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Süchtiger zieht die „Notbremse“

Aus dem Schöffengericht Süchtiger zieht die „Notbremse“

Weil er sich Hunderte Gramm Drogen bequem über das Darknet nach Hause bestellte, wurde ein Mann aus dem Hinterland vom Marburger Amtsgericht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

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Da ein Hinterländer sein langjähriges Suchtproblem durch eine Therapie offenbar in den Griff ­bekommen hat, muss er nicht ins Gefängnis.

Quelle: Boris Roessler

Marburg. Eine laufende Suchttherapie bewahrte den 34-jährigen Angeklagten vor einer Haft. Zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung samt 150 Arbeitsstunden, lautete das Urteil des Marburger Schöffengerichts gegen den geständigen Hinterländer wegen des Erwerbs und Besitzes von Betäubungsmitteln in teils nicht geringer Menge.

Zehn Drogendelikte warf die Staatsanwaltschaft dem 34-Jährigen vor. Er hatte zwischen Ende 2014 und Mai vergangenen Jahres regelmäßig Drogen im sogenannten Darknet bestellt, wo sich Internetnutzer fast komplett anonym bewegen können. Mal orderte er kleine Mengen, mal bis zu 360 Gramm Amphetamine oder Marihuana bei ­einem illegalen Händler.

Einige Pakete fing die Polizei ab und ermittelte den Käufer. Vor Gericht gab der 34-Jährige die Drogengeschäfte umfänglich zu: „Das stimmt alles, ich habe das bestellt.“ Wie er selbst mitteilte, besuchte er zu jener Zeit regelmäßig Partys, orderte dafür die Stimmungsaufheller in größeren Mengen bequem im Internet.

Beschuldigter räumt langjähriges Suchtproblem ein

„Bei Ebay kann man die aber nicht bestellen“, forschte der vorsitzende Richter Dominik Best genauer nach. Freigiebig beschrieb der ertappte Kunde die Vorgehensweise: Er ging regulär über einen anonymen Browser ins sogenannte „Deep Web“, tauschte Bargeld gegen das dort übliche Zahlungsmittel Bitcoins.

Für umgerechnet rund zweieinhalbtausend Euro bestellte er im Tatzeitraum Betäubungsmittel. Nachdem nicht alle georderten Waren bei ihm eintrafen, wurde er misstrauisch, legte „aus Paranoia“ ein Postfach an.

Nachdem die illegale Drogenseite aufflog, wurden rund 40 Kunden ermittelt, darunter der Angeklagte. In seiner Wohnung fand die Polizei rund 300 Gramm Amphetamine. Wie aus dem umfangreichen Sammelgutachten hervorgeht, fällt der Großteil davon in den Bereich der sogenannten nicht geringen Menge, die strafrechtlich streng geahndet wird. Teils „um das Dreifache“ übersteigen die ­gefundenen Suchtmittel diese gesetzliche Grenze, machte Staatsanwalt Kurt Sippel deutlich.

Als Grund für sein Handeln nannte der Beschuldigte ein langjähriges Suchtproblem. Seit fast 20 Jahren nehme er Drogen, entwickelte mit der Zeit „paranoide Tendenzen“. Vor Gericht gab er sich geläutert. Die Hausdurchsuchung habe ihm die Augen geöffnet, er wolle endgültig weg von den Drogen.

Begonnene Therapie bewahrt Verturteilten vor der Haft

„Ich wollte was ändern und einen Schlussstrich ziehen“, beteuerte der Angeklagte. Seit September vergangenen Jahres befinde er sich in einem intensiven Suchtprogramm. Die Klinik bescheinigte ihm einen guten Behandlungsfortschritt. Die stationäre Therapie zeige Erfolge, sie läuft noch bis Mitte März. Im Anschluss wolle er in die ambulante Nachsorge, sagte der 34-Jährige.

Eine Bewährungsstrafe stand für ihn einige Zeit auf der Kippe. Vor dem Gefängnis bewahrte ihn sein Geständnis und der dem Anschein nach positive Therapieverlauf. „Er hat die Notbremse gezogen, er muss nicht einrücken“, befand Staatsanwalt Sippel. Insbesondere, da der Süchtige eine Therapie Monate vor der Hauptverhandlung antrat und diese durchhält – „das passiert auch nicht so oft“, sagte der Anklagevertreter.

Das Schöffengericht folgte dessen Antrag. Als Bewährungsauflage verpflichtete das Gericht den 34-Jährigen, die stationäre Suchttherapie zu beenden und die ambulante Nachsorge einzuhalten. Das Urteil ist rechtskräftig.

von Ina Tannert

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