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Strohhalme pflastern seinen Weg

Austreiben des Winters Strohhalme pflastern seinen Weg

Stumm tappt der Strohbär durch Straßen und Gassen, verlängert mit jedem Schritt die Spur aus Halmen durch den Ort Hartenrod.

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Hartenroder Feuerwehrmänner folgen einer Tradition und treiben den Strohbären durch den Ort.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Hartenrod. Laute Trompetenklänge begleiten das hellbraune Wesen und verkünden lautstark das baldige Ende der kalten Jahreszeit. Das ist alter Brauch und gute Sitte: Am Faschingsdienstag wird der Strohbär als Symbol des Winters erst durch und dann aus dem Ort getrieben - seit vielen Jahren.

Um acht Uhr beginnen die Vorbereitungen im Gerätehaus der Feuerwehr. Dort warten eine Tonne voll Stroh, dutzende Meter Kordel und ein Freiwilliger in blauem Overall und schützender Sturmhaube.

In diesem Jahr verpacken die Feuerwehrmänner Steffen Fuchs und Dennis Rink den Auserwählten, binden das Stroh an dessen Füße, Beine und um Bauch und Kopf herum. Schnell spürt der Verpackte die Nebenwirkungen: „Mir ist fürchterlich warm“, stöhnt er. Schließlich legen die Wehrleute das „Tier“ in Ketten und führen es hinaus auf den Hof, wo die schweißtreibende Runde beginnt.

In jedem Jahr begleiten ein Dompteur und ein Trompeter den Bären, diesmal Dennis Rink und Volkhard Schäfer. Rink half bereits beim Verpacken des Strohbären. Vom Feuerwehrhaus aus zieht das Trio über den Faschingsmarkt zur Grundschule, danach zum Kindergarten, wo die Kleinsten dem fremden Wesen mit gemischten Gefühlen entgegentreten. Manche suchen mutig Kontakt, andere halten sicheren Abstand.

Eier und Speck für den Strohbären

Auf der anschließenden Tour durch Hartenrod kommen einige Bewohner aus den Häusern, loben das wandelnde Kunstwerk und beschenken den Bären mit kraftspendenden Eiern und Speck.

In Geschäfte, aus denen niemand heraustritt, schauen die drei gern zur offenen Tür hinein - oft zum Schrecken der Inhaber: „Nicht reinkommen, ich hol‘ euch was“, ruft der Zahnarzt, und der Friseur empfängt die Bande direkt im Eingang. Beide wissen, wie hartnäckig herabfallendes Stroh im Teppichboden haften bleibt. Auch der Metzger hat vorgesorgt und hält einen Beutel voller Würste aus der Ladentür.

Seit wann der Strohbär durch Hartenrod getrieben wird, ist nicht bekannt. Doch Karl-Otto Bamberger erinnert sich noch an Geschichten seines Großvaters vom Ende des 19. Jahrhunderts, die von der im Hinterland einzigartigen Tradition erzählten. Schon damals sollte der Gang des Bären Hoffnung machen auf einen raschen Beginn des Frühlings. Lange pflegten Familien aus dem Dorf den besonderen Brauch, den nun seit 30 Jahren die Feuerwehr fortführt.

Das Strohbär-Dasein ist anstrengend

„Wir versuchen, die schöne Tradition zu bewahren“, betont Wehrführer Steffen Fuchs. Das sei allerdings nicht mehr so einfach wie in der Vergangenheit: Es werde schwieriger, Freiwillige, die in den Strohmantel schlüpfen sowie geeignetes Material zu finden - denn nur ausreichend langes Stroh, führe zu einem brauchbaren Ergebnis.

Erst nach drei Stunden erreichen der Bär und seine Begleiter am Mittag das Gerätehaus, wo die Hartenroder Feuerwehrleute den sichtlich geschafften Freiwilligen befreien. Mit dem Verbrennen der Strohhülle endet die Aktion und mit dem abziehenden Rauch auch der Winter - zumindest der Legende nach.

Hintergrund
Seit 1684 veranstalten die Menschen in Hartenrod den Faschingsmarkt. Als einer von vier regelmäßigen Märkten, diente auch der Faschingsmarkt der Versorgung der Bevölkerung mit Haushalts- und Gebrauchsgütern. Heute bauen fahrende Händler im Dorf ihre Stände und Buden auf, verkaufen Speisen, Spielzeug und Kleidung

von Benedikt Bernshausen

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