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Vom Legostein zum realen Kinderspaß

Karussellbauer Vom Legostein zum realen Kinderspaß

Da dreht sich was: Mit Drachen-, Vogel- und Pferdefiguren trifft der Jungunternehmer John Heinz den Geschmack von Kindern auf Volksfesten.

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John Heinz mit einem seiner jüngsten Projekte, dem „Kettenflieger“. Dieser war kürzlich bei einer Ausstellung in Amsterdam zu sehen.

Quelle: Björn-Uwe Klein

Oberdieten. „Bleib klein, dann kannst du noch tun, was dir Spaß macht.“ John Heinz erinnert sich noch genau an diese Worte. Ein Unternehmer, der für 25 Mitarbeiter verantwortlich war, gab sie ihm mit auf den Weg. Das ist schon einige Jahre her. Heinz stand gerade am Beginn seiner Laufbahn als Selbstständiger. Die Worte des Unternehmers machten ihn nachdenklich. Denn Tag für Tag tut der Eibelshäuser das, was ihm Spaß macht. Und lebt davon. Der 23-Jährige ist Karussellbauer. Der jüngste in Deutschland. „Pleasure Equipment“ heißt seine Firma, die Werkstatt befindet sich im Industriegebiet des Breidenbacher Ortsteils Oberdieten.

Mit 17 Jahren das erste Karussell gebaut

Nein, einen Betrieb mit vielen Mitarbeitern führen will John Heinz nicht. Lieber nimmt er ein paar Aufträge weniger an und behält dafür seinen eigenen Arbeitsrhythmus bei. Eigener Rhythmus bedeutet: ein bis zwei Karussells pro Monat. Schon dafür fallen häufig 80 Stunden Arbeit pro Woche an. Seine Eltern Harald und Rita Heinz und sein 19-jähriger Bruder Steve packen oft mit an, bestimmte Arbeiten mit Verbindungselementen erledigt an drei Tagen die Woche sein Mitarbeiter Hans Werner Reichl. Ansonsten aber kümmert sich der Jungunternehmer selbst um die Produktion und den Verkauf.

Karussellbauer - das ist eine Tätigkeit, für die es keine Ausbildung gibt. Eine Tätigkeit, in der Inhalte aus mehreren Berufen zusammenkommen: Beispielsweise Schlosser-, Schreiner- und Design-Arbeiten. Bereits zu Schulzeiten entdeckte John Heinz seine Passion. Karussells, die er auf Kirmesfesten sah, baute er so detailgetreu wie möglich aus Legosteinen nach. Als er 17 Jahre alt war, schenkte ihm ein Eschenburger Metzger ein ausgemustertes Wäschemangel-Getriebe. Dieses wollte John Heinz eigentlich für den Bau eines Modell-Karussells verwenden, doch das Ergebnis sah anders aus: größer. Das Wäschemangel-Getriebe wurde zum Motor seines ersten „echten“ Karussells. Bei Ebay verkaufte er es. „Von dem Geld hab‘ ich mir das Material für das nächste Karussell gekauft“, erzählt der junge Mann.

2010 wird elterliche Garage als Werkstatt zu klein

Er meldete ein Gewerbe an, die Anfragen häuften sich, die Produktion kam mehr und mehr ins Rollen. Bald wurde es eng in der elterlichen Garage. Nach dem Fachabitur leistete John Heinz seinen Zivildienst ab - und kümmerte sich abends um die Arbeiten, die er tagsüber nicht erledigen konnte. Er begann ein Maschinenbaustudium, brach es aber ab, weil es sich mit der Firma kaum unter einen Hut bringen ließ.

2010 war die Garage von Familie Heinz endgültig zu klein geworden. Eine neue Produktionsstätte musste her. Sie entstand im Gewerbegebiet Oberdieten. Mittlerweile ist es auch dort recht eng geworden, sodass eine Erweiterung geplant ist.

Dicht an dicht stehen in der Werkstatt verschiedene Figuren beieinander, mit denen er seine Karussells bestückt: Pferde, Elefanten und Raben zum Beispiel. Sie bestehen aus Glasfaserkunststoff. Um besonders glatte Oberflächen zu erhalten, verwendet John Heinz Holzformen, ansonsten greift er aber auch auf Gips und Schaumstoff als Formmaterial zurück.

Die Figurenvielfalt geht auf die mitunter sehr individuellen Wünsche der Kunden zurück, aber auch auf die Ideen des Karussellbauers. Manchmal begeistert John Heinz seine Kunden auch mit eigenen Vorschlägen. Dieser Austausch bringt bisweilen ausgefallene Projekte hervor: Ein Froschkönig-Karussell für einen Edeka-Markt in Frankenberg, ein Drachen-Karussell für eine Burg bei Bad Salzungen, ein Dom-Karussell für einen Abnehmer aus Köln. Kürzlich bestellte das Heiztechnik-Unternehmen Viessmann ein Karussell für den Biergarten des firmeneigenen Restaurants Walkemühle bei Frankenberg. Freilich sind Heinz‘ Karussells auch bei Festen im Hinterland zu sehen wie kürzlich beim Dorffest in Oberdieten oder beim Sauplasterfest in Weidenhausen.

Individuelle Karussells ab 5000 Euro aufwärts

Zu seinen jüngsten Arbeiten zählt ein Kettenfliegerkarussell. Ein ähnliches steht in Südtirol. Das von John Heinz ist allerdings ein paar Nummern kleiner, schließlich lautet sein Motto: Kleine Karussells für großes Vergnügen. „Höher und schneller“ sei für ihn nicht das Entscheidende, sagt er. Bevor John Heinz ein neues Projekt beginnt, überlegt er, was ihm als Kind gefallen würde.

Der Karussellbau ist ein Markt mit unterschiedlichen Akteuren. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die - so wie Heinz - handwerklich und individuell zugeschnitten produzieren und von denen es nur ganz wenige gibt. Auf der anderen Seite stehen Massenproduzenten mit wesentlich billigeren Angeboten. Sie kommen beispielsweise aus China. Ihr Geschäft ist nicht das, was John Heinz anstrebt. Er setzt auf eine andere Zielgruppe und freut sich, dass es Kunden gibt, die Individualität, Detailliebe und handwerkliche Qualität schätzen. Und die bereit sind, einen entsprechenden Preis dafür zu zahlen: von 5000 Euro an aufwärts.

Abnehmer im In- und Ausland

Seine Kundschaft, so verdeutlicht John Heinz, sei vielfältig. Mal seien es Privatpersonen, mal Unternehmen - Einkaufsmärkte, Hotels und andere. Kürzlich, bei einer Messe in Amsterdam, kam er sogar mit Interessenten aus Dubai ins Gespräch. Auch in die europäischen Nachbarländer hat John Heinz bereits zahlreiche Karussells verkauft.

von Björn-Uwe Klein

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