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Von einem fast vergessenen Pogrom

Zweiter Weltkrieg Von einem fast vergessenen Pogrom

Im Altkreis Biedenkopf lebten Mitte 1933 unter insgesamt 38 888 Einwohnern 150 Glaubensjuden. Sechs Jahre später, im Mai 1939, waren nur noch 32 verblieben – in den Augen der Nazis immer noch zu viele.

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Yad Vashem in Jerusalem ist die bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert. Im „Tal der Gemeinden“ in Yad Va­shem, das buchstäblich aus dem natürlichen Felsboden ausgehoben wurde, sind auf 107 Wänden die Namen von mehr als 5 000 jüdischen Gemeinden, die im Holocaust zerstört wurden oder nur knapp überlebten, eingraviert. Auch die jüdischen Gemeinden im Raum Marburg sind dort zu finden.

Quelle: Anna Ntemiris

Buchenau. Anders als in Gladenbach, das neun von zehn Juden nach brutalen Übergriffen verlassen hatten, harrten in Buchenau (mehr als 1 000 Einwohner) sieben Angehörige der jüdischen Religionsgemeinschaft aus – also noch die meisten derjenigen, die 1933 dort registriert worden waren. Doch wenige Tage nach Kriegsbeginn kam es in Buchenau zu einem heute fast vergessenen Judenpogrom.

Dass das damalige Geschehen überhaupt nachweisbar ist, verdanken wir einer anonymen Anzeige an den „Staatsanwalt in Marburg“, die auf den 10. November 1939 datiert ist: „Warum wird nicht gegen die Burschen vorgegangen, die in Buchenau die Juden halb totgeschlagen haben und deshalb ins Krankenhaus nach Marburg mußten? Jetzt sein sie noch dort, und die Burschen lachen sich eins. Ja, weils Juden sein. Bei uns wird es nicht schön geheißen. Es war ja auch eine Schande: wie man zugesehen hat, wie sie gehauen wurden.“

Oberstaatsanwalt Lautz beginnt mit Ermittlungen

Der Marburger Oberstaatsanwalt Lautz ließ sich zunächst von dem zuständigen Polizeibeamten berichten. Gendarmeriemeister Ebling vom Gruppen­posten Eckelshausen teilte ihm am 16. November 1939 mit, er sei am späten Abend des 5. September 1939 benachrichtigt worden, „dass die Jüdin Berta Isenberg, wohnhaft in Buchenau, totgeschlagen worden sei und liege auf der Straße“.

Am Ort des Geschehens stellte Ebling fest: „Die Geschwister Jakob und Berta Isenberg wurden von mehreren Burschen und Männern unter Schlägen aus ihrer Wohnung herausgeholt. Im Hofe wurden dieselben wieder mit Stöcken usw. so geschlagen, dass sie auf die Straße und in die nebenan liegende Wirtschaft Nassauer flüchteten. Dort wurden sie aber auch nicht aufgenommen und liefen unter Schlägen die Straße entlang.“

Arzt aus Biedenkopf versorgt Schwerverletzte

Berta Isenberg versteckte sich in einem Holzschuppen, doch zerrten die Täter sie heraus, prügelten weiter auf sie ein, bis sie „wie tot auf die Erde fiel“. Unweit der Stelle entdeckte sie der Bürgermeister von Buchenau Hermann Muth, der sie mit der Hilfe von zwei Feuerwehrmännern und einer Krankenschwester in ihr Haus brachte. Kurz darauf traf Ebling ein – er fand sie „auf einer Tragbahre liegend in ihrer Küche blutüberströmt vor. Der Jakob Isenberg lag blutüberströmt in einem Zimmer des ersten Stockes.“ Ein aus Biedenkopf herbeigerufener Arzt versorgte die Schwerverletzten, während man auf einen Krankenwagen aus Marburg wartete.

Die Geschwister Jakob und Berta Isenberg, die 1878 und 1888 in Buchenau geboren worden waren und dort bis in die Nazizeit eine Gastwirtschaft besessen hatten, wurden ins Elisabethenkrankenhaus nach Marburg gebracht.
Hier war Jakob „sieben Wochen und vier Tage in Behandlung“, und er trug einen bleibenden Gehörschaden auf dem linken Ohr davon. Berta wurde am 23. Oktober 1939 aus der Klinik entlassen, litt aber weiterhin an den Folgen der brutalen Misshandlung. Ihr drohten durch die langwierige Behandlung zudem enorme Kosten, da sie „nicht Mitglied einer Krankenkasse“ war.

Nach der Entlassung wohnten die Geschwister bei der Metzgerswitwe Hilda Katz in der Untergasse 17, ihren Geburtsort sahen sie offenbar nie wieder.

Jakob Isenberg konnte Ebling einige der Täter nennen, und diese bekannten sich bei ihrer Vernehmung zu ihren Handlungen und nannten die Namen von Mittätern.

Mehrere Dutzend Personen beteiligten sich

Man darf nach den Ermittlungsunterlagen der Oberstaatsanwaltschaft in Marburg davon ausgehen, dass mehrere Dutzend Personen mitmachten. Die meisten waren Jungen aus der Nachbarschaft. Der 19-jährige Landarbeiter Johannes E. gab Ebling gegenüber an, das in den ersten Kriegstagen immer heftigere Trommelfeuer der NS-Propaganda habe ihn dazu aufgerufen, eigenhändig Hand anzulegen: „Durch die Aufwügelung [!] des Weltjudentums war ich so empört, dass ich mich rasch entschloß, auch hier mitzuwirken. Ich […] begab mich in den Hof und schlug vorerst mit der Faust auf den Isenberg und seine Schwester Berta ein. Später schlugen wir mit allen Gegenständen, die uns in die Hände fielen, auf die Geschwister Isenberg ein.“

Der 17-jährige Waldemar D. erklärte, dass sich gegen 19 Uhr Kinder und Jugendliche vor dem Haus der Isenbergs versammelten. Sie bewarfen es mit Steinen, einige holten die Bewohner heraus, schlugen sie, bis
Jakob Isenberg geflohen und Berta blutüberströmt zu Boden gesunken sei.

Opfer sprechen von Schiedsgerichtsspruch

Diese sagte ihrerseits aus, die Täter hätten den Geschwistern eröffnet: „Das Schiedsgericht hat Euren Tod beschlossen“, ehe sie sie auf den Hof trieben. Jakob Isenberg wurde gezwungen, laut auszurufen: „Ich bin ein Jude. Ich bin ein Stinker.“ Er gab an, dass der Pogrom von Karl D. (geboren 1909) ausgegangen sei, der selbst mit dem Prügeln anfing. D. war schon zuvor wegen gefährlicher Körperverletzung straffällig geworden.

Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass die zu Kriegsbeginn erlassene, mit drakonischen Strafen drohende „Verordnung gegen Volksschädlinge“ nicht anwendbar war, weil sie erst am 6. September 1939 in Kraft trat. Ebenso wenig ließ sich der Diebstahl einiger Gegenstände aus der Wohnung aufklären, den Bertas und Jakobs Schwester Jettchen Isenberg (geboren 1882) am 7. September bemerkte, als sie für ihre Geschwister Kleidungsstücke holte.

Anfang Oktober bat Berta Isenberg den stellvertretenden Marburger Oberbürgermeister Walter Voß (1885-1972), sie in Marburg wohnen zu lassen, wo sie bei „Stern in der Heusingerstraße eine kleine Wohnung ausfindig gemacht“ hatte. Voß wollte jedoch nicht, dass Marburg „das Sammelbecken von Juden wird, die die Landstädte nicht mehr haben wollen“. Er hätte sie lieber wieder in den Kreis Biedenkopf abgeschoben.

Damaliger Landrat wollte Einstellung des Verfahrens

Doch Landrat Dr. Burghof stellte die dreiste Behauptung auf, keiner der ansässigen Juden sei gezwungen worden, seinen Kreis zu verlassen. Er verstehe indes, dass „sie sich mit ihren
2 Rassegenossen in der nationalsozialistischen Gemeinde Buchenau nicht mehr wohlfühlt“.

Damit nicht genug, setzte sich der Landrat mit all seiner Autorität dafür ein, „die Fortführung des Verfahrens“ zu unterbinden. Gegenüber dem Oberstaatsanwalt in Marburg rechtfertigte er Anfang 1940 den Überfall auf die Geschwister Isenberg mit einer „Volksnotwehr“, während er zugleich die NSDAP-Kreisleitung in Dillenburg drängte, ihren Einfluss geltend zu machen, damit sein Vorstoß über den Gauleiter an den Stellvertreter des Führers (Rudolf Heß) gebracht werde. Auch an die Staatspolizeistelle in Frankfurt am Main richtete Burghof die „Bitte, die Einstellung des Verfahrens zu erwirken“.

Und tatsächlich wurden die Täter des Pogroms in Buchenau nie belangt. Von den Geschwistern Isenberg überlebte niemand: Jakob starb im April 1942 im Israelitischen Krankenhaus in Frankfurt, Berta wurde am 3. Juni in die Gaskammer des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Sobibór getrieben, und Jettchen kam im gleichen Jahr im Lager Auschwitz um.

Weitere Aufarbeitung geplant
  • Das Gedenken an Ausgrenzung, Misshandlung und Deportation der jüdischen Deutschen 70 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erfordert, auch die Geschehnisse unter dem Nationalsozialismus vor Ort genauer zu betrachten.
  • Was den Altkreis Marburg angeht, ist dazu von Barbara Händler-Lachmann und der Geschichtswerkstatt Marburg schon vor einem Vierteljahrhundert viel geleistet worden. Mit Blick auf den gesamten heutigen Landkreis Marburg-Biedenkopf ergibt sich allerdings ein großes Ungleichgewicht, denn im ehemaligen Kreis Biedenkopf haben sich nur wenige mit der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte beschäftigt.
  • Der wichtigste Beitrag über die Vertreibung und Ermordung der Juden im Hinterland stammt von dem inzwischen verstorbenen Jürgen Runzheimer: „Abgemeldet zur Auswanderung. Die Geschichte der Juden im ehemaligen Landkreis Biedenkopf“, herausgegeben vom Hinterländer Geschichtsverein, Biedenkopf 1992.
  • Da Runzheimer die Akten des Landratsamts Biedenkopf im Marburger Staatsarchiv offenbar nicht eingesehen hat, ergeben sich an manchen Stellen wesentliche Ergänzungen zu dem bisher bekannten Ablauf des Geschehens.
  • Die Geschichtswerkstatt Marburg plant für die Zukunft, die Geschichte der Juden im Landkreis weiter aufzuarbeiten.

von Klaus-Peter Friedrich

Dr. Klaus-Peter Friedrich ist 2. Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Marburg. Die hier zitierten Dokumente sind auf den Internet-Seiten von Digitales Archiv Marburg (DigAM) einsehbar: http://digam.net/indexa51e.html?ar=1128

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