Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Überfülltes Gefängnis in Paraguay

Landgericht Überfülltes Gefängnis in Paraguay

Am zweiten Verhandlungstag wurde die dem 29-jährigen Angeklagten vorgeworfene Anzahl der Straftaten durch Einstellung um 61 Fälle auf 1072 vermindert.

Voriger Artikel
Nach 42 Jahren ist für "Fußi" Schluss
Nächster Artikel
Alan Crook rockt mit Kultband Status Quo

Staatsanwalt Oliver Rust blickt auf einen Teil der Akten, die für das Sammelverfahren wegen Internetbetrugs in Marburg aufgelaufen sind.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg . Neben der Anhörung von zwei Zeugen beschäftigte die Wirtschaftsstrafkammer des Marburger Landgerichts gestern auch die Beschreibung der Zustände im Gefängnis Tacumbú. In der Haftanstalt des gleichnamigen Stadtteils der paraguayanischen Hauptstadt Asunción verbrachte der 29-jährige Angeklagte zwei Jahre, während er auf seine Auslieferung nach Deutschland wartete.

Sollte das Gericht feststellen, dass der Angeklagte dort unter erschwerten Bedingungen einsaß, so könnte dies zur Minderung des Strafmaßes angerechnet werden. Am ersten Verhandlungstag setzte die Kammer nach einem Rechtsgespräch das mögliche Strafmaß auf 6,5 bis 7,5 Jahre fest, wenn der Angeklagte zur Verfahrensvereinfachung ein vollständiges Geständnis ablegt ( OP berichtete).

Ihm wirft die Anklage vor, von dem südamerikanischen Land aus Waren über das Internetkaufhaus ebay im großen Stil verkauft, ohne diese besessen zu haben. Für den Verkauf heuerte er über Scheinfirmen sogenannte „Verkaufsagenten“ an, die ihren ebay-Zugang zur Verfügung stellten, das eingenommene Geld ließ er über die Privatkonten von sogenannten „Finanzagenten“ nach Paraguay transferieren, wo es Strohmänner oder er selbst unter falschem Namen an einer Western-Union-Geschäftsstelle abholten.

Verlesen: Bericht über Haftbedingungen

Nach einer dieser Abhebungen wurde er 2012 verhaftet und in Tacumbú inhaftiert. Dort besuchten ihn auch Mitarbeiter der deutschen Botschaft, die dem Gericht eine Beschreibung der allgemeinen Haftbedingungen schrieben. Aus dem Bericht zitierte der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul auszugsweise: Das Gefängnis sei für 1200 Gefangene ausgelegt, sei aber mit bis zu 3900 belegt, die von 40 Wärtern bewacht würden. Viele Gefangene müssten unter Galerien oder Plastikplanen auf dem Boden schlafen. Für Matratzen müssten die Gefangenen 150 Euro zahlen. Es gebe täglich zwei Mahlzeiten mit minderwertigem Fleisch, selten Obst und Gemüse. An Ständen von einigen Insassen könnten jedoch Lebensmittel gekauft werden. Die sanitären Anlagen seien eine Katastrophe und nicht ausreichend. Krankheiten breiteten sich aus, wogegen eine Handvoll Ärzte nur eine Grundversorgung leisten könnten. Kriminalität und Waffen seien an der Tagesordnung.

Es gebe auch einen separaten, abgeschotteten Bereich. In diesem hatte der Angeklagte hinter einem Vorhang ein Bett. Der Angeklagte sei immer ordentlich gekleidet gewesen und habe keine Angaben gemacht, dass es ihm schlecht ging.

Auf Nachfragen der Richter und Staatsanwalt Oliver Rust erklärte der Angeklagte, dass er einem Wärter Geld gegeben habe, um dessen Handy zu benutzen und dass er durch Beziehungen der Verwandtschaft seiner Lebensgefährtin in den gesonderten Bereich verlegt wurde. Ernsthafte Erkrankungen habe er im Gefängnis nicht gehabt, habe allerdings von 135 auf 85 Kilogramm abgenommen. Zuvor sagten die ehemalige Ehefrau des Angeklagten und deren Cousin aus. Die Ehefrau erklärte 2004 mit dem Angeklagten nach Paraguay geflüchtet zu sein, weil aus dem Land kaum ausgeliefert werde. Dort wurden dann die im heimischen Landkreis begonnenen Internetbetrügereien fortgesetzt und das System ausgeweitet. Im Jahr 2006 stellte sie sich in Marburg, kehrte nach Drohanrufen allerdings vor der Verhandlung mit dem Namen der Schwester im Pass wieder nach Paraguay zurück.

Anfang 2007 ging die Beziehung in die Brüche, gemeinsame Betrügereien erfolgten weiterhin, aber auch welche auf eigene Rechnung. Deshalb wurden gestern 61 Fälle eingestellt, da sie der Ehefrau zuzuordnen sind. Somit lautet die Anklage noch auf 1072 Betrugsfälle.

Im Jahr 2011 stellte sie sich wieder, sitzt seitdem ihre Strafe im offenen Vollzug in Frankfurt ab, und befindet sich in Ausbildung zur Köchin. Bis auf die Aussage, dass man sich das Wissen für die ebay-Geschäfte gemeinsam aneignete, bestätigte sie größtenteils die Aussagen ihres Ex-Mannes oder hatte Erinnerungslücken.

Der zweite Zeuge machte, um sich selbst nicht zu belasten, keine Angaben darüber, wie der Angeklagte an seine Papiere kam, um mit gefälschten Dokumenten ausreisen zu können. Er wolle mit dem Angeklagten, mit dem er sich „bombig“ verstanden habe, nichts mehr zu tun haben, nachdem dieser ihm vorgegaukelt habe, sein Girokonto für Verkäufe von Computern zu nutzen. Der Angeklagte erklärte später auf Nachfrage von Rust, dass der Zeuge keinen Kontakt mit den Waren- oder Finanzagenten hatte.

von Gianfranco Fain

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr