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Verteidiger ringt um Haftanrechnung

Ebaybetrug Verteidiger ringt um Haftanrechnung

Am dritten Verhandlungstag trat ein 58-Jähriger als Zeuge vor Gericht auf, der den Angeklagten im Gefängnis Tacumbú kennenlernte. Er wurde hauptsächlich zu den Zuständen in dem paraguayanischen Gefängnis befragt.

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Vor Verhandlungsbeginn unterhält sich der Angeklagte mit seinem Rechtsanwalt Thomas Strecker.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein Zeuge, ein Thema: Auch gestern ging es vor der Wirtschaftsstrafkammer des Marburger Landgerichts um die Bedingungen, unter denen Häftlinge im Gefängnis Tacumbú leben müssen. Wichtig sind die Umstände für die Verteidigung offenbar, weil erschwerte Haftbedingungen auf eine mögliche Haftstrafe in Deutschland angerechnet werden können, sich strafmildernd auswirken würden.

Ob und in welchem Verhältnis die Haftbedingungen angerechnet werden, entscheidet die Kammer unter dem Vorsitz von Richter Carsten Paul. Zur Verfahrensvereinfachung wurde der mögliche Strafrahmen zu Prozessbeginn im Gegenzug für ein vollständiges Geständnis auf 6,5 bis 7,5 Jahre festgelegt. Der Angeklagte sitzt seit seiner Auslieferung aus Paraguay im April in Gießen in Untersuchungshaft (die OP berichtete).

In der Haftanstalt des gleichnamigen Stadtteils der paraguayanischen Hauptstadt Asunción verbrachte der 29-jährige Angeklagte zwei Jahre, weil ein Verfahren gegen ihn lief und weil seine Auslieferung beantragt war. Während dieser Zeit lernte er den 58-Jährigen kennen, der gestern als Zeuge gehört wurde. Der aus Frankfurt herbeigebrachte Häftling bestätigte im Wesentlichen die vom Angeklagten und einer Botschaftsangehörigen geschilderten Zustände in Tacumbú: mit europäischen Verhältnissen nicht vergleichbar, in hohem Grade überbelegt, menschenunwürdig, katastrophale hygienische Verhältnisse, schlechtes Essen „morgens, mittags und abends Wassersuppe, einmal durch Milch weißgefärbt, einmal durch etwas Fleisch braun, einmal durch Eier gelbgetönt, dazu schimmeliges Brot, aber keine Teller oder Besteck“ sowie Gewalttaten bis zu Morden an der Tagesordnung.

Während das ein anerkennendes Kopfnicken und Lächeln beim Verteidiger hervorrief, reagierte Thomas Strecker auf die nächste Aussage mit einer Erklärung: Sein Mandant sei ein Familienmensch, wollte nicht von Kind und Lebensgefährtin getrennt sein und habe gehofft, bei einer Beendigung des gegen ihn schwebenden Verfahrens in Paraguay mit 15 Beteiligten, eine Haftstrafe in Deutschland zu vermeiden. Der Zeuge hatte erklärt, dass er nicht verstand, weshalb sich der Angeklagte gegen seine Auslieferung wehrte, angesichts der Verhältnisse in dem Gefängnis. Die Frage des Verteidigers, wie seine Haftzeit in Paraguay in Deutschland angerechnet wurde, beantwortete der Zeuge mit „1:3“.

Doch die Richter hakten nach: Weshalb er sich nicht aktiv um seine Auslieferung bemüht habe, sogar vor dem Verfassungsgericht des südamerikanischen Landes dagegen gekämpft habe? „Wenn alles so war, wie der Zeuge es eindrucksvoll schilderte, dann war das lebensbedrohlich“, sagte ein Schöffe. „Ganz ehrlich: Ich hätte da nur raus gewollt und verstehe nicht, weshalb Sie dageblieben sind und bis zum letzten Rechtsmittel, die Auslieferung verhindert haben?“ Das sei erklärt worden, antwortete der Verteidiger.

Zuvor hatte der Angeklagte entgegen seiner Aussage am vorherigen Verhandlungstag erklärt, dass er in Tacumbú doch ernsthaft erkrankt war. Er zählte auf: Dengue-Fieber, Lungenentzündungen, Mittelohrentzündungen, Pilzinfektionen, Magen-Darm-Probleme und ständige Erkältungen.

von Gianfranco Fain

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