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Unfallopfer büßt mehrere Zehen ein

Amtsgericht Unfallopfer büßt mehrere Zehen ein

Amtsrichter Mirko Schulte verurteilte einen 54-jähriger Unfallfahrer zu einer Geldstrafe von 4500 Euro und einem siebenmonatigen Fahrverbot.

Biedenkopf. „Dass unbescholtene Bürger zur tödlichen Gefahr würden, gibt es so eigentlich nur im Straßenverkehr“, sagte Strafrichter Mirko Schulte. Nachdenklich und betroffen wirkte der Angeklagte während der Verhandlung. Mehrfach betonte er: „Es tut mir fürchterlich leid.“

Bei einem Unfall Ende Juli verlor der Geschädigte Moped-Fahrer Zweidrittel seines linken Fußes. Er kommentierte: „Da wurde ich aus dem Leben gekickt.“ Ob er wieder in seinem Beruf arbeiten könne, sei ungewiss. Mit seiner dreijährigen Tochter rumtollen -„geht nicht“.

Beide Männer waren auf dem Weg zur Arbeit und befuhren die Landstraße zwischen Gönnern und Niedereisenhausen in unterschiedlicher Fahrtrichtung. Der Angeklagte Angelburger war hinter zwei Autos in einer langgezogenen Kurve unterwegs, in der eine Geschwindigkeit von 80 Stundenkilometern erlaubt und überholen verboten ist. Dahinter, am Ende der Verbotsstrecke, als die Sicht in der Dämmerung auf dem kerzengeraden Abschnitt bis Niedereisenhausen reichte, scherte der Angeklagte zum Überholen aus. In diesem Moment kollidierte sein Wagen mit dem entgegenkommenden Moped des 43-jährigen Geschädigten - um 4.47 Uhr. Es knallte.

Der linke Außenspiegel des Autos brach ab. Womit er zusammengestoßen sei, habe er nicht gesehen. „Vielleicht ein Tier“, vermutete der Angeklagte damals. Im Schockzustand setzte der 54-Jährige die Fahrt bis Niedereisenhausen fort. Erst dort wendete er, um zum Ort des Geschehens zurückzukehren. Als er an der Unfallstelle eintraf hatte eine Autofahrerin den Rettungsdienst verständigt und ein Kollege des zunächst Flüchtigen leistete Erste Hilfe.

Mehrere Zehen amputiert

Der Moped-Fahrer erinnerte sich: Er fuhr am rechten Fahrbahnrand. Das Licht an seinem Zweirad war eingeschaltet. „Sicher?“, fragte Schulte. „Ganz sicher!“, beteuerte der Steffenberger. Drei Autos sah er kommen. Als er auf Höhe des zweiten war, scherte der dritte aus und stieß ihn von der Straße. „Auf einmal ist die Autofront vor mir aufgetaucht.“ Sekundenbruchteile später fand sich der Geschädigte im Graben wieder - völlig allein am Unfallort. Erst dachte er: „Glück gehabt!“ Als er aufstand merkte er, dass er links nur noch auf den „Fetzen seines Fußes“ stand. Er fiel um, wollte Hilfe anrufen. Doch es gelang ihm nicht. Da er befürchtete im Graben übersehen zu werden, warf er einen Teil seines Mopeds auf die Straße und winkte. Eine Frau bemerkte ihn.

Der Angeklagte rätselt, wie er das Moped übersehen konnte. Jeden Tag denke er an den Unfall zurück. Er habe sich doch vor dem Ausscheren vergewissert, dass kein Gegenverkehr komme. „Es war frei“, glaubte er. Der Fahrer des ersten Wagens sah das Moped. Der Fahrer des zweiten Autos sah das Zweirad und im selben Augenblick den BMW des Angeklagten an sich vorbeifahren. Im Rückspiegel sei das Rücklicht des Mopeds nicht zu sehen gewesen. „Ich dachte, das ist schon um die Kurve“, berichtet der Zeuge unbeeindruckt - Schulte aber wunderte sich, dass er nicht angehalten und nachgesehen habe. Beide Zeugen erfuhren so erst aus der Tagespresse vom Unfall. Das Opfer lag dreieinhalb Wochen im Krankenhaus. Vier Zehen und Knochen wurden abgenommen. Ruhig stehen könne er, laufen bisher nur mit einer Gehhilfe. Die Behandlung ist noch lange nicht abgeschlossen. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft forderte eine Geldstrafe von insgesamt 6600 Euro und die Einbehaltung der am Unfalltag entzogenen Fahrerlaubnis für weitere sechs Monate. Der Angeklagte sei schuldig der Gefährdung des Straßenverkehrs, der fahrlässigen Körperverletzung, der unterlassenen Hilfeleistung und dem unerlaubten Entfernen vom Unfallort.

Die Nebenklage, die Anwältin des Geschädigten, forderte den Führerschein wegen „grob rücksichtslosem Verhalten“ gar für weitere 14 Monate einzubehalten. Verteidiger Olaf Plum widersprach: Sein Mandant mache sich schwere Vorwürfe. Das Geschehene sei nicht wieder gutzumachen. Er habe einmal nicht aufgepasst - mit fatalen Folgen. Fahrlässig sei das Verhalten, sicher auch grob. Aber rücksichtslos? „Da habe ich meine Bedenken!“, fand Plum, der von „einfachem menschlichen Versagen“ sprach. Richter Mirko Schulte verurteilte den Angeklagten zu 90 Tagessätzen zu je 50 Euro. Das Fahrverbot setzte er auf insgesamt sieben Monate fest. Er haderte: „Immer wieder frage ich mich, warum Sie das Moped nicht gesehen haben!“ Das Weiterfahren des Angeklagten wertete Schulte als Unfallflucht.

von Benedikt Bernshausen

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