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Vier Jahre Haft für Angriff auf jüngeren Bruder

Landgericht Vier Jahre Haft für Angriff auf jüngeren Bruder

Die erste Strafkammer des Marburger Landsgericht erkannte einen hinterlistigen Überfall mit lebensbedrohenden Handlungen. Die Nebenklage hatte auf versuchten Mord plädiert.

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Am Marburger Landgericht wurde ein Hinterländer wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im Februar 2013 verletzte ein Steffenberger seinen Bruder durch Schläge mit einer Eisenstange und Fußtritten lebensgefährlich. Das Marburger Landgericht verurteilte ihn nun zu vier Jahren Gefängnis.

Wie sich während der Verhandlung herausstellte, lagen die Brüder seit längerer Zeit im Streit. Zwar ist der Angeklagte nicht vorbestraft, jedoch musste er sich zuletzt 2011 wegen Körperverletzung und Diebstahl vor dem Amtsgericht Biedenkopf verantworten. Er sollte seinen Bruder bestohlen haben und habe ihn zweimal geschlagen. Das Verfahren wurde mit der Auflage eingestellt, dass er das Diebesgut zurückgibt.

Die Staatsanwaltschaft warf dem 52-Jährigen jetzt vor, am Abend des 13. Februar des vergangenen Jahres im Haus der Mutter mit einem 80 Zentimeter langen Rohr im Dunkeln auf seinen ein Jahr jüngeren Bruder gewartet zu haben. Als dieser die Tür öffnete, habe der Angeklagte unvermittelt gegen dessen Kopf geschlagen. Einen weiteren Schlag habe das Opfer abwehren können, sei dann aber die Kellertreppe heruntergefallen. Dort habe der Täter weiter auf den Bruder eingeschlagen und habe ihn auch getreten, so die Anklageschrift.

Der Angeklagte äußerte sich vor Gericht nicht selbst. „Er räumt ein, seinen Bruder verprügelt zu haben“, erklärte sein Verteidiger lediglich. Am Ende der Beweisaufnahme stand jedoch für alle Beteiligten fest, dass die Vorwürfe aus der Anklageschrift stimmen. Vor allem das als Nebenkläger auftretende Opfer schilderte laut Auffassung des Gerichts die Geschehnisse sehr glaubwürdig.

Er sei bereits den ganzen Tag bei seiner Mutter gewesen, so das Opfer. Grund sei ein Zivilgerichtstermin wegen eines erneuten Diebstahls seines Bruders gewesen. Er wollte verhindern, dass das Diebesgut aus einem Nachbargebäude verschwinde. Deshalb sei er auch nur kurz etwas essen gefahren und dann zurückgekommen.

Opfer wurde in Klink Schädeldecke geöffnet

Noch bevor er die Tür geschlossen habe, hätte er den ersten Schlag bekommen, so der Zeuge. Bei dem anschließenden Gerangel habe er sich gewehrt, sei aber die Treppe hinuntergestoßen worden, auf der er auf halber Höhe liegen blieb. Der Täter, der nichts gesagt habe, sei dann auf ihn draufgesprungen. Im Folgenden habe sein Bruder weiter auf ihn eingeschlagen und getreten. Er habe nach seiner Mutter gerufen und der Täter habe schließlich von ihm abgelassen und sei geflohen.

Bei der Attacke erlitt der Mann viele Verletzungen. Wie der rechtsmedizinische Sachverständige berichtete, hat der Schlag mit der Eisenstange neben einer klaffenden Wunde einen Schädelbruch verursacht.

Im Krankenhaus sei dem Opfer zudem die Schädeldecke geöffnet worden, um mittels eines Katheters Druck abzubauen. Wie das Opfer gemutmaßt hatte, stamme ein offener Schienbeinbruch wahrscheinlich vom Sprung des Angeklagten, als sein Bruder auf der Treppe lag. Das Bein habe wohl zwischen den Stufen gelegen, denn einen derartigen Trümmerbruch könne ein einfacher Tritt auf dem Fußboden gar nicht verursachen. Zudem habe der Mann eine Herzprellung erlitten, „das deutet auf eine ganz ordentliche Gewalteinwirkung“, so der Mediziner.

Noch heute leidet der 51-Jährige, der insgesamt fünf Monate im Krankenhaus verbrachte, unter den Folgen. Wie er berichtete, sei der Bruch am Bein nicht richtig verheilt, er könne nur humpeln und müsse voraussichtlich noch einmal operiert werden.

Erschöpft? Angreifer ließ von Opfer ab

Mit ihrem Urteil wegen gefährlicher Körperverletzung blieb die erste Strafkammer unter Vorsitz von Richter Carsten Paul unter den Anträgen der Staatsanwaltschaft, die vier Jahre und acht Monate forderte, und der Nebenklage. Die Nebenklagevertreterin erinnerte für eine Verurteilung wegen Körperverletzung an den Strafrahmen, den das Gesetz vorsehe - bis zu zehn Jahren. Mindestens sechs müssten es sein, „denn ich kann mir keinen schlimmeren Fall vorstellen“. Die Verteidigung bat „um ein mildes Urteil“.

Das ausgesprochene Strafmaß sei für einen nicht Vorbestraften bei dieser Tat hoch genug, begründete Paul das Urteil. Das Gericht verkenne nicht, dass äußerst brutal vorgegangen wurde. In jedem Fall handele es sich um einen „hinterlistigen Überfall und eine das Leben bedrohende Handlung“. Der Rechtsmediziner hatte betont, dass die Kopfverletzungen auch tödlich hätte enden können und der offene Bruch zu einem großen Blutverlust geführt habe.

„Ein versuchtes Tötungsdelikt liegt aber nicht vor“, so Dr. Paul in Richtung Nebenklage. Diese hatte auf versuchten Mord plädiert. Der Mann habe seinen Bruder umbringen wollen und nur abgelassen, weil die Mutter hinzugekommen sei, im Übrigen habe er wohl auch keine Kraft mehr gehabt.

Der Sachverständige meinte, dass wohl nur Boxer trainiert genug seien, Schläge und Tritte längere Zeit auszuführen. „Das ganze ist körperlich anstrengend, dass der Angreifer erschöpft war, wundert mich nicht“. Auch der Geschädigte sagte wegen einer Pause, die der Angreifer gemacht habe, „es hat zu lange gedauert, er hat es körperlich nicht geschafft, mich totzuschlagen“.

Selbst wenn dem so gewesen sei, müsse die Kammer davon ausgehen, dass es sich um einen strafbefreienden Rücktritt von der begonnenen Tat handele so Paul. Bereits die Möglichkeit dazu reiche, das zu berücksichtigen sei die Kammer verpflichtet. Mutmaßungen dürfe sie nicht anstellen. „Dazu wollte uns der Vortrag der Nebenklage einladen“, kritisierte Dr. Paul.

Des Weiteren verurteilte die Kammer den Steffenberger dazu, 25000 Euro Schmerzensgeld an seinen Bruder zu zahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Beteiligten behielten sich Rechtsmittel vor.

von Heiko Krause

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