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Stich für Stich besticht ihr Bild

Stich für Stich besticht ihr Bild

Martha Jung besitzt Geschick, Geduld und Ausdauer. Die 74-Jährige kommt ganz ohne Pinsel aus und kreiert doch farbenfrohe Bilder. Das Sticken ist ihre Leidenschaft.

Damm. Auf einen flüchtigen Blick wirkt das auf Zweigen sitzende Ara-Pärchen wie gemalt. Die Vielfalt der Farben und Schattierungen auf dem Federkleid verstärken die Illusion. Doch Martha Jung braucht für ihre Kunst keine Pinsel: Sie arbeitet mit Nadel und Faden. Auch das Ara-Motiv stickte die 74-Jährige auf weißen Stoff. Dafür verwendete sie Garn in 48 verschiedenen Farben. Das Kunstwerk hat einen Ehrenplatz im Esszimmer, hängt mit drei anderen Bildern dort an der Wand. Stolz sagt die Dammerin: „Das sind meine Meisterstücke.“

Sie arbeitet ohne Maschinen, stickt jedes Bildelement mühevoll mit der Hand. Die Motive werden auf dem Stoff nicht vorgezeichnet. Nach alter Schule zählt sie die Maschen des Materials aus, bevor sie Nadel und Faden hineintreibt. Sie orientiert sich allein an Maßvorgaben aus Fachmagazinen. Die Farben stellt sie selbst zusammen.

„Das ist eine ganz schöne Arbeit“, erklärt die Rentnerin, die das Sticken im Handarbeits-Unterricht an der Volksschule Lohra lernte und dort mit ersten, einfachen Techniken Deckchen und Überhandtücher verschönerte. Ihr ältestes Stück aus dieser Zeit ist ein Kissenbezug, dessen Etikett die Jahreszahl 1951 trägt.

Jedoch drängten nach der Schule die Familie, Haus und Hof sowie der Beruf das liebgewonnene Hobby ins Abseits. Dafür fehlte der dreifachen Mutter, die in der Lohraer Zigarrenfabrik arbeitete, meist die Zeit - zumindest bis sie vor 22 Jahren in Vorruhestand ging. Damals begann sie wieder damit, Tischdecken mit Hohlsaum oder schlichten Blatt-, Stiel- oder Kreuzstichmotiven aufzuwerten.

Auf einzelne Blumen folgten ganze Landschaften und Motivserien, die mal weihnachtlich, mal herbstlich sind. Sie bestickte Handtücher für Kinder mit Eisenbahnen und Wimpel oder Spruchbänder zu verschiedenen Anlässen. Und schließlich, zum ersten Geburtstag ihres Enkels, fertigte sie 1999 ihr erstes Bild: einen Teddybären - und gleich einen zweiten für die eigene Stube.

„Ich hatte das Motiv gesehen und gedacht: Das versuchst du“, erinnert sich die Künstlerin, die sich auch weiterhin der klassischen Stickerei widmete. Schränke und Kisten sind voll mit ihren Arbeiten. Allein mit Weihnachtstischdecken könne sie einen Marktstand eröffnen. Dafür aber seien die Produkte zu teuer. Manchmal koste das Rohmaterial fast 100 Euro. Rechne sie ihre Arbeit hinzu, komme schnell der doppelte Betrag zusammen. Handarbeit hat ihren Preis - den aber zahle heute fast niemand mehr, berichtet Martha Jung verständnisvoll - sie macht trotzdem weiter.

Zwischen den Decken zieht sie ein Tischband hervor, auf das sie heimische Vögel gestickt hat. Sie lacht: „Na, das darf ja nicht anders sein.“ Vögel haben es der Dammerin nämlich angetan und finden sich beinahe auf jedem zweiten Handarbeitsstück. Zufall ist das nicht: Die gefiederten Freunde sind die zweite große Leidenschaft von Martha Jung, die in der Voliere im Garten unter anderem australische Gouldamadinen, Kanarien und Gelbbrustaras hält. Eine chinesische Wachtel aus ihrer Zucht gewann vor Jahren gar einen Meistertitel auf der Bundesschau. Gerade steckt ein rotes Handtuch im kreisrunden Stickrahmen. Er liegt mit den anderen Utensilien in einer kleinen Kiste auf der Eckbank im Esszimmer, in dem sie am liebsten arbeitet. Wenn ihre Hände dort einmal fünf Minuten ruhen, verfolgt sie das Treiben am Vogelfutterhaus vor dem Fenster oder schaltet den Fernseher ein.

Beim Sticken schaue sie nie auf die Uhr: Es sei ihre Freizeitbeschäftigung. Dafür brauche man neben etwas Geschick besonders „Geduld und Ausdauer“. In zwei Alben hat Martha Jung Fotos viele ihrer Arbeiten archiviert: Dieses habe sie verkauft, jenes verschenkt und manche Motive schon sieben- oder achtmal gestickt. Nur der Eisvogel fehle bisher, sei aber ihr nächstes Projekt. Rohstoffe habe sie genug, der „Speicher“ im Keller sei voll. Mit einem Lächeln verrät Martha Jung: „Ich habe nämlich noch viel vor.“

von Benedikt Bernshausen

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