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Thema Flüchtlinge füllt das Bürgerhaus

Informationsabend der Gemeinde Thema Flüchtlinge füllt das Bürgerhaus

Informationen, Fragen und Antworten standen auf dem Programm der zweistündigen Veranstaltung, bei der sich ein 
Viertel der rund 240 Gäste bereiterklärte, sich für Flüchtlinge längerfristig zu engagieren.

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Vor rund 240 Dautphetalern erläuterte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, wie der Landkreis mit den Flüchtlingen umgehen will.

Quelle: Gianfranco Fain

Dautphe. Die Trennwand war zur Seite geschoben, der Saal des Bürgerhauses Dautphe dadurch so vergrößert, dass die einladende Gemeinde Platz für 250 Stühle zur Verfügung hatte. Und die Dautphetaler kamen so zahlreich, dass nur wenig Plätze leer blieben.

Offenbar bewegte sie alle die Frage, mit der Rolli Messerschmidt als Vorsitzender der Gemeindevertretung und somit Gastgeber und Moderator den Informationsabend eröffnete: „Wie gehen wir mit den Menschen um, die dem Bomben­hagel entkommen sind?“

Neben Messerschmidt saßen noch Bürgermeister Bernd Schmidt, Helmut Kretz, Leiter des Diakonischen Werkes Biedenkopf, Marianne Schreiber-
Einloft vom Koordinationskreis „Modellwohnung Hommertshausen“, die Sozialarbeiterinnen des Kreises Jennifer Decher und Elisabeth Kosel sowie der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow.

Neue Prognose: 2400 Flüchtlinge bis Jahresende

Der Sozialdezernent beantwortete auch die meisten Fragen, nachdem er einen kurzen Überblick über die Lage gegeben hatte: Bis September kamen jeden Montag 30 bis 40 Flüchtlinge in den Landkreis. Bis zum Ende des dritten Quartals lautete die Prognose zum Ende des Jahres auf rund 1500, nun ist sie erhöht worden auf 2400. Das bedeute statt einmal wöchentlich werde der Landkreis dieselbe Anzahl zweimal in der Woche aufnehmen.

Mit Blick auf die Gemeinde Dautphetal sagte Zachow, dass 54 der zur Verfügung stehenden 75 Unterbringungs-Plätze belegt sind und er rief dazu auf, weiteren Wohnraum auf „normalem Niveau“ der Gemeinde zu melden.

Zachow warb auch für die vom Landkreis propagierte „Miteinanderkultur“, einer „offenen Sphäre des Dialogs“, in der es Integration statt Isolation, also keine Massenunterkünfte geben soll, was in den Dörfern auch „sehr gut funktioniere“. Dabei setzt der Kreis auf die kommunalen Integrationsnetzwerke und die Bürger. „Ich bitte Sie um Hilfe und Unterstützung, um Wohnraum und die lebendige Gestaltung einer Miteinanderkultur“, sagte Zachow.

Der Erste Kreisbeigeordnete antwortete auch auf unangenehme Fragen, weil „Integration nichts ist, was einfach so läuft“. Dazu gehöre auch Probleme anzusprechen, so wie der Busfahrer, der sich über den Zustand seines Gefährts nach einem Flüchtlingstransport beschwerte und der monierte: „Wo sind die Leute, über die wir hier sprechen?“ Mit den Flüchtlingen käme halt ein repräsentativer Querschnitt einer Bevölkerung ins Land. Auch darüber müsse man offen reden, sagte Zachow.

Viele Fragen zu Dingen 
der täglichen Praxis

Man könne doch nicht erwarten, dass Menschen, die die Sprache nicht beherrschen, teilnähmen, wo sich nicht einmal einige Einheimische trauten, hier was zu sagen, fügte Marianne Schreiber-
Einloft an. Sie hatte zuvor über die guten Erfahrungen mit den Flüchtlingsfrauen in Hommertshausen berichtet.

Die weiteren Fragen drehten sich eher um praktische Dinge: „Wie sind die ehrenamtlichen Helfer, die sich um die Flüchtlinge kümmern, versichert?, wollte Siegfried Ortmüller wissen, und: „Wird es in Dautphetal eine Anlaufstelle für Spenden an Kleider, Decken und anderem geben?“

Die Initiativen hätten unterschiedliche Lösungen, erklärte der Erste Kreisbeigeordnete und verwies auf den Rahmenversicherungsschutz der Kommune. Zur Spendensammlung hält er die Kleiderkammern der Diakonie in Biedenkopf für eine mögliche Lösung.

Die Diakonie verfolge einen anderen Weg, erklärte Kretz und antwortete auf die Frage des Holzhäusers Christoph Diehl nach Lagerungsmöglichkeiten von Einrichtungsgegenständen mit einem Verweis auf einen Unternehmer in Niedereisenhausen, der eine Halle zur Verfügung stellt, um Spenden unterzubringen. Vielleicht wäre so etwas auch hier möglich, denn „bei Sachspenden ist noch viel Luft nach oben. Da stehen noch einige Häuser voll“.

Sozialarbeiterin sieht Integrationswillen bei den Flüchtlingen

„50.000 Flüchtlinge sollen es Ende des Jahres in Hessen sein. Was machen wir, wenn die Kapazitäten erschöpft sind? Was machen wir mit den Zeltstädten wenn der Winter kommt? Wie ist der Integrationswille der jungen Männer, die bis zu 80 Prozent der Flüchtlinge stellen?“, wollte Thorsten Beinborn wissen.

Der Integrationswille sei hoch, erklärte Sozialarbeiterin Decher. Die jungen Männer wüssten, dass es hier anders ist als zu Hause und seien gewillt, das anzunehmen. Zudem hätten viele schon eine Familie und hofften, diese nachzuholen.

Zachow äußerte sich zuversichtlich, dass das Zeltlager noch vor Beginn der kalten Periode auf Festbauweise umgestellt ist und glaubt auch, dass der Landkreis trotz der erhöhten Prognose die Lage im Griff hat. „Es ist nicht absehbar, dass wir auf Turnhallen zugreifen müssen“, antwortet Zachow auf eine Zwischenfrage hinsichtlich der Hinterlandhalle. Das wäre der worst-case, betonte Zachow, zumal der Sport bei der Integration ein wichtiger Faktor sei.

„Warum dürfen die Flüchtlinge nicht gleich einen Sprachkurs und auch Praktika machen?“, fragte Carola Bickhardt-Wilsdorf, die zuvor über ihre guten Erfahrungen mit Flüchtlingen als Vermieterin berichtete.
Zachow verwies hinsichtlich der Sprachkurse auf die Gesetzeslage, die sich offenbar bald ändere, und regte an, mit dem Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge eine Lösung für Praktika, Hospitation oder ähnliches zu finden. „Es gibt da fast immer Möglichkeiten.“

Bürgermeister sieht Kapazitäten an Kindergartenplätzen

Roland Will wollte wissen, „Was passiert mit der Namensliste der Freiwilligen? Wer ist Ansprechpartner in Dautphetal? Schmidt erklärte, dass in Dautphetal ein Netzwerk mit freiwilligen Helfern aufgebaut werden soll. Dazu diene die Liste, das erste Treffen ist für den 9. Oktober geplant. Ansprechpartner der Gemeinde sind Ruth Schepp und Stefan Reisch, die unter den Telefonnummern 06466/920-303 und 920-300 zu erreichen sind.

Anna Lena Burk fragte schließlich noch, was mit den Kindern geschehe. Ob diese von den Müttern betreut werden oder in Kindertagesstätten unterkommen. In den Dautphetaler Kindertagesstätten gebe es noch ausreichend Kapazitäten, sagte Bürgermeister Schmidt, der auch darauf setzt, mit dem Landkreis eine unbürokratische Lösung zu finden, falls viele Familien mit Kindern kommen.

Nach gut zwei Stunden beendete Messerschmidt wie vorgesehen den Abend. Für den, die vom Wolfgrubener Louis Donath geäußerte Forderung nicht zutraf: „Wir müssen gegen die Hetzer ganz klare Kante zeigen.“ Zwei Stunden war fast genau auch die Zeit, die die Namensliste benötigte, um durch den ganzen Saal weitergereicht zu werden. Darin trugen sich 62 Dautphetaler ein, die bereit sind, sich auch über eine lange Zeit um die Flüchtlinge in ihrer Gemeinde zu kümmern.

von Gianfranco Fain

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