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"Totschweigen ist keine Lösung"

Alkoholkonsum von Jugendlichen "Totschweigen ist keine Lösung"

Markus Hemberger will nicht der Totengräber von Traditionsfesten sein, sieht aber im Alkoholkonsum von Jugendlichen ein Problem, über das öffentlich gesprochen werden muss.

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Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen ist seit Jahren ein Thema. Seit dem Jahr 2012 nimmt die Zahl von Jugendlichen, die deswegen in Krankenhäuser eingeliefert werden, in Hessen ab

Quelle: Nadine Weigel

Lohra. „Totschweigen ist keine Lösung, es löst das Problem nicht.“ Davon ist Markus Hemberger überzeugt. Der Ortsvorsteher des Lohraer Ortsteils Kirchvers thematisierte folglich während einer Ortsbeiratssitzung im vergangenen Jahr das Thema Komasaufen. Anlass war der Zusammenbruch einer Jugendlichen auf einer Kreuzung während der Maifeier in dem Ort im Süden des Landkreises. Zwar berappelte sich das Mädchen wieder von selbst, doch der Eindruck blieb bei Hemberger hängen.

Seine Ansprache im Ortsbeirat kam nicht gut an. Die Organisatoren der traditionellen Maifeier fühlten sich nach Angaben von Hemberger angegriffen. Er solle die Angelegenheit nicht so hoch hängen, hieß es. Dabei waren der Sportverein (SV) und die Burschenschaft gar nicht die Adressaten seines Anliegens. Beiden bescheinigt der Ortsvorsteher, das Traditionsfest gut zu organisieren und auch dafür zu sorgen, dass kein Alkohol an Jugendliche ausgeschenkt wird. „Das Fest soll auf jeden Fall erhalten bleiben“, sagt Hemberger, der sich darüber freut, dass die beiden organisierenden Vereine ein Konzept ausarbeiten wollen. Was dieses beinhalten wird, erklärt SV-Vorsitzende Ute Jung, auf Anfrage der OP: „Wir wollen erörtern, was wir machen können, damit zum Beispiel von außerhalb kommende alkoholisierte Jugendliche nicht reingelassen werden.“

Bewusstsein schärfen

Es gehe ihm aber nicht nur darum, ob Jugendliche schon betrunken nach Kirchvers kommen, äußert sich Hemberger nicht ganz zufrieden. Er will das Bewusstsein schärfen, eine Sensibilität entwickeln, für das, was Alkohol anrichten kann.
Wer dahingehend angesprochen werden muss, sind die Jugendlichen, die irgendwann zwangsläufig mit Alkohol in Kontakt kommen, weiß Hemberger. Und er weiß auch von den negativen Auswüchsen, zum Beispiel bei Feiern zum 18. Geburtstag in der Schutzhütte, oder, als 15- bis 16-Jährige sich im Wald eine Hütte bauten und dort „ordentlich gezecht haben“.

Auch bei seiner Tätigkeit als Leiter der Grundschule Lohra bekommt er erschütterndes mit, zum Beispiel von einem 12-Jährigen, der „harten Alkohol trinkt“.  Auch wegen dieses Beispiels ist sich Hemberger bewusst, dass das Alkoholproblem unter Jugendlichen nicht lokal begrenzt ist. „Kirchvers steht nur für viele Dörfer“, sagt Hemberger. Als er das Foto des Mornshäuser Jugendclubs in der OP gesehen hat, „habe ich den Alkohol förmlich gerochen“. Das Problem der Jugendclubs sei, dass unter der Selbstverwaltung irgendwann auch der Alkohol Einzug halte.

Darüber habe er auch schon mit dem Jugendpfleger Alexander Bena gesprochen, der sich in der Sache engagieren würde. So können sich die Beiden vorstellen, zum Backhausfest Angehörige der Anonymen Alkoholiker einzuladen, die über die Folgen von Alkoholmissbrauch berichten können. Hemberger wünscht sich noch weitere Ideen. Denn auch wenn die Zahlen der Komasäufer rückläufig sind, sei das Problem des Alkoholkonsums unter Jugendlichen nicht verschwunden. „Wenn wir nicht anfangen, darüber zu reden, wird es nicht besser“, ist Hemberger überzeugt.  

von Gianfranco Fain

Hintergrund

Das sogenannte Komasaufen ist seit Jahren Gesprächsthema, weil die Zahl der in Krankenhäuser eingelieferten Jugendlichen stetig zunahm. Nach vorläufigen Zahlen der Statistischen Landesämter aus 9 von 16 Bundesländern im Jahr 2013 vermeldete die DAK-Krankenkasse nun eine Trendwende. Demnach war die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Alter von 10 bis 20 Jahren mit rund 18 500 Fällen um 13 Prozent niedriger als im Vorjahr – und damit der niedrigste Wert seit 2008. Ein Sprecher der Krankenkasse schließt daraus, dass die verstärkte Aufklärung der Jugendlichen über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs Wirkung zeige.
In Hessen sind die Fallzahlen seit 2011 rückläufig. Eine Anfrage der OP für die Gruppe der 14- bis unter 18-Jährigen, die wegen akutem Alkoholmissbrauch in Krankenhäuser gebracht wurden, ergibt laut des Statistischen Landesamtes für den Kreis abweichende Werte:

Jahr    Hessen / LK   (m./w.)
2010    1 161    87    (46/41)
2011    1 238    60    (41/19)
2012    1 230    57    (39/18)
2013    1 077    65    (40/25)

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