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Tritte und Prügel für den älteren Bruder

Amtsgericht Biedenkopf Tritte und Prügel für den älteren Bruder

Eigentlich hatte der Angeklagte im Spielcasino ein Fußballspiel schauen wollen. Dann entbrannte ein blutiger Konflikt mit seinem Bruder. Vor Gericht beteuerte der 30-Jährige: "Ich habe mich nurgeschützt."

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Sieben Monate Haft auf Bewährung und 40 Arbeitsstunden lautet das Urteil gegen einen 30-Jährigen, der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt war.

Quelle: Archivfoto

Biedenkopf. Am 4. August 2012 traf der Angeklagte in einem Spielcasino in Wallau unerwartet auf seinen 37-jährigen Bruder, zu dem er nach einem Streit vor einigen Jahren keinen Kontakt pflegte. Der Angeklagte schilderte zunächst, was tonlose Videoaufnahmen aus der Spielhalle belegen: Mit einem Messer in der Hand geht der ältere Bruder auf den jüngeren zu.

Beide sprechen miteinander, bevor der Jüngere das Casino verlässt und ihm der Ältere Sekunden später folgt. Über den Inhalt des Gesprächs gehen die Aussagen auseinander: „Er hat gefordert, dass ich meinen Schwiegervater anrufen und verlangen soll, dass er meinem Bruder 300 Euro leiht“, berichtet der Angeklagte. Der erzählte, dass sein Bruder sogar drohte, ihn umzubringen, wenn er nicht anrufe.

Ein "hässliches Ereignis"

Das spätere Opfer berichtet, er habe seinen jüngeren Bruder angesprochen, weil dessen Schwiegervater ihm 50 Euro leihen wollte, es aber nicht getan hatte. Zu dem Messer in seiner Hand sagte der 37-Jährige nur: „Das war ein hässliches Ereignis!“. Er habe seinem Bruder damit Angst einjagen, ihn aber nicht verletzten wollen. Was danach auf der Straße geschah, entzog sich den Kameras. Der Angeklagte berichtete, dass sein Bruder mit dem Messer auf ihn losging, sie rangelten und fielen zu Boden. Dabei entdeckte der Angeklagte eine Wasserwaage neben den am Haus stehenden Mülltonnen. Er befreite sich mit einem Tritt von seinem auf ihm hockenden Angreifer, ergriff die Wasserwaage und schlug damit auf den 37-Jährigen, den er entwaffnen wollte, ein.

Als das Messer zu Boden fiel, habe er die mit Blut beschmierte Wasserwaage weggeworfen und seinen Bruder zum Weggehen aufgefordert. Doch der sei erneut zum Angriff übergegangen, habe ihn von hinten gewürgt und in Kopf und Nacken gebissen. Nachdem er sich ein zweites Mal befreien konnte, floh der Angeklagte und versteckte sich zwischen Häusern in der Nachbarschaft. Völlig anders beschreibt der 37-Jährige die Geschehnisse: Er habe draußen nicht mit seinem Bruder gerangelt. Der 30-Jährige habe allerdings sofort nach Verlassen des Casinos mit der Alustange etwa 20-mal auf ihn eingeprügelt - so häufig, dass er sogar in Ohnmacht gefallen sei.

Zwei Liter Blut verloren

„Ich habe zwei Liter Blut verloren“, erinnert sich das Opfer, das nicht mehr wusste, was es mit dem Messer gemacht hatte: Er wisse nicht mehr, ob er es in der Hand gehalten oder in der Hosentasche getragen habe. Der 37-jährige Geschädigte beteuerte aber: „Ich habe meinen Bruder nicht geschlagen.“ Das Geschehen auf der Straße hatte damals eine 52-Jährige beobachtet, die im Prozess als Belastungszeugin auftrat. Aus ihrem Auto heraus hatte sie zwei kämpfende Männer gesehen: Einen, der sich nicht wehren konnte - den 37-Jährigen. Und einen, der schlug - den 30-Jährigen. Als sie ihr Auto verließ, rannte der 30-Jährige fort und die Zeugin kümmerte sich um den blutend auf dem Mittelstreifen liegenden 37-Jährigen. Ein Messer war ihr nicht aufgefallen, allerdings die „unglaubliche Wut“ hinter den Schlägen.

„Es war offenbar eine Schwelle überschritten, die diese Hemmungslosigkeit zur Folge hatte“, betonte sie. Doch auf der Suche nach diesem tieferen Hintergrund der Tat, stocherte das Gericht im Dunkel: Zwar gab es den Konflikt der Männer vor einigen Jahren, über den die Brüder nicht offen sprachen. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls sah den Tatvorwurf der gefährlichen Körperverletzung als erwiesen an. Sie glaubte allerdings, dass der Ältere den Jüngeren zunächst bedroht und provoziert hatte und erkannte in den Entwaffnungsschlägen eine Notwehr-Handlung, die allerdings ihr Ende fand, als das Messer fort war und der Ältere auf dem Boden lag. Für die darauffolgenden Schläge sei der Angeklagte zu bestrafen. Richter Mirko Schulte sah das ebenso: Er verurteilte den 30-Jährigen zu sieben Monaten Haft auf Bewährung und 40 Arbeitsstunden. Schulte blieb damit am unteren Rand des Strafrahmens, der bei gefährlicher Körperverletzung von sechs Monaten bis zu zehn Jahren reicht.

Schließlich könne er dem Angeklagten nicht widerlegen, dass es draußen „mit dem Messer weiterging“. Aber Schulte glaubte auch der Zeugin und somit daran, dass sich in dieser Situation „all das entladen, was sich über Jahre aufgestaut“ hatte. „Und dafür sind Sie zur Verantwortung zu ziehen.“ Der Angeklagte trug das Urteil mit Fassung. Das Urteil ist aber kein Schlusspunkt. Der 30-Jährige hat seinen Bruder in dieser Sache ebenfalls angezeigt.

von Benedikt Bernshausen

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