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War es Kuh Verona oder irgendein Bulle?

Amtsgericht War es Kuh Verona oder irgendein Bulle?

Vor Gericht steht eine 60-jährige Agraringenieurin, der die Kuh Verona gehört. Diese steht unter Verdacht, vor zwei Jahren eine Driedorferin getötet zu haben. Der Vorwurf gegen die Bäuerin lautet auf "mangelnde Weidekontrolle".

Dillenburg. Wer ist verantwortlich für den Tod einer 57-jährigen Driedorferin? Die Spaziergängerin lag vor zwei Jahren tot auf einer Wiese bei Odersberg. Sie soll von einer Kuh niedergetrampelt worden sein. Seit gestern steht die Tierhalterin wegen fahrlässiger Tötung vor dem Dillenburger Amtsgericht. Die entscheidende Frage: War es überhaupt ihre Kuh „Verona“ oder ein anderes Tier, möglicherweise ein Bulle, den Feuerwehrmänner gesehen haben wollen.

Die Driedorferin war am 29. August 2011, einem Montagabend, mit ihrem Hund nahe Odersberg spazieren gegangen. Als sie nach zwei Stunden noch nicht zurück war, machte sich ihr Mann Sorgen, fuhr selbst hin, entdeckte aber nur ihren Wagen und den Hund. Von seiner Frau keine Spur.

Ein Suchtrupp der Feuerwehr fand ihre Leiche am nächsten Morgen auf einer Wiese. Noch am Vorabend sei sie innerhalb kürzester Zeit an schweren inneren Verletzungen und Knochenbrüchen gestorben, stellte ein Rechtsmediziner aus Gießen später fest.

Staatsanwalt: Tötung hätte vermieden werden können

Die drei Feuerwehrleute, die zuerst am Tatort waren, berichteten, das Gras um sie herum sei platt getrampelt gewesen. Und alle drei bemerkten ein schwarzes Tier auf der Nachbarweide.

Für Staatsanwalt Frank Späth ist klar, dass es die Kuh „Verona“ war, das Tier einer 60-jährigen Agraringenieurin aus Odersberg. Die Indizien seien eindeutig. Die trächtige Kuh war vier Tage vorher beim Umtreiben aus der Herde der Frau unbemerkt ausgebüxt und hatte das Kälbchen anschließend freilaufend geboren. Danach wurde die Kuh zwar wieder von der Besitzerin gesich-tet- aber nicht eingefangen.

„Die Tötung hätte vermieden werden können“, sagte der Staatsanwalt. Er wirft der Angeklagten „mangelnde Weidekontrolle“ vor, sie habe das Tier nicht ausreichend beaufsichtigt. Und im Falle einer Mutterkuh gelte sogar eine erhöhte Aufmerksamkeitspflicht.

Das DNA-Gutachten eines Münchener Instituts sollte seine Version stützen. Das Amtsgericht hatte es in Auftrag gegeben, die Ergebnisse liegen erst seit wenigen Tagen vor: Dem nach seien am Leichnam der Driedorferin Speichelspuren der Kuh „Verona“ entdeckt worden.

Rinder-DNA ist nicht einzelnen Tieren zuzuordnen

Und als die Angeklagte sagte, „ich weiß nicht, ob es meine Kuh wirklich war“, stellte Strafrichter Matthias Gampe klar: „Das hat die DNA-Analyse aus Bayern nun eindeutig ergeben.“

Aber: Ein Veterinärmediziner aus Gießen, der gestern als Experte befragt wurde, zog das Gutachten anschließend in Zweifel: Die DNA sei von einem Rindvieh, aber nicht zwangsläufig von der Kuh „Verona“. Man könne eine Rinder-DNA nicht einem einzelnen Tier zuordnen.

Für Gunnar Kirschbaum, den Rechtsanwalt der Angeklagten, ist auch folgendes Szenario vorstellbar: „Spuren der Kuh ,Verona‘ können auch beim Beschnüffeln des Leichnams entstanden sein.“ Bei einem Angriff hätten auf jeden Fall Kuh-Haare an der Bekleidung der Frau sein müssen. Das Landeskriminalamt habe in einer Untersuchung jedoch keine gefunden. Auch für den Veterinärmediziner ist es unerklärlich, dass keine Kuh-Haare entdeckt wurden.

Ist mysteriöses „schwarzes Tier“ der wahre Täter?

Der Verteidiger stellt deshalb infrage, ob es überhaupt die Kuh „Verona“ war, die die Spaziergängerin getötet hat.

Für die Version des Verteidigers sprechen die Aussagen von Feuerwehrmännern, die die Leiche fanden und von einem schwarzen Tier auf einer Nachbarwiese berichteten. Da die drei Feuerwehrmänner aus Rodenroth sich nicht einig sind, was sie da gesehen hatten. Klarheit sollen weitere Gutachten bringen, für den Prozess sind zwei weitere Verhandlungstage angesetzt.

Die Kuh-Besitzerin wandte sich gestern auch an die Tochter der Getöteten und sagte: „Ich möchte Ihnen mein Bedauern und tiefstes Mitgefühl aussprechen - insbesondere, wenn sich herausstellen sollte, dass es meine Kuh ,Verona‘ war.“

Übrigens: „Verona“ und ihr Kalb sind inzwischen auf einem Gnadenhof in Bayern.

von Jörgen Linker

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