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Tourstopp in der Campingklause

Reise in die Vergangenheit Tourstopp in der Campingklause

Joseph Aulnette gastierte auf seiner 1800 Kilometer langen Radtour von Sontra nach Rannée (Bretagne) in Niedereisenhausen. Aulnette fährt auf den Spuren seines Vaters.

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Joseph Aulnette erreichte mit seinem Fahrrad nach 92 Kilometer Niedereisenhausen.

Quelle: Helga Peter

Niedereisenhausen. „Jo, ou es-tu (Jo, wo bist du)?“ Diese Frage wird Joseph Aulnette in den kommenden Tagen vermutlich häufig gestellt werden, denn er ist auf einer „Tour d’Europe“ zum Gedenken an seinen Vater Théophile Aulnette. Théophile Aulnette war französischer Kriegsgefangener im Stalag IXA Trutzhain und wurde am 1. April vor 70 Jahren durch den Einmarsch amerikanischer Truppen befreit (die OP berichtete).

Sein 66 Jahre alter Sohn Joseph Aulnette hatte im vergangenen Jahr nach seiner Pensionierung als Bürgermeister des bretonischen Ortes Rannée die Idee, einmal mit dem Fahrrad die Orte aufzusuchen, in denen sich sein Vater während des Zweiten Weltkrieges aufhielt. Vor der strapaziösen Reise trainierte Joseph Aulnette, der 33 Jahre keinen Sport betrieben hatte, intensiv und legte dabei etwa 10000 Radkilometer zurück.

Von Strapazen nichts zu merken

Bis ins letzte Detail plante er seine Route und begeisterte seine Ehefrau Denise und auch seine drei Brüder Bernard, René und Robert sowie deren Ehefrauen dafür, ihn auf der Reise zu begleiten. Sein 77-jähriger Bruder Bernard berichtete, dass er mit seiner Zusage noch gezögert und sich erst in den allerletzten Tagen vor Beginn zu einer Mitfahrt entschieden habe.

Bewegende Szenen spielten sich am Donnerstag vor der Campingklause in Niedereisenhausen ab, denn sieben Familienmitglieder erwarteten Joseph Aulnette, darunter auch seine Ehefrau Denise, bis ihr Mann das Tagesziel seiner zweiten Etappe von Neukirchen nach Niedereisenhausen (92,5 Kilometer) bei Einbruch der Dunkelheit erreichte. Nach einer kurzen Erholungsphase, bei der er sein Fahrrad, das die Gefangenennummer seines Vaters „14912“ trägt und das er „Tino“ (Name seines Hundes) nennt, in den Bus mit Namen „Pidoule“ (Name seiner Stute) verstaute, ist ihm von den Anstrengungen und Strapazen der zurückgelegten Radtour kaum etwas anzumerken.

Weiter in Richtung Köln

Der eisige Wind habe ihm zu schaffen gemacht, berichtete er und auch die heimische Region mit ihren Bergen und Tälern sei nicht einfach gewesen. Von Cölbe aus habe er die Route über Damshausen, Friedensdorf und Hommertshausen genommen, so erzählt er und berichtet begeistert von der Tour, die er am nächsten Tag zurücklegen will. Diese führt über die Haincher Höhe in das Siegerland nach Herdorf, wo er Grüße aus Retiers überbringt und weiter nach Niederfischbach. Die Gemeinde pflegt eine Partnerschaft mit Martiygné-Ferchaud, und Joseph Aulnette und seine Familie erwartet ein Empfang des Bürgermeisters.

Diese Tour mit etwa 103 Kilometern endet in Wiehl. Am nächsten Tag startet Joseph Aulnette in Richtung Köln, wo er seinen Sohn aus den USA, der über Paris nach Köln gereist ist, erwartet, der ihn dann nach Maastricht in den Niederlanden begleiten wird.

Alles abgelehnt, was irgendwie ,,deutsch“ war

Auf die Ankunft von Joseph Aulnette in Niedereisenhausen wartete auch Werner Schwalm (Watzenborn-Hausen), Gymnasiallehrer und ehrenamtlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Schwalmstadt, der Joseph Aulnette und dessen Familie an diesem Tag betreute und durch die Gedenkstätte führte. Schwalm sorgte auch dafür, dass die Nachtquartiere sowohl in Niedereisenhausen als auch in Gönnern reserviert wurden. In einer kleinen sehr lebhaften französisch-deutschen Gesprächsrunde stehen plötzlich Eindrücke im Raum, die für Gänsehaut sorgen. Bernard, der älteste Bruder von Joseph, hat erlebt, wie sein Vater Théophile aus dem Krieg zurückgekommen ist. Er, damals siebenjährig, habe Angst vor seinem Vater gehabt, den er nicht erkannte und alles abgelehnt was irgendwie „deutsch“ gewesen sei.

Sein Vater sei nach seiner Entlassung nicht zuletzt auch aufgrund zerstörter Brücken zunächst über Melsungen nach Eisenach gelangt und von Gotha aus nach Paris ausgeflogen worden. Von Paris aus führte die Rückreise mit der Bahn nach Rennes. Mit dem Bürgermeister und in dessen Auto seien er und seine Mutter nach Rennes gefahren, um den Vater am Bahnhof abzuholen. Die „Patronin“ des Cafés dort habe Vater und Sohn verglichen und sofort die Ähnlichkeit festgestellt.

Joseph Aulnette erzählt augenzwinkernd weiter, dass eine Mundharmonika gewesen seien, die seinem Bruder Bernard das Zutrauen zum Vater zurückgegeben hätten.

Besuch am Grab des Vaters in der Bretagne

Am 24. April um 16 Uhr, so wie sein Vater vor 70 Jahren, will Joseph Aulnette zurück in Rannée in der Bretagne sein und auch das Grab seines 1989 im Alter von 79 Jahren verstorbenen Vaters in Bosse de Bretagne besuchen.

Über seine Reiseeindrücke wird Joseph Aulnette ein Buch schreiben, das noch in diesem Jahr veröffentlicht werden soll. Über die Reise von Joseph Aulnette gibt es einen Blog in französischer Sprache.

von Helga Peter

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