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Täter muss nicht der Angeklagte sein

Freispruch im Pornofoto-Prozess Täter muss nicht der Angeklagte sein

Weil einem 50-jährigen Biedenkopfer die Verbreitung von pornografischen Bildern seiner Ex-Freundin im Internet nicht zweifelsfrei nachzuweisen ist, hob das Landgericht ein Urteil des Amtsgerichts auf.

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Ob der Angeklagte der Versender von Sexfotos seiner Ex-Freundin war, ist laut Berufungsgericht nicht nachzuweisen.

Quelle: Julian Stratenschulte

Marburg. Das Marburger Landgericht sprach am Montag einen 50-jährigen Biedenkopfer vom Vorwurf der Verbreitung pornografischer Bilder seiner Ex-Freundin frei. Die Berufungskammer hob damit ein Urteil des Amtsgerichts Biedenkopf auf.

„Selbstverständlich ist sie Opfer von zwei Straftaten geworden, aber wir konnten leider nicht aufklären, wer der Täter ist“, betonte der Vorsitzende Richter, Gernot Christ, am Ende der Verhandlung.

Fest steht auch nach Überzeugung der zweiten Instanz, dass im Dezember­ 2011 nach Ende der Beziehung Bilder, die die Frau nackt oder bei sexuellen Handlungen mit dem Angeklagten zeigen, auf ­eine fiktive Internetseite­ gestellt wurden. Ausdrucke davon erhielten ihr Vermieter und Arbeitgeber.

Es kommen auch andere Täter in Frage

Im Sommer 2012 wurden dann von einer E-Mail Adresse­ mit dem Namen der Frau, die dieser aber nicht gehörte, anzügliche Aufnahmen an mehrere Bekannte verschickt. Der Angeklagte räumte im Prozessverlauf ein, die Bilder im Einverständnis mit der Frau gemacht zu haben. Die Taten stritt er aber ab.

Das Amtsgericht verurteilte­ ihn wegen der Verbreitung ­pornografischer Schriften und „Verletzung des höchstpersönlichen Lebens- und Geheimnisbereichs“ zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe. Die zweite Instanz folgte den Anträgen von Verteidigung und Staatsanwalt, weil seine Täterschaft nicht nachzuweisen ist, es hätten auch andere Personen sein können.

Verteidiger Thomas Nonas verwies in seinem Schlussvortrag darauf, dass bei der Durchsuchung des Hauses seines Mandanten keinerlei belastendes Material zu finden war. ­Zudem sei die zweite Tat erst danach erfolgt. Auch andere Personen hätten Zugriff auf die ­Dateien haben können. Dass Vermieter und Arbeitgeber zunächst die Adressaten waren, deute laut Nonas auf die Absicht des Täters hin, dass die Frau aus dem Hinterland wegziehe.

Das sah auch die Kammer so. Auch der neue Freund der Frau hätte als Motiv haben können, dass sie zu ihm zieht, so Christ. Zudem hätte er auch Zugriff auf die Bilder gehabt, die er eigenen Angaben zufolge löschte, nachdem er und seine Freundin diese vom Angeklagten auf Speichermedien erhielten. In Frage komme auch eine Kollegin, die Probleme mit der Geschädigten hatte und Zugriff auf deren dienstliche E-Mail hatte, was dem Angeklagten nicht zu beweisen war.

Richter: Kein(!) Freispruch zweiter Klasse

Christ betonte, dass die Frau sicher glaube, dass ihr Ex-Freund der Täter war. Gleichwohl seien ihre Angaben widersprüchlich. Negativ sei auch, dass eine Vielzahl von Textnachrichten vor der Auswertung ihres Mobiltelefons gelöscht wurde. Vor Gericht sagte sie aus, der Angeklagte habe ihr mit der Veröffentlichung gedroht.

Die Nachrichten, die noch da waren, hätten jedoch keinen eindeutigen Hinweis in diese Richtung gegeben, waren sich Christ und Staatsanwalt Jonathan Poppe einig. Dass der Angeklagte im Prozess bestritt, die Mails mit wüsten Beschimpfungen gegen die Frau überhaupt verfasst zu haben, dürfe nicht zu seinen Lasten interpretiert werden.

Christ entschuldigte sich ausdrücklich für die lange Verfahrensdauer. Die Ermittlungen seien nicht optimal gelaufen, was für das Opfer und den Angeklagten sehr belastend war. „Das war sehr unglücklich für die Beweislage“, so Poppe. Erst in der Berufungsverhandlung wurden alle Beweismittel ausgeschöpft, sind sich alle Beteiligten einig. Und daraus ergebe sich schließlich „im Zweifel für den Angeklagten“, sagte Christ. Und, so hob er hervor, es gebe keinen Freispruch zweiter Klasse.

Nach dem rechtskräftigen Urteil wolle er jetzt ein neues ­Leben an einem anderen Ort führen, erklärte der Angeklagte, der in seinem letzten Wort hervorhob: „Ich habe alles verloren, auch meinen geliebten Arbeitsplatz. Hier zeigen die Leute nur noch mit dem Finger auf mich“.

von Heiko Krause

 
 
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Eine schwierige Beweislage sieht das Gericht im Berufungsverfahren gegen den Biedenkopfer, dem Verbreitung pornografischer Fotos seiner Ex-Freundin vorgeworfen wird.

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