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Stets auf Versöhnung bedacht

Gedenken an Benno Lederer Stets auf Versöhnung bedacht

In einer Feierstunde gedachten gestern Gladenbacher dem früheren Mitbürger Benno Lederer, der am 6. August 1904 in der Marktstraße das Licht der Welt erblickte.

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Rudolf H. Schneider (rechts) erinnerte an den Lebensweg des früheren jüdischen Gladenbacher Mitbürgers Benno Lederer, der gestern vor 110 Jahren in der Marktstraße geboren wurde. An der auf Schneiders Initiative neu gestalteten Gedenkstätte, dem früheren Standort einer Synagoge, legte er zum Gedenken Rosen nieder. Fotos: Hartmut Berge

Quelle: Hartmut Berge

Gladenbach. „Wenn ich einmal nicht mehr da bin, trauert nicht an meinem Todestag, sondern feiert meinen Geburtstag“, hatte Benno Lederer zu Lebzeiten seinen Kindern mit auf den Weg gegeben. Dieser Aufforderung folgte nun auch ein Kreis von Gladenbachern, die im Beisein des Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Marburg, Amnon Orbach, dem ehemaligen jüdischen Mitbürger gedachten.

Rudolf H. Schneider, der eine Ansprache hielt und besonders mit Benno Lederer verbunden war, hatte initiiert, die etwas versteckt gelegene jüdische Gedenkstätte in der Burgstraße neu zu gestalten. In der „Jirregass“, wo früher eine Synagoge stand, wurde in den 1970er-Jahren ein Gedenkstein gesetzt.

Den Stein hatte damals das Rachelshäuser Unternehmen Müller, Jung und Pfeiffer gespendet, die Bronze-Schrift die Firma Zimmermann Grabmale gesetzt. Der Platz wurde neu hergerichtet, der Gedenkstein zentraler gesetzt und der Boden mit grobem Diabas-Schotter bedeckt. In einer sehr bewegenden Ansprache erinnerte Rudolf H. Schneider an Benno Lederers Lebensweg. Am 6. August 1904 in Gladenbach als Sohn von August Lederer und Hilda, geborene Rosenthal, geboren, war ­Benno Lederer bis zu seinem Tod am 6. Dezember 2000 mit damals 96 Jahren der älteste noch lebende Gladenbacher Jude.

Familie Lederer reist 1936 nach Kapstadt

Benno Lederer besuchte das Gymnasium in Gießen und bestand dort 1923 das Abitur. Er beabsichtigte zunächst, Medizin zu studieren und hatte auch schon einen Studienplatz in Würzburg. Aber das scheiterte dann aus wirtschaftlichen Gründen - der Inflation.

1925 ging er nach Frankfurt und absolvierte eine Kaufmannslehre. Er arbeitete anschließend als Außenhandelskaufmann in Hamburg. Dort heiratete er und dort wurde sein ältester Sohn Rolf geboren. Schon früh erkannte Benno Lederer, dass es nach der Machtergreifung Hitlers für Juden keine Perspektiven mehr geben würde und plante seine Auswanderung. Südafrika lag für ihn „am nächsten“, weil seine Frau dort Verwandte hatte. 1936 reiste die Familie nach Kapstadt. Die Kinder Evelyne (1936) und Jeffrey (1946) wurden dort geboren.

In Südafrika nahm der Immigrant jede sich bietende Arbeit an, um Fuß zu fassen und seinen Kindern eine ordentliche Ausbildung zu ermöglichen. Schließlich wurde er Vertreter für Textilien und war so erfolgreich, dass er ein Geschäft für Damen- und Herrenbekleidung, zu dem später ein Einrichtungshaus kam, eröffnen konnte.

1972 setzte er sich zur Ruhe, machte viele Reisen und besuchte 1975 erstmalig wieder Gladenbach. Damals habe er Benno Lederer kennengelernt, der anlässlich eines Klassentreffens in seine alte Heimatstadt gekommen war, berichtete Rudolf H. Schneider. Mit seiner Ehefrau besuchte Schneider Benno Lederer in Kapstadt und 1994 anlässlich dessen 90. Geburtstags in Israel. Dorthin war der gebürtige Gladenbacher inzwischen übergesiedelt.

Lederer war aus tiefster Überzeugung Pazifist

Barbara und Jürgen Runzheimer seien damals mit zu der Feier angereist, sehr zur Freude des Jubilars, erinnerte Rudolf H. Schneider. Mit im Gepäck hatte er damals ein Präsent des Magistrats der Stadt Gladenbach. Seine Erinnerungen hat Benno Lederer in einem kleinen Buch mit dem Titel „A tale of tree continents“ niedergeschrieben. Als Schneider den Charakter von Benno Lederer beschrieb, konnte er seine Tränen nicht verbergen.

Benno Lederer sei aus tiefster Überzeugung Pazifist gewesen „und hegte keinen Groll gegenüber den Menschen und Umständen, die ihn gezwungen hatten, seine Heimat zu verlassen, nur großes Bedauern und Unverständnis für die Entwicklung im damaligen Nazi-Deutschland mit seinem menschenverachtendem Antisemitismus und Holocaust“.

„Seine Haltung, sein Großmut und seine Freundschaft zu seiner Familie und mir haben mich nachhaltig beeindruckt“, betonte Schneider. So sei seine Initiative zur Neugestaltung des Denkmals, an dem die Gladenbacher Synagoge gestanden habe, nur ein kleines Dankeschön, für das, „was er mir als über dreißig Jahre jüngerem Menschen vermittelt hat“. Schneider erinnert auch an den 2012 verstorbenen Gladenbacher Historiker Jürgen Runzheimer, der, gemeinsam mit seiner Frau Barbara in freundschaftlicher Verbindung mit der Familie Lederer stand.

Geschichte aufgearbeitet

Jürgen Runzheimer hat die Geschichte der Juden im ehemaligen Landkreis Biedenkopf aufgearbeitet und unter dem Titel „Abgemeldet zur Auswanderung“ in zwei 1992 und 1999 erschienenen Bänden veröffentlicht. Runzheimer habe sich um das Erinnern und nicht Verdrängen einer unseligen Epoche heimischer deutscher Vergangenheit verdient gemacht, sagte Schneider. Seine Rede hatte er vorab an Benno Lederers Kinder geschickt, zu denen Schneider nach wie vor Kontakt hält. Sie alle antworteten und waren angesichts der Erinnerung an ihren Vater in Gladenbach sehr ergriffen.

Rudolf H. Schneider dankte allen Beteiligten, die seine Idee zur Umgestaltung der Gedenkstätte beratend und tatkräftig unterstützt hatten, so dem Ersten Stadtrat Walter Jakowetz, Jutta Koch von der Stadtverwaltung, Bauhofleiter Otto Klingelhöfer und dessen Kollegen Robert Müller sowie Amnon Orbach und dessen Ehefrau.

Neben den Genannten waren bei der Feierstunde interessierte Gladenbacher anwesend, unter ihnen Stadtverordnetenvorsteher Hans-Hermann Ullrich, Gladenbachs früherer Bürgermeister Klaus Bartnik und der künftige Bürgermeister Peter Kremer, Pfarrer Klaus Neumeister von der evangelischen Kirchengemeinde und Dr. Dr. Hermann-Josef Wagener von der katholischen Kirchengemeinde.

Amon Orbach sprach ein Gebet. Robert Müller aus Rachelshausen überreichte dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Marburg im Namen aller Gladenbacher eine Diabasplatte, aus demselben Gestein wie das Ehrenmal; Barbara Runzheimer überreichte das Buch „Abgemeldet zur Auswanderung“.

von Hartmut Berge

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