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Stich für Stich zum Unikat

Kreativwerkstatt Römershausen Stich für Stich zum Unikat

Bloß nicht den Faden verlieren. Schöne Dinge mit Stoff gestalten, ist bei Kindern total angesagt. In der Schule oder im Atelier rattern die Nähmaschinen. Für Halssocke, Leseknochen, Hose, Pulli und vieles mehr.

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Leonie Naumann arbeitet an einem mehrfarbigen Stoffkörbchen.

Quelle: Michael Tietz

Römershausen. Richtig einfädeln – für Sophie, Marie, ­Lena und Leonie ist das längst kein Problem mehr. Leicht geht ­ihnen der Umgang mit Oberfaden, Unterfaden, Füßchen und Nahtzugabe von der Hand. Seit gut einem Jahr kommen die Mädchen aus dem zweiten bis fünften Schuljahr regelmäßig in die Kreativwerkstatt von Melanie Krämer-Kowallik. Hier haben sie schnell das Einmaleins des Nähens mit der Maschine verinnerlicht.

Mit flinken Fingern führen sie die Fäden durch ein Labyrinth von Wegen und Ösen hindurch zur Nähnadel. „Selbst etwas zu entwerfen und zu nähen, ist einfach toll“, erzählt Lena. Viel Zeit zum Plaudern haben die Mädchen allerdings nicht. Der einstündige Nähkurs vergeht wie im Flug – und am Ende möchte jeder möglichst auch etwas vorweisen.

Immer donnerstags heißt es im Atelier von Melanie Krämer-Kowallik „An die Stoffe, fertig, los“. Vier Kurse – zwei für Kinder, zwei für Erwachsene – bietet die Römershäuserin derzeit an. Und die Nachfrage ist groß. „Mir laufen die Kinder im Moment die Türen ein, alle wollen Nähen lernen“, erzählt sie.

Der Näh-Boom im Gladenbacher Stadtgebiet nahm vor drei Jahren seinen Lauf. Eher zufällig. Ausgelöst wurde er durch ­einen überraschenden Fund und durch geschäftstüchtige Kinder.

Chice Stücke von Mama

In der Weidenhäuser Schule­ tauchten alte Nähmaschinen auf, die keiner mehr nutzte. Da entstand die Idee, Kindern das Handarbeiten näherzubringen. In der Schule bietet Krämer-Kowallik einmal pro Woche nun Arbeitsgruppen an – „Nähen mit Maschine“ und „Kartenwerkstatt“. Begeistert würden die Kinder mitmachen.

„Mit den eigenen Händen ­etwas herstellen und am Ende­ etwas haben, was sonst keiner besitzt – das treibt mich schon mein Leben lang an“, beschreibt Krämer-Kowallik ihre Faszination fürs Nähen. Und die übertrug sich auch auf ihre Familie. Für ihre Kinder schneiderte die Römershäuserin einzigartige Pullover. Das weckte die Neugier von Freunden und Schulkameraden. Die wollten wissen, woher die chicen Oberteile­ stammen.

„Meine Kinder sind sehr geschäftstüchtig, sie haben dann gesagt: ,Das kannst du bei der Mama lernen.‘ So hat es ­angefangen“, erzählt Krämer-­Kowallik und schmunzelt.

Ganz ohne Vorkenntnisse kommt kaum ein Kind in ihren Nähkurs. Einige haben zu Weihnachten eine Nähmaschine geschenkt bekommen und wollen­ nun munter loslegen. Andere haben in der Schul-AG bereits erste Versuche unternommen.

Für alle gilt der Grundsatz: „Ganz in Ruhe – und stellt die Ferse auf den Boden. Eine Hand neben dem Schiebetisch und eine Hand vor die Maschine – dann passiert auch nichts“, erklärt Krämer-Kowallik.

Leseknochen ist der Renner

Anschaulich bringt sie den Kindern die wichtigsten Tipps und Tricks im Umgang mit der Nähmaschine näher. Wie sie Ober- und Unterfaden richtig einfädeln, wie sie geradeaus und um die Kurve nähen, wie sie zuschneiden und versäubern, damit der Stoff nicht ausfranst.

Und wie selbstverständlich denken die Kinder auch an die Nahtzugabe. Die kommt ins Spiel, wenn das Schnittmuster mit Nadeln auf dem Stoff festgesteckt und die Umrisse aufgemalt wurden. „Mit einem Finger breit Nahtzugabe ausschneiden“, erklärt Sophie den nächsten Schritt, bevor es ans eigentliche Nähen geht.

„Es gibt keine unbegabten Kinder. Wenn man sie lässt, haben sie das ziemlich schnell raus und entdecken die eigene Kreativität“, erzählt die Kursleiterin. So wie Leonie. Sie hat sich als Stundenaufgabe ein mehrfarbiges Stoffkörbchen vorgenommen. Auch Sophie muss nicht lange überlegen. ­Eine Halssocke (Mini-Loop) soll es diesmal werden. Das geeignete Stoffmuster ist schnell gefunden: Dragons für Mädchen. Nebenan setzt Marie die letzten Stiche für ihr kleines Kuschelkissen. Damit will sie ihren kleinen Bruder überraschen.

Lena sucht derweil noch nach einer Idee für ein Geburtstagsgeschenk für ihre Freundin. „Vielleicht ein Tier?“, fragt das Mädchen. „In einer Stunde? Wie wäre es stattdessen mit einem Leseknochen?“, schlägt Krämer-Kowallik vor. Das knochenförmige Kissen sei momentan der Renner. Man legt es sich unter den Nacken oder auf den Bauch und lehnt dann das Buch oder das iPad dagegen.

Lena Herrmann arbeitet an einer Stoffkatze. Foto: Tietz

Lena entscheidet sich dann aber doch für eine Katze. „Ich schenke meiner Freundin etwas­ anderes und nähe jetzt mal ­etwas, was ich toll finde. Sonst verschenke ich immer meine Nähsachen, jetzt will ich mal ­etwas für mich machen.“

Gesagt, getan. Aus zwei Stoffstücken wird die Katze genäht, mit weichem Material und etwas Granulat gefüllt, damit sie stehen bleibt.
Idee suchen, Stoff auswählen und zuschneiden – das gehöre­ irgendwie dazu. „Das Nähen macht am meisten Spaß“, sagt Sophie und lässt ihre Maschine munter rattern. Sorgfältig werden die Stoffteile zu einer genähten Einheit.

Auch Eltern besuchen Kurs

Lange hat es nicht gedauert, bis die Mädchen die Kniffe der Nähmaschine kannten. „Das ging relativ schnell. In der ersten Stunde hat es noch nicht so gut geklappt – aber danach lief es“, erzählt Lena. Ab der zweiten Stunde können die jungen Designerinnen schon alleine die Maschinen bedienen.

Ihre Premierenstücke waren Taschen und Herzchenkissen. Und waren sie zufrieden damit? Kopfnicken macht die Runde.­ „Die Kinder sind total wissbegierig und sie haben so viele 
Ideen, was sie machen möchten“, berichtet Krämer-Kowallik.

Der Fantasie seien keine Grenzen gesetzt. Röckchen, Jogginghosen oder Jacken aus Strickstoff sind bereits im Atelier entstanden. Demnächst sollen Pullover in Angriff genommen werden. Die Begeisterung bei den Kindern ist groß und färbt auch ab. „Die meisten Eltern kommen später auch in einen Kurs“, erzählt Kursleiterin Krämer-­Kowallik.

von Michael Tietz

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