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Vize-Landrat will helfen, kann aber nicht

Flüchtlinge Vize-Landrat will helfen, kann aber nicht

Vize-Landrat Marian Zachow heißt Flüchtlinge in Gladenbach willkommen. Doch die erbetene Hilfe kann er nicht leisten.

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Einen Korb mit Mandarinen und Süßem brachte der Vize-Landrat als Willkommensgruß mit. Helfen konnte Marian Zachow den Flüchtlingen aber nicht.

Quelle: Landkreis

Gladenbach. Sie haben Menschen sterben sehen, Unterdrückung und Leid kennengelernt, ihre Familien zurückgelassen. Sie sind glücklich, dass sie noch einmal mit heiler Haut davongekommen sind. Sie leben jetzt in Deutschland, manche von ihnen schon seit Jahren. Schick herausgeputzt warten 30 der 49 Bewohner der Kreuzstraße 39 gespannt auf mehr als ein paar freundliche Worte. Sie erwarten Hilfe.

Der Gastraum in der ehemaligen Gaststätte ist unbeheizt. Die Kälte zieht nach wenigen Minuten in die Knochen. Nur eine Neonröhre spendet Licht, ein Rollo der Fensterfront ist heruntergelassen. Ein Tisch steht einsam im Raum, der Wandanstrich hat schon bessere Tage gesehen, ebenso die festinstallierte Eckbank.

Ein älterer Mann, ein Roma, stützt sich lieber auf seinen Stock, als sich zu setzen. Er wartet geduldig. Dem Mann, der sie alle willkommen heißt, Vize-Landrat Marian Zachow, will er seine Geschichte erzählen. Er sei alt und krank. In seiner Heimat Moldawien habe er alles verloren, sein Haus sei zerstört.

„Ich habe gar nichts mehr“, übersetzt Mehmet Vursal, Betreiber mehrerer Flüchtlingsheime. Er werde nicht mehr geduldet, den Abschiebebescheid habe er bereits erhalten als er im Krankenhaus war. Er konnte den Schock nicht verkraften: Herzinfarkt.

Seine Frau, eine kleine zierliche Person, sei krebskrank und leide furchtbar unter der Angst vor der Abschiebung, sein Enkel befinde sich in psychischer Behandlung. „Ich bin wegen der Menschenrechte hierher gekommen. Warum werde ich wieder zurückgeschickt?“

Betretenes Schweigen. „I can‘t help you“ (Ich kann Ihnen nicht helfen), sagt Marian Zachow hilflos. Dieser eine Satz wiederholt sich am Ende der in aller Kürze zusammengefassten verschiedenen Schicksale der Flüchtlinge mehrfach. Dennoch: Die größtenteils jungen Männer bleiben höflich, lassen die Delegation, die die im Kreistag geforderte „Willkommenskultur“ mit Leben füllen will, nicht im Regen stehen, sondern verharren in einem kalten Raum, in dem es nicht an menschlicher Wärme mangelt, sondern vielmehr an den Möglichkeiten zu helfen. Die Flüchtlinge freuen sich darüber, dass sie willkommen sind und heißen ihrerseits die Fremden in „ihrem Haus“ willkommen.

Zachow: „I can‘t help you“

Ein Mann mittleren Alters berichtet, dass er viele Freunde sterben sah, und davon, dass er dankbar ist, in Deutschland zu sein. Seit zwei Jahren wartet er nun schon auf eine Antwort der Ausländerbehörde. Er wolle sich integrieren. Er hat bereits Deutsch gelernt, will sich verständigen können. Und er will einen Job, produktiv sein, nicht von Sozialhilfe leben.

Der Mann aus Eritrea träumt vom Lebensstandard der Deutschen. Die Realität sieht anders aus: Zu zweit leben Fremde in einem Raum im Flüchtlingsheim. Privatsphäre: Fehlanzeige. Das Geld reicht für Essen und Trinken.

„I can‘t help you“, sagt Zachow gebetsmühlenartig, er verweist auf die Ausländerbehörde.

Den jungen Männern bot er an, sich am Leben der Sportvereine zu beteiligen: zum Beispiel Kegeln, singen, Fußball spielen. Die Stimmung droht zu kippen. Unruhe macht sich breit. Ein Somalier tritt vor, um seiner Stimme mehr Gewicht zu verleihen. Er spricht arabisch, er reiht Satz an Satz, bis er findet, dass es Zeit ist, seine Worte zu übersetzen. Sie spielen gerne Fußball - wann immer es geht. Und sie wollen spielen. Doch von Zachows Einladung der Vereine hat er bis jetzt nichts mitbekommen. „Bis jetzt ist nichts passiert“, sagt er.

Andreas Tauche, Sozialarbeiter im Sozialamt, beruhigt die Menge. „Wir werden die Vereine kontaktieren“, verspricht er und vertröstet die jungen Fußballbegeisterten auf Januar. Um das Thema zu wechseln, kommt Taucher auf die Deutschkurse zurück, die der Special Service und das Diakonische Werk Gladenbach anbieten. Die nächsten Termine für Kurse für Anfänger und Fortgeschrittene stehen fest. Der Landkreis finanziert die ab Januar laufenden Deutschkurse. „Please bring your book“ (Bitte bringen Sie Ihre Bücher mit), sagt eine Landkreis-Mitarbeiterin.

Der junge Somalier will aber mehr: Er will nicht nur Fußballspielen und Deutsch lernen, er will seine Familie finanziell unterstützen und hoffentlich bald nach Deutschland holen. Er will arbeiten und besser leben als jetzt im Flüchtlingsheim. Er will bleiben!

Zachow, der den Flüchtlingen Zeit zum Reden einräumte, wirkt immer hilfloser. „I can‘t help you.“ Auch wenn sie die Worte hören, verstehen wollen die Flüchtlinge sie nicht. Eine Muslima tritt nah an Zachow heran, begleitet von einem Übersetzer. Sie klagt dem Vize-Landrat ihr Leid, unhörbar für die anderen und ohne Wirkung. Auch ihr wird Zachow nicht helfen können. Der Landkreis sei nicht zuständig. Doch der Vize-Landrat kam nicht mit leeren Händen: Er überreichte einen Korb mit Süßem als nette Geste, helfen kann er nicht.

von Silke Pfeifer-Sternke

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