt seine eigene Methode. So häckselt Matthias Pitzer Stroh und mischt es mit Kalk und Wasser. „Der Kalk senkt den ph-Wert in den Boxen, das ist gut für die Klauen und die Euter.“ Weil die Kühe das Stroh von vorne nach hinten in den Gang heraustragen, streut er immer vorne nach. Karsten Spehr mischt zusätzlich noch Sägemehl unter.

„So entsteht eine bequeme und lockere Matratze. Zu den Melkzeiten machen wir dann die Betten, entfernen gegebenenfalls Dreck und schütteln die Matratze auf“, erklärt Spehr. Je nach Bedarf werden die Matratzen in der Regel wöchentlich komplett gewechselt. Auch Andreas Botthof streut die Boxen wöchentlich neu mit gehäckseltem Stroh ein, aus Kostengründen mischt er aber nur jede zweite Woche Kalk darunter. Während der Melkzeiten werden hier die Boxen gereinigt.

In der Regel versuchen Milchbauern ihre Kühe in möglichst gleichmäßigen Abständen zu melken. Meistens ist das morgens zwischen 6 und 7 Uhr und am Abend zwischen 17 und 18.30 Uhr. So halten es auch Malecki, Pitzer und Botthof. Damit das Leben in der Gemeinschaft auf Hof Fleckenbühl nicht unter den Melkzeiten leidet, wird dort immer morgens um 5.30 Uhr und nachmittags um 15.30 Uhr gemolken. „Die Kühe gewöhnen sich dran“, sagt Karsten Spehr.

Bei der Lebenserwartung gibt es eine weite Spanne

Zum Melken geht es für die Kühe in Schönstadt und Bottenhorn in den sogenannten Doppelsechser-Fischgrätenmelkstand. Der besteht aus sechs Melkplätzen auf beiden Seiten des Melkstands. Die Kühe betreten ihn in Sechsergruppen und stehen schräg nebeneinander, mit dem Hinterteil in Richtung Melkgrube. Dort werden die Euter gereinigt, die händisch angemolkene Milch kontrolliert. Dann wird die Melkmaschine angehängt, die die Kühe per Unterdruck melkt.

In Bottenhorn ist der Melkstand zusätzlich mit Gummimatten für einen sicheren Stand ausgelegt, und in Niederklein wird an einem Doppelachter-Fischgrätenmelkstand in Achtergruppen gemolken. Oliver Malecki melkt die Kühe mit drei tragbaren Melkgeräten an ihrem Platz im Stall. Wie viel Milch eine am Tag gibt, hängt von der Rasse sowie der Fütterung ab und wie lange die Geburt des letzten Kalbs her ist.

Oliver Malecki hat seine Herde auf Fleckvieh umgestellt

Die Fleckenbühler, Pitzer und Botthof halten überwiegend schwarzbunte Holstein-Kühe mit ein paar rotbunten darunter. Oliver Malecki hat seine Herde vor Jahren auf Fleckvieh umgestellt. Diese Kühe geben zwar etwas weniger Milch und fressen mehr, sind aber auch weniger anfällig für Krankheiten und eignen sich auch als Fleischrinder. Die durchschnittlich 25 Liter pro Kuh liefert er an die Marburger Traditionsmolkerei. Auch die Fleckenbühler melken im Schnitt 25 Liter, verarbeiten die Milch zum größten Teil in der eigenen Käserei.

Matthias Pitzers Kühe geben etwa 19 Liter, er beliefert die Upländer Bauernmolkerei. Andreas Botthofs Milch nimmt die Schwälbchen Molkerei ab. Bei ihm bekommt die Gruppe der Kühe bis zu 70 Tage nach der Kalbung, die sogenannten „Fresh Cows“, eine Futtermischung, um täglich 38 Liter Milch zu geben. Je nach Abfall der Milchleistung erhält die Kuh dann bis zu 130 Tage in der „Hochleistungsgruppe“ Futter für 28 Liter Milch. In der dritten Gruppe der „Altmelker“ bleiben die Kühe dann rund acht Wochen und geben zwischen 22 und 24 Liter am Tag.

Acht Wochen vor dem Kalben steht Kuh trocken

Etwa acht Wochen vor der Geburt des nächsten Kalbs gibt die Kuh keine Milch mehr, sie „steht trocken“, wie Milchbauern es nennen. „Die Kuh kommt dann sozusagen in Mutterschutz, soll vor und kurz nach der Kalbung keinen Stress haben“, erklärt Botthof. Die Kühe kommen dazu drei Wochen vor der Geburt in ein anderes Abteil mit etwas mehr Platz, das tief mit Stroh eingestreut ist, wie auch auf den anderen Höfen.

Mehr Platz brauchen die Kühe ebenso, wenn sie ihre Hörner behalten, wie in Schönstadt. Matthias Pitzer setzt auf genetisch hornlose Besamung der Kühe. In Niederklein werden die Kühe enthornt, in Cappel dürfen die Hörner dranbleiben. Bei der durchschnittlichen Lebenserwartung der Kühe ergibt sich eine weite Spanne bei den unterschiedlichen Haltungen. Die Kühe in Cappel werden bis zu zwölf Jahre, in Bottenhorn zehn und bei den Fleckenbühlern acht Jahre alt. In Niederklein werden die Kühe hingegen nur fünf bis sechs Jahre alt.

von Philipp Lauer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr