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Straßenkunst als Stein des Anstoßes

Schüler gestalten graue Betonmauer Straßenkunst als Stein des Anstoßes

Die Mauer an der 
Freiherr-vom-Stein-Straße in Biedenkopf erhielt mit Schablonen und Pinseln
einen Spezialanstrich. 
Die Straßenkunst soll beim Betrachter etwas 
in Gang setzen.

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Nuri trägt die zweite Schicht Farbe auf die Mauer auf.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Biedenkopf. Die Szenerie wirkt trostlos: Drei große und schwere Steine liegen auf einer kleinen rot und grau gepflasterten Fläche, dahinter eine teilweise bröcklige, kahle graue Betonmauer.

Die dicken Steine sind nicht als Dekoration gedacht. „Die sollen nur verhindern, dass jemand ein Auto hier abstellt“, sagt Ursula Cyriax. Die Künstlerin möchte den öden Fleck am Beginn der Freiherr-vom-Stein-Straße aufwerten – irgendwie.

Aufgefallen war ihr die Ecke, als sie einmal mit dem Auto vor der Ampel in der angrenzenden Hospitalstraße warten musste. Bänke, die dort standen und Sträucher, die dort wuchsen, waren von der Stadtverwaltung entfernt worden. Es hieß, dass sich zu viel Müll in den Büschen gesammelt habe.

Alexa (links) und Seda tragen die weiße Grundierung auf die Betonmauer auf. Am Dienstagmittag arbeiteten die Jugendlichen mit der Künstlerin an der trostlosen Mauer in der Freiherr-vom-Stein-Straße.

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In den Wochen nach ihrer „Entdeckung“ reifte der Wunsch nach Veränderung zur fixen Idee. Dann beginnt die Umsetzung. Doch die Künstlerin ist nicht allein. Sie hat mehr als ein Dutzend helfende Hände um sich geschart – allesamt Schüler des Bildungswerkes der Hessischen Wirtschaft in Biedenkopf. Es ist kalt. Und neblig. Es dauert, bis die wärmende Wintersonne den Dunst vertreibt.

Zu diesem Zeitpunkt klebt die Schablone mit dem ersten Schriftzug schon an der Mauer. Alexa und Seda sitzen auf dem davorliegenden Steinbrocken und tragen die erste Schicht weiße Farbe auf. Buchstabe für Buchstabe. „Ist das der Stein des Anstoßes?“ steht dort.

Hinter der Mauer pflanzt 
Nuri derweil Efeu ein; neben den anderen beiden Brocken klebt der Rest der Gruppe die nächsten Schablonen auf: „Ist das der Stein der Weisen?“ und „Ist das der Stein, der dir vom Herzen fiel?“.

Eine Passantin geht an der Künstlergruppe vorüber. Und es scheint, als bemerke sie die Arbeiten nicht einmal. Bloß ihr Hund bleibt einen kurzen Moment stehen, hebt das Bein und pinkelt direkt an den Stein der malenden jungen Frauen auf sorgfältig gefaltete Folienreste. Ursula Cyriax schüttelt wortlos den Kopf. „Kunstbanausen.“

Künstlerin will die Menschen anstupsen

Die neue Aktion der Biedenkopferin Ursula Cyriax heißt „Rolling Stone 2.0“ und ist Teil des Unterrichtsfachs „Glück“. Nach drei Wochen Theorie ging 
Cyriax mit den Schülern auf die Straße, um ein „Denk-Mal“ zu errichten. Die Schriftzüge sollen beim Betrachter etwas auslösen. „Nachdenklichkeit“, wünscht sich Ursula Cyriax als Resultat auf ihre Straßenkunst.

Die Künstlerin hält es für wichtig, Menschen anzustupsen und zum Überlegen anzuregen, „um Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen, die die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse an uns stellen, zu finden“.

Auf die weiße Grundierung sprüht Ursula Cyriax zum Abschluss goldene Farbe auf. Dann entfernt sie die Schablonen. Auf den großen Steinbrocken und auf der Mauer verteilt und stapelt sie noch gold-, silber- und bronzefarbene Steine. Fertig.

Ein kleiner Junge bleibt stehen, betrachtet die dezent wirkenden Fragen auf der Mauer und hakt irritiert nach: „Ja, was ist das denn?“ Ursula Cyriax lächelt zufrieden: „Genau darum geht es! Toll!“

von Benedikt Bernshausen 
und Silke Pfeifer-Sternke

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