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Umgehung Eckelshausen genießt Priorität

Interview mit Joachim Thiemig Umgehung Eckelshausen genießt Priorität

Bürgermeister Joachim Thiemig äußerte sich zur Innenstadtentwicklung, zum Haushalt und zu den Herausforderungen.

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Quelle: Thorsten Richter

Biedenkopf. OP: Die Hälfte Ihrer Amtsperiode als Bürgermeister ist rum. Wie denken Sie heute über den Schritt, als Bürgermeister zu kandidieren?
Joachim Thiemig: Es war die absolut richtige Entscheidung. Bürgermeister zu sein, ist eine sehr schöne Aufgabe, ein Geschenk. Man lernt viele interessante Menschen und Dinge kennen und darf seine Heimatstadt mitgestalten.
 

OP: Sie haben sich also „eingelebt“?
Thiemig: Absolut. Den Beruf des Bürgermeisters kann man in keiner Ausbildung lernen, man muss seinen eigenen Weg finden. Ich glaube aber, dass mir dies gut gelungen ist. Ich fühle mich sehr wohl. Und dabei hilft es mir, dass ich von meiner Familie und im Rathaus von engagierten, motivierten und fachlich versierten Mitarbeitern unterstützt werde.

OP: Was waren bislang die für Sie herausragenden Themen?
Thiemig: Ein Dauerthema ist die finanzielle Lage der Stadt Biedenkopf. Bei meinem Amtsantritt habe ich eine schwierige Lage vorgefunden. Von 2010 bis 2013 hatten wir defizitäre Haushalte. Im Haushalt 2014 gibt es erstmals seit Einführung der Doppik (Doppelte Buchführung in Konten) einen Überschuss. Die Haushaltskonsolidierung bleibt eine entscheidende Aufgabe – sowohl im städtischen Haushalt, als auch beim Eigenbetrieb. Da dürfen wir nicht nachlassen.
Ein beherrschendes Thema meiner Anfangszeit war die Kinderbetreuung. Wir haben viel getan, auch um dem U-3-Betreuungsanspruch gerecht zu werden: in den Kindertagesstätten in Kombach, im Rathaus, inklusive der Strubbellies und am Galgenberg. Außerdem war und ist die Innenstadtentwicklung ein großes Thema. Der überörtliche Durchgangsverkehr soll dorthin, wo er hingehört: auf die Umgehungsstraße. Eine große Sache war natürlich auch die Breitbandversorgung, die gemeinsam mit dem Landkreis umgesetzt wird.

Zentrales Projekt ist die Sanierung Markt 2

OP: Das Gebäude Marktplatz 2 ist durch die verbesserte gute Haushaltslage in den Blick gerückt.
Thiemig: Ja, die Veranschlagung der Sanierung für 2014 wurde erst durch die jetzige Haushaltslage möglich und hängt davon ab, dass sich Mieter für die sanierten Räume finden. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingt.
OP: Welchen Handlungsbedarf sieht die Politik zur Stärkung des Einzelhandels in der Innenstadt?
Thiemig: Wir versuchen, die Innenstadt attraktiver zu machen, die bestehenden Geschäfte zu halten und neue Frequenzbringer zu holen. Das ist eine Aufgabe, die einen langen Atem und viele Gespräche braucht. Zwar kann ich derzeit nicht sagen, dass Kaufland zu einer Verschlechterung für die Innenstadt geführt hat – die Ansiedlung weiterer Lebensmittelmärkte vor den Toren der Stadt würde ich aber nicht befürworten, denn unser Hauptaugenmerk liegt auf dem Zentrum. Wobei momentan keine Anfragen von Unternehmen vorliegen.
OP: Welches sind weitere Bausteine für die Innenstadtentwicklung?
Thiemig: Zum Beispiel die Gestaltung des Brauereigeländes, wo ein Projekt für altersgerechtes Wohnen realisiert werden soll. Durch die eingeführten städtischen Zuschussrichtlinien wäre die Förderung zusätzlicher Gästezimmer möglich. Wir haben zwar das Parkhotel, die Jugendherberge und einige private Unterkünfte, aber nach meiner Wahrnehmung besteht noch Bedarf für eine Erweiterung des Angebots. Ein zentrales Projekt aus städtischer Sicht ist zudem die Sanierung des Gebäudes Marktplatz 2, die Umgestaltung des Marktplatzes sowie eine Änderung der Verkehrsführung. All das ist noch für dieses Jahr vorgesehen.

OP: Wie soll sich die Verkehrsführung ändern?
Thiemig: Ein Ziel aus dem Bürgerworkshop ist es, den überörtlichen Durchgangsverkehr – und nur um den geht es – auf die Umgehungsstraße zu bekommen, indem man das Durchfahren der Innenstadt für denjenigen, der ohnehin nicht in Biedenkopf halten will, unattraktiv macht. Das bedeutet: Tempo 30 von der Hospitalstraße Einmündung „Am Bahnhof“ bis zur Hainstraße Ecke Mühlweg. Die Vorfahrtsregelung an der Kreuzung Hospitalstraße/Am Bahnhof wird geändert. Vorfahrt haben dann diejenigen, die von Eckelshausen kommend nach links in die Straße „Am Bahnhof“ abbiegen und nicht mehr – wie bisher – diejenigen, die Richtung Marktplatz fahren.
Die beiden Ampeln unterhalb des Marktplatzes werden demontiert, die Fahrbahn einspurig. Durch die Verbreiterung der Gehwege und Verlangsamung soll die Aufenthaltsqualität gesteigert werden.

OP: Stichwort „Windpark Schwarzenberg“: Sehen Sie weitere Möglichkeiten, die Energiewende kommunal oder auch interkommunal zu gestalten?
Thiemig: Sicher gibt es Möglichkeiten. Es ist aber auch schon viel passiert. Die Inbetriebnahme eines Wasserkraftwerks am Perfstausee haben wir mit den Stadtwerken realisiert. Geprüft wurde auch, ob sich an der
B 62 bei Kombach ein Solarpark verwirklichen lässt. Von diesem Vorhaben mussten wir uns verabschieden, weil von der Bundesregierung die Förderung gekürzt wurde und es sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben ließ. Außerdem wurde das Blockheizkraftwerk beim Lahn-auenbad auf Hackschnitzel-Betrieb umgestellt.
Was bei uns sehr viele Kapazitäten beansprucht, ist der interkommunale „Windpark Schwarzenberg“. Vom Investitionsvolumen her ein zweistelliges Millionenprojekt. Momentan herrscht Unsicherheit, weil wir nicht wissen, wie sich die Förderung von Windenergie durch die neue Bundesregierung demnächst darstellt. Auch mit dem Weißenberg an der Grenze zur Gemeinde Dautphetal beschäftigen wir uns, nachdem Dautphetal angefragt hat, ob sich Biedenkopf an einem Windpark beteiligen würde. Wir prüfen das ergebnisoffen, die Gremien werden dann entscheiden.

Haushalt unterliegt auch Einmaleffekten

OP: Das Haushaltsplus wurde von CDU-Seite kürzlich als „Einmaleffekt“ bezeichnet. Der Bürgerblock sieht dies ebenso. Steht das Plus auf tönernen Füßen?
Thiemig: Ein Haushalt unterliegt generell großen Schwankungen und natürlich kann es sein, dass nächstes Jahr schon wieder alles anders aussieht. Das liegt auch an der Komplexität des Systems. Einmaleffekte hat es immer gegeben. Wir haben es aber nicht unterlassen, Dinge mit Dauerwirkung auf den Weg zu bringen.

OP: Wie stellen Sie sich den weiteren Ausbau des Mittelzentrums Biedenkopf vor?
Thiemig: Den Schwerpunkt sehe ich in der gewerblichen Entwicklung. In den letzten Jahren erfolgten Gewerbeansiedlungen am Roten Stein. Am Krummacker in Wallau entsteht ein weiteres Gewerbegebiet auf zehn Hektar Fläche. Wichtig ist es aber auch, als Mittelzentrum den touristisch-kulturellen Bereich zu stärken.

OP: Wie soll das erreicht werden?
Thiemig: Beispielsweise, indem durch das neue Verkehrskonzept verstärkt Radfahrer in die Innenstadt gelenkt werden. Im kulturellen Bereich sind wir stark aufgestellt, haben mit Birgit Simmler eine engagierte Kulturreferentin. Das Musical „Eingefädelt“ war ein Riesenerfolg. Daran wollen wir anknüpfen. Insgesamt haben wir 28 Veranstaltungen geplant, wir sind also nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das kulturelle Zentrum der Region.

OP: Welches Thema liegt Ihnen in den kommenden Jahren besonders am Herzen?
Thiemig: Durch den Überschuss im Haushalt können wir endlich die Umgestaltung des Badgeländes in Wallau umsetzen. Die Bürger haben in dem Forum kürzlich viele Ideen entwickelt, hieraus gilt es jetzt in den städtischen Gremien ein umsetzbares Konzept zu entwickeln, um dann schnellstmöglich in die Realisierung zu gehen. Außerdem habe ich das politische Ziel, als Bürgermeister die Freigabe der Ortsumgehung für Eckelshausen zu erleben. Dieses Projekt genießt bei uns höchsten Stellenwert. Jeden Tag fahren über 20 000 Fahrzeuge durch den Ort. Eine enorme Belastung für die Anwohner. Den Grundsatzbeschluss für eine Umgehungsstraße gibt es seit 2011. Das Land Hessen plant mit dem Ziel eines Planfeststellungsbeschlusses. Wir wollen Baurecht erhalten und bleiben auch im Bund am Ball. Dort erfolgt zurzeit die Fortschreibung des Bundesverkehrswegeplans. Eckelshausen ist im vordringlichen Bedarf einsortiert, das muss so bleiben.
Stärkung der Ortskerne
ist ein wichtiges Ziel

OP: Was sind die Herausforderungen in der zweiten Hälfte Ihrer Amtsperiode?
Thiemig: Eine entscheidende Herausforderung wird der Umgang mit dem demografischen Wandel sein. Wir werden weniger, älter und bunter. Entscheidend ist, bei weniger Menschen die Infrastruktur zu erhalten und eine lebenswerte Stadt zu bleiben. Das gilt für alle Stadtteile, insbesondere die Stärkung der Ortskerne ist ein wichtiges Ziel. Damit korrespondiert zum Beispiel der Bau von Busbahnhöfen in Wallau und Biedenkopf. Basis allen Handelns wird weiterhin eine solide Finanzpolitik sein. Dann können wir kreativ sein und die Stadt nach vorn bringen.
OP: Worauf kommt es Ihnen persönlich an?
Thiemig: Ich will ein Bürgermeister sein, der bürgernah, präsent und für die Menschen erreichbar ist. Ich möchte in Biedenkopf alt werden.

Zur Person
Joachim Thiemig kam im ersten Wahlgang der Biedenkopfer Bürgermeisterwahl am 5. September 2010 auf 44,5 Prozent der Stimmen. Amtsinhaber Karl-Hermann Bolldorf (CDU) holte 40,5 Prozent, der zweite Herausforderer Rainer Höhn (Bürgerblock Biedenkopf) 15 Prozent. Bei der Stichwahl setzte sich Thiemig drei Wochen später mit 53,4 Prozent gegen Bolldorf durch. Im Januar 2011 übernahm der Dexbacher die Amtsgeschäfte.
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