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Prozess um Kindesmisshandlung

„Verhalten entspricht Persönlichkeit“

Auch im Revisionsverfahren erkennen zwei 
psychiatrische Gutachter keine verminderte 
Schuldfähigkeit der angeklagten 26-Jährigen.
Vor dem Landgericht in Marburg läuft eine erneute Verhandlung, bei der sich eine junge Mutter verantworten muss, weil ihr Kind 
beinahe verhungert wäre. Foto: Thorsten Richter

Vor dem Landgericht in Marburg läuft eine erneute Verhandlung, bei der sich eine junge Mutter verantworten muss, weil ihr Kind 
beinahe verhungert wäre.

© Thorsten Richter

Marburg. Im Februar 2012 wäre ihr Kind um ein Haar verhungert. Deshalb wurde eine Gladenbacherin 2014 zu dreieinhalb Jahren Haft wegen versuchten Totschlags verurteilt. Doch der Bundesgerichtshof wies das Verfahren an eine andere Kammer des Landgerichts zurück, weil Mordmerkmale wie Heimtücke, Grausamkeit und eine Verdeckungsabsicht nicht genügend erörtert worden seien. Die Verteidigung will mit 
einem weiteren Gutachter 
eine verminderte Schuldfähigkeit der jungen Mutter von zwei Kindern belegen, die durch eine Blutkrankheit stark beeinträchtigt gewesen sei.

Was damals passiert ist, ist klar: Die Frau hatte nach der Trennung von ihrem Mann ihre ein Jahr alte jüngere Tochter über Monate nicht mehr ausreichend versorgt. Hilfsangebote des Jugendamtes und aus der Verwandtschaft lehnte sie ab, ärztliche Untersuchungen und Kontrollen des Jugendamtes umging sie mit geschickten 
Lügen.

Vater erscheint nicht vor Gericht

Schließlich 
verschaffte 
sich das 
 Jugendamt mit Hilfe der Polizei Zutritt zu ihrer Wohnung und rettete das Kind buchstäblich in letzter Minute. Die Ärzte gingen davon aus, dass das ausgehungerte und verwahrloste Kind ohne Hilfe innerhalb von ein oder zwei Tagen gestorben wäre.

Der Vater der Kinder war während der ersten Verhandlung nicht auffindbar, bei der Revision berief er sich auf sein Aussageverweigerungsrecht und erschien nicht.

Die Polizistin, die bei der Rettungsaktion 2012 dabei war, sagte vor Gericht, der Zustand des Kindes sei eines ihrer schlimmsten Erlebnisse in 26 Jahren Polizeiarbeit gewesen. Die Mutter habe sich bei der Vernehmung am folgenden Tag nicht danach erkundigt, ob das Kind überlebt habe. Sie habe nur von ihrem 
 eigenen schlechten Zustand 
gesprochen.

Die psychiatrische Gutachterin aus dem ersten Verfahren bekräftigte am Dienstag, sie sehe keinen Anhaltspunkt für verminderte Schuldfähigkeit. „Sie hätte Hilfe holen können. Ihr war klar, dass das Kind verhungert“, sagte sie. Auch wenn die heute 26-Jährige durch ihre Erkrankung erschöpft und apathisch gewesen sei, habe sie aktiv alles unternommen, damit der Zustand des Kindes nicht bemerkt werde. So habe sie am 5. Februar stundenlang bei ihrer Schwester ihren Geburtstag gefeiert und nur das ältere Kind mitgebracht. Mit einem fingierten Telefongespräch gab sie vor, dass ihr Mann auf die jüngere Tochter aufpasse.

Gutachter sieht keine Persönlichkeitsstörung

Am Tag der Rettung des Kindes war ein Besuch des Jugendamtes vereinbart, den die junge Frau mit einer Nachricht zu verhindern versuchte, sie sei bei den Schwiegereltern in Nordrhein-Westfalen. „Sie war sehr aktiv damit beschäftigt, Hilfe zu verhindern. Da gibt es keinen Anhaltspunkt für eine erheblich eingeschränkte Steuerungsfähigkeit“, so die Gutachterin.

Auch der neue Gutachter, ein Münchner Professor für Forensik, kommt zu dem Schluss, er könne keine Diagnose für 
eine Persönlichkeitsstörung der 
 Frau stellen. „Sie war durch 
ihre Blutarmut möglicherweise apathisch und ihre Steuerungsfähigkeit eingeschränkt. Aber für ihr Handeln und aktives Lügen gab es die Steuerungsfähigkeit. Es ist ein Verhalten, das 
ihrer Persönlichkeit entspricht“, sagte der Gutachter.

Nachdem der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf die 
Plädoyers angekündigt hatte, brach die junge Frau zusammen und wurde ins Universitätsklinikum gebracht.

  • Die Verhandlung wird am Dienstag, 17. Mai, fortgesetzt.

von Martina Koelschtzky


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