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Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge leben in Buchenauer Wohngruppe

Neuanfang Unbegleitete jugendliche Flüchtlinge leben in Buchenauer Wohngruppe

Elf jugendliche 
Flüchtlinge und ihre 
sieben Betreuer fühlen sich in Buchenau gut 
aufgenommen.

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Einige der Betreuer und jugendlichen Flüchtlinge, die in der Buchenauer Bachstraße eine Bleibe gefunden haben (von links): Tobias Glock, Robert Schmitt, Mustafa, Roland Nitz, Desenet, Helmut Seehusen, Asghar, Bärbel Kahle und Amir.

Quelle: Gianfranco Fain

Buchenau. Am 16. Juni des vergangenen Jahres erfüllte sich für Helmut Seehusen ein Jugendtraum. Schon vor 40 Jahren, als er in einem Heim arbeitete und später Erziehungswissenschaften studierte, nahm er sich vor, einmal eine eigene Betreuungseinrichtung zu betreiben. Im Jahr 2013, also kurz vor Toresschluss, wie der heute 60-Jährige sagt, fiel der Entschluss „es zu machen.“

Ein wenig Zeit brauchte der Wetteraner noch, bis er ein 
 geeignetes Objekt fand, das vor allem von der Zimmeranzahl und der Zahl der Sanitäranlagen passte. Schließlich wurde er in Buchenau fündig. Wie sehr er mit seiner Idee in die dortige Bachstraße passte, ahnte er damals noch nicht. „Ich kam als ortsfremder hierher und die Leute haben erst mal geguckt. Wer ist das und was macht der überhaupt?“, berichtet der in Kroatien geborene Seehusen.

Sachspenden für das Flüchtlingsheim

Er habe die Türen immer offen gelassen. „Kommt rein und guckt euch das an“, habe er den Buchenauern gesagt. „Und das haben die auch gemacht.“ So entstanden die ersten Kontakte 
und die Buchenauer unterstützten Seehusen und seine Idee eines Flüchtlingsheimes mit Sachspenden: Bettwäsche, Handtücher, Möbel – alles was für einen Neuanfang benötigt wird. Spenden, die nicht gleich verwendet wurden, wurden und werden auch heute noch gesammelt.

Die Spendenbereitschaft lässt nicht nach, hat sich seit der 
Eröffnung der Unterkunft nur gewandelt. Oft komme jemand aus der Nachbarschaft herein, habe Marmeladegläser, Süßigkeiten oder ein Kuchenblech in der Hand. Wenn er dann frage wofür das sei, heiße es nur „Och, ich habe gerade gebacken . . .“

Seehusen, sein Team und vor allem die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge sind in Buchenau gut aufgenommen. Elf Jungen aus Eritrea, Afghanistan, Somalia und Syrien im Alter von 12 bis 18 Jahren betreuen die sieben Erzieher. Die meisten der Flüchtlinge haben eine lange Odyssee durch mehrere afrikanische Staaten hinter sich, bevor sie auf dem Seeweg in 
Italien landeten.

In Sicherheit, aber 
Sehnsucht nach den Eltern

So wie der 18-jährige Somalier, der allein sechs Monate seiner Flucht in Äthiopien verbrachte, bevor er übers Mittelmeer nach Italien kam. Al-Shabaab Milizionäre hätten ihn ins Gefängnis gesteckt und seinen Bruder getötet. Seine Mutter habe ihn zur Flucht gedrängt, um nicht noch ein Kind zu verlieren. Auf Sizilien habe er nach einiger Zeit das wegen des nicht nachlassenden Flüchtlingsstroms überfüllte Lager verlassen müssen und auch auf der Straße geschlafen, bis er nach Deutschland kam.

Oder der „fast 17-Jährige“ aus Eritrea. Äthiopien, Sudan, 
Libyen, Italien und schließlich Deutschland sind die Stationen seiner acht Monate dauernden Flucht vor dem Bürgerkrieg in seinem Geburtsland – einen Zustand, den er gar nicht anders kannte.

Und wie ist es in Deutschland? „Es gibt keinen Krieg, das ist schon gut“, sagt der Somalier. Er leidet darunter, keinen Kontakt zu seinen Eltern zu haben, möchte sie und seine anderen Verwandten gern wiedersehen.
Einige haben Kontakt, andere 
nicht, erklärt Seehusen. Wenige haben das Glück, über den Computer und die Internetverbindung des Heimes ihre Verwandten erreichen zu können. Die meisten müssen aufs Handy zurückgreifen, mit entsprechend teuren Tarifen.

Auch der 17-Jährige befindet sich in einer „schwierigen Situation“, wie er zugibt. Er fühle sich „schon einsam“ hier. Gegen dieses Gefühl hilft manchmal auch das vollgepackte Programm der Jugendlichen nicht. Um sechs Uhr wecken, dann mit dem Bus zur Schule fahren, Unterricht manchmal bis in den Nachmittag, Hausaufgaben erledigen, Ämter- und Arztbesuche, Therapiestunden bei Kinder- und Jugendpsychologen zur Traumabewältigung. Da bleibt nicht viel Freizeit übrig.

Jugendliche haben viele Aufgaben, wenig Freizeit

Die verbringen die Jugendlichen mit Freunden aus dem Ort, gehen auf den Sportplatz oder fahren mit dem Fahrrad nach Dautphe. Manchmal spielen sie auch Turniere am Kickertisch oder mit der Playstation. Da geht es dann ganz international zu, obwohl die Verständigung in der Unterkunft auf Deutsch erfolgt. Einmal in der Woche wird diese mit gruppeninternem Deutschunterricht gefördert.

Alles dient der Vorbereitung, einmal selbstständig in einem noch etwas fremden Land leben zu können, erklärt Seehusen. Wie ihre Zukunft einmal aussehen soll, darüber haben die Jugendlichen altersgemäß mehr oder weniger genaue Vorstellungen.

Beim FSV Buchenau spielen zwei Flüchtlinge

Der 18-jährige Somalier besucht die Berufsfachschule in Biedenkopf, hat aber noch keine Idee, was er mal machen wird. Er hofft nur, „dass alles gut wird“, dass er irgendwann, wenn der Krieg vorüber ist, seine Eltern wiedersehen kann.

Der 17-Jährige hat dagegen schon genauere Vorstellungen. Nach dem Realschulabschluss will er etwas mit Elektronik oder Chemie machen. Er hat schon ein Praktikum in einem Betrieb in der Gemeinde Dautphetal gemacht und will in den Ferien ein weiteres absolvieren. In der vergangenen Woche stand erst mal ein Probetraining bei Blau-Gelb Marburg an. Er ist einer von zwei Flüchtlingen, die im FSV Buchenau spielen. Zudem steht er in Marburg auf der Theaterbühne, spielt in „Soul Kitchen“ mit. „Er macht fast schon zuviel“, befindet Seehusen.

Doch auch die Offenheit des 17-Jährigen gerät an Grenzen. Am Ende des Gesprächs meint er doch, seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen zu wollen.

von Gianfranco Fain

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