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Steiniger Boden hat auch sein Gutes

Bergbaugeschichte Steiniger Boden hat auch sein Gutes

70 geschichtsinteressierte Besucher trafen sich bei hochsommerlichen Temperaturen am „Spatwerk“ zu einem Rundgang mit anschließendem Vortrag zum Thema „Bergbau in Hartenrod“

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Mit lustigen Anekdoten über die Eigenarten des ehemaligen Betriebsleiters des Bergwerks, der zum Beispiel die Äpfel an seinem Apfelbaum zählte, um herauszufinden, ob ihn jemand beklaute, bringt Karl-Otto Bamberger (rechts) seine Gäste zum Lachen. Fotos: Salomé Weber

Hartenrod. „Wenn man früher eine Region als steinreich bezeichnete, dann verhieß das nichts Gutes“, erzählt Karl-Otto Bamberger zu Beginn seines Vortrags über die Geschichte des Bergbaus in Hartenrod. Erklärend fügt er hinzu: „Es war schwierig, die steinigen Böden für die Landwirtschaft zu nutzen. Erst später entdeckte man das Potenzial dieser Bodenschätze“

In Hartenrod geschah das im 17. Jahrhundert. Bis auf das Jahr 1674 lässt sich der Abbau von Kupfererz, Eisenerz, Zink und Blei zurückverfolgen. „Das Besondere an den Metallvorkommen in unserer Region ist, dass sie sehr unregelmäßig verteilt sind“, erklärt Bamberger. Das ist der Grund, warum es gleich mehrere Gruben und Schächte in Hartenrod gibt. „Man hat an einer Stelle begonnen zu graben, einen Schacht gebaut und die Metall- und Mineralvorkommen abgebaut. Als die Quelle versiegte, hat man schließlich an einer anderen Stelle weitergegraben“, erzählt der Hobbyhistoriker seinen interessierten Zuhörern an der ersten Station des Rundgangs, dem Stollen „grüner Baum“.

In der Nähe des Schwerspatbergwerks, zwischen Gräsern und Sträuchern gut versteckt, liegt der Eingang zum Stollen. Um den Besuchern zu zeigen, wie dieser Eingang aussieht und wie tief es dort hinuntergeht, hat Bamberger die Klappe geöffnet. Neugierig versammeln sich die Besucher und schauen in den rund 20 Meter tiefen Abgrund. Manch einer witzelt darüber, hinunterzusteigen, weil es dort sicherlich kühler sei, als über der Erde.

Edgar Achenbach arbeitete zehn Jahre als Hauer

Wie es sich anfühlt, einen solchen beengten, dunklen Schacht Tag für Tag hinunterzusteigen, weiß Edgar Achenbach. Er hat dort zehn Jahre, von 1949 bis 1959, als Hauer gearbeitet und war unter anderem für die Sprengungen verantwortlich. „Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass die Luft dort unten immer sehr schlecht war. Es gab keinen Wetterschacht, der für frischen Sauerstoff gesorgt hätte. Am Ende des Arbeitstags war deshalb der Sauerstoff fast immer komplett aufgebraucht“, erzählt der 78-Jährige.

Wohlbefinden der Arbeiter spielte keine Rolle

Von 6 bis 14 Uhr dauerte die Arbeitszeit, bei der die Effektivität der Arbeiter und nicht deren Wohlbefinden im Vordergrund stand. „Wenn morgens gesagt wurde, dass vier Waggons abgebaut werden müssen, mussten bei Feierabend vier volle Waggons zum Transport bereitstehen, wie wir das schafften, war unseren Vorgesetzten egal.“

Weiter geht es zur nächsten Station, der „Jakobsgrube“ am weißen Stein. Die Bewegungsfreudigen gehen zu Fuß, die anderen machen es sich auf einem Traktoranhänger gemütlich und werden zum nächsten Ziel gefahren. Dort erzählt Bamberger, dass das abgebaute Schwerspat erst über einen Umweg nach Ludwigshütte transportiert werden musste, bevor es über die Grenze nach Hessen -Nassau befördert werden durfte. „Dabei müssen sie auch bedenken, dass man damals noch keine Gummireifen und geteerte Straßen kannte. Die Strecke von Hartenrod bis nach Ludwigshütte war deshalb um einiges beschwerlicher, als heute“, betont Bamberger.

Das abgebaute Mineral wurde damals, aufgrund seiner Witterungsbeständigkeit, in erster Linie in der Farb-, Lack- und Papierindustrie genutzt, aber auch zum Beschweren von Schiffen wurde das Material, aufgrund seiner hohen Dichte eingesetzt. Weiter geht es durch sonnige Wiesen- und schattige Waldabschnitte zum Förderschacht „Koppe“.

Bau der Eisenbahnstreckeführte zu großer Nachfrage

Von dort wurde 1924 eine drei Kilometer lange Seilbahn zum Spatwerk gebaut, die man 1925 in Betrieb nahm. „Damals waren rund 200 Arbeiter beschäftigt“, sagt Bamberger und fügt hinzu: „Insbesondere der Bau der Eisenbahnteilstrecke von Weidenhausen nach Niederwalgern und der Ausbau dieser Strecke über Hartenrod nach Herborn zur Main-Weser- Bahn, im Jahr 1902, ließ den Abbau und die Verarbeitung von Schwerspat explodieren, sodass die anfänglichen 22 Mahlgänge schließlich auf 27 erhöht wurden.“ 1905 entstand deshalb die Grube „Bismarck“, der nächste und letzte Zielpunkt auf den Spuren der Geschichte des Bergbaus in Hartenrod. Die Grube wurde bald zum Förderstollen und erreichte eine Länge von 1250 Metern. Am 25. März 1945 zerstörten Bomber der Alliierten das Spatwerk. Zwei Jahre nach Kriegsende erinnerten sich die Amerikaner, auf der Suche nach Isolationsmaterial für Atombunker, wieder an das Werk.

So wurde der Betrieb im Jahr 1947 wieder aufgenommen, allerdings währte das neu gewonnene Interesse am Bergbau nicht lange, denn nur 14 Jahre später wurde das Spatwerk endgültig geschlossen.

Nach Abschluss des Rundgangs versammeln sich alle noch einmal im „Jeegels Hoob“, um Bambergers Vortrag mit ergänzenden Informationen zu lauschen und den originalgetreuen Nachbau eines Holzverbaus aus dem ehemaligen Schwerspatwerk „Grube Bismarck“ einzuweihen. „Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung, denn ich habe den Eindruck, dass es den Leuten sehr viel Spaß gemacht hat, und ich hätte nie damit gerechnet, dass sich so viele für die Vergangenheit unseres Ortes interessieren. Das freut mich sehr“, sagt der Vorsitzende des Kultur- und Fördervereins Jeegels Hoob, Hermann Bamberger, abschließend.

von Salomé Weber

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