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Eine Lektion in Sachen Glücklichsein

Lesung: Samuel Koch Eine Lektion in Sachen Glücklichsein

Inspirierend, Mut machend und bisweilen philosophisch – so stellte sich Samuel Koch den mehr als 360 Gästen vor, die anlässlich seines Besuchs ins Steffenberger Bürgerhaus gekommen waren.

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Samuel Koch, begleitet von Mirjam Thöne, zeigt trotz seines Schicksals die Kraft, Gegebenes nicht einfach hinnehmen zu wollen.

Quelle: Sascha Valentin

Niedereisenhausen. „Ich hätte nie gedacht, dass es in Niedereisenhausen so viele Menschen gibt“, kommentierte der Gast seinen Blick auf die bis auf den letzten Platz gefüllten Stuhlreihen.

Der ehemalige Leistungsturner, der seit seinem Unfall 2010 bei „Wetten dass...?“ auf den Rollstuhl angewiesen ist, machte deutlich, dass er selbst sich zwar kaum noch bewegen kann, es aber sehr wohl vermag, dies mit seinem Publikum zu tun. Humor spielt dabei ­eine entscheidende Rolle. Immer wieder verleitete Koch seine Zuschauer mit trockenen Sprüchen, seinen laut ausgesprochenen Gedanken und Zitaten aus seinem Buch zur Heiterkeit – mal in Form eines leisen Kicherns, mal als herzhaft lautes Lachen, das den Saal erfüllte.

Dieser Sinn für Humor, den er trotz seines Schicksals nicht verloren hat, ist für ihn und seine Zuhörer zugleich eine Kraftquelle. Natürlich habe er Momente, in denen es ihm schlecht gehe, in denen er zweifle, ja, auch verzweifle. In solchen Momenten müsse man die eigene Perspektive auf die schönen Dinge des Lebens verschieben, riet Koch. „Man darf die Negativ-Bilanz im Leben nicht zu groß werden lassen“, erklärte er, sondern sollte stattdessen einmal eine Liste mit dem machen, wofür man dankbar ist. „Dann werden sie überrascht sein, wie viele Dinge es gibt, für die sie dankbar sind.“

Dabei wirkte Koch jedoch niemals belehrend. Vielmehr ist es herrlich erfrischend, wie er die gelesenen Passagen aus seinem Buch rekapitulierte und kommentiert, über seine Notizen für den Abend sinnierte, die er nicht mehr entziffern kann, oder seiner musikalischen Partnerin Mirjam Thöne zuflüsterte, wohl wissend, dass das Mikro an seinem Kopf kein Flüstern zulässt.

Koch: Der Mensch 
ist von sich aus wertvoll

Von Samuel Koch ging eine Aura der Gelassenheit und Ruhe aus, die in ihrer Intensität zwangsläufig ansteckend wirkte und seinen Blick auf die Welt umso authentischer macht. „Die ganze Welt strebt immerzu nach Glück“, stellte Koch fest. Leider machten die meisten Menschen ihr Glück von persönlichen Umständen abhängig. „Aber dann hätte ich bei meinen Umständen ja gar keine Chance mehr, mal glücklich zu sein“, hielt er seinem Publikum entgegen.

Das sei eines der Dinge, die ihn sein Unfall gelehrt habe: Man dürfe Glück nicht von Umständen abhängig machen, sondern müsse lernen, auch aus misslichen Lagen Glück zu schöpfen. Und dann folgte einer der Momente des Abends, in denen der Humor der Philosophie wich. Die meisten Menschen funktionierten nach dem Prinzip: Tun-Haben-Sein, erklärte Koch. Sie täten etwas, erreichten dadurch etwas und fühlten sich aufgrund dessen wertvoll und nützlich.

Glücklicher werde jedoch, wer diese Ursachenfolge umdrehe, riet Koch. Zu erkennen, dass der Mensch von sich aus wertvoll ist, deswegen etwas hat und aufgrund dessen etwas zu tun imstande ist, mache ihn sehr viel freier. Denn selbst, wenn er dann etwas nicht mehr tun kann oder nichts mehr hat, bleibe er dennoch wertvoll – das gelte für seinen Verlust der Beweglichkeit ebenso wie etwa für den Verlust einer Arbeitsstelle.

Schicksal akzeptieren, hieße aufgeben

Neben den Lesungen aus seinem Buch und den Gedanken, die er sich darüber machte, forderte Koch sein Publikum aber auch immer wieder dazu auf, ihm Fragen zu stellen. ­Eine davon lautete, wann er sein Schicksal akzeptiert habe, um heute so stark damit umgehen zu können. Dem widersprach Koch jedoch. „Mein persönlicher Super-Gau ist, neben dem Verlust eines geliebten Menschen, mich nicht mehr bewegen zu können“, betonte er. Seine jetzige Lage zu akzeptieren, würde bedeuten, „dass ich aufgebe und das mache ich nicht.“

Dabei spiele der Glaube ­eine wichtige Rolle. Durch seinen Unfall habe sich sein Glaube­ zwar relativiert, aber auch ­intensiviert und sich zu einer ­lebenserhaltenden Maßnahme entwickelt. „Glaube ist die feste Zuversicht auf das, was man hofft“ und er hoffe nach wie vor auf die Fortschritte der Medizin und dass er irgendwann wieder laufen könne. Auf die Worte „Das geht nicht!“ habe er schon immer allergisch reagiert – nach seinem Unfall umso mehr.

Um dem Publikum Zeit zu ­geben, seine Anregungen und Ausführungen zu verarbeiten, wechselten sich Kochs Lesungen und Gedankenspiele immer wieder mit dem Gesang Mirjam Thönes und dem Klavierspiel Dirk Mengers und kreierten ­dadurch ein Gesamtpaket, das die Besucher mit der Erkenntnis nach Hause gehen ließ, genau am richtigen Ort gewesen zu sein und so viel über das ­Leben gelernt zu haben.

Das bestätigte auch Uli Beecht von der Freien Christengemeinde, die den Abend veranstaltete. Er zeigte sich von Koch beeindruckt: „Es gibt so viele Menschen, die sich beklagen und keinen Grund dazu haben. Er hätte einen Grund dazu, aber zeigt, dass es auch anders geht.“

von Sascha Valentin

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