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Starkes Gespann arbeitet im Wald

Thilo Rinn und Rückepferd Idefix Starkes Gespann arbeitet im Wald

Zottelmähne, glänzendes Fell, vier Hufe, jede Menge Zugkraft und ein gelassenes Gemüt: Rückepferd Idefix arbeitet gern. Der Kaltblüter soll demnächst auch an der Uni virtuell Bäume rücken.

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Mit seinem 16-jährigen Rückepferd „Idefix“ ist Forstwirtschaftsmeister Thilo Rinn im Wald bei Lohra im Einsatz. Die Arbeit des 
Gespanns beobachtete Professor Helge Peters.

Quelle: Ina Tannert

Lohra. Die Motorsäge kreischt, es kracht im Geäst, leise klirrt und rumpelt es im Wald, ein Schnauben aus dem Halbdunkel des Unterholzes ist zu hören, dann ein Ruf: „Hott! Vorwärts!“ – und schon stapft der 700 Kilo schwere Waldarbeiter Idefix auf den Pfad, im „Gepäck“ einen meterlangen Kiefernstamm. Mühelos zerrt das Rückepferd seine schwere Last an den Wegesrand, knabbert entspannt an einem Strauch, während sein „Kollege“ die Leinen löst.

Pferdeführer Thilo Rinn befreit das wertvolle Holzgut von der Kette und bereitet die nächste Ladung vor. Er ist Forstwirtschaftsmeister und mit seinen Rückepferden im Forstbezirk im Einsatz.

Kaltblut Idefix erledigt schwere Forstarbeit

Das 16 Jahre alte westfälische Kaltblut lebt bereits seit seiner Fohlenzeit bei Rinn, war früher Kutschpferd, bevor er alt genug war, um die schwere Forst-arbeit auf sich zu nehmen. Seit zehn Jahren arbeitet das gut eingespielte Team zusammen im Wald, schafft meterweise Holz aus schwer zugänglichen Ecken des Waldes heraus und liefert die Stämme für die Forstwirtschaft an die Rückegassen. Eine Pferdestärke ist dafür mehr als ausreichend – der Kaltblüter schleppt, je nach 
Bodenbeschaffenheit, bis zu 
300 Kilogramm Holz kreuz und quer durch das Gelände.

Mit Idefix nahm Rinn in diesem Jahr in Roding an der dritten Deutschen Meisterschaft im Holzrücken teil, veranstaltet von der Interessengemeinschaft Zugpferde (IGZ), in der Rinn Mitglied ist. Einen Preis konnte das Gespann zwar nicht 
ergattern, ihr Können dafür mit ganzem Körpereinsatz unter Beweis stellen. Nicht zuletzt sollte durch den Wettkampf auf die Vorteile des traditionellen Stämmerückens per Pferd 
 aufmerksam gemacht werden.

Daran interessiert ist jedenfalls Helge Peters aus Oberbayern. Der Professor für Holz­erntetechnik und forstliche 
 Maschinenkunde an der Hochschule Weihenstephan besuchte das hessische Hinterland und das Rücketeam im Wald, um Material für seinen Unterricht zu sammeln. Mit der Waldarbeit per Zugpferd beschäftigen sich seine Studenten aus Bayern als angehende Forstingenieure bereits während des Studiums – demnächst anhand von Bildern aus Lohra.

Große Maschinen hinterlassen Spuren im Wald

„Man braucht ruhige Pferde als Partner, beide Verfahren – tierisches und maschinelles – lassen sich kombinieren“, stellte Peters fest. Doch wozu braucht man heute eigentlich noch 
Rückepferde? Moderne Technik bei der Holzernte, die effiziente Arbeit mit Kran, Holzvollernter oder Rückezug erleichtern die Arbeit enorm, mit der Effizienz der Forstmaschinen können die kräftigen Tiere nicht mithalten. Doch Rückepferde haben einen entscheidenden Vorteil – durch ihre flexible, umweltschonende Arbeitsweise erreicht man auch schwer zugängliches Gelände: Rückepferde brauchen keine festen Wege, fügen dem Baumbestand keinen Schaden zu und kommen auch an die Stellen, die für Maschinen ohne schädlichen „Umbau“ der Natur nicht zu erreichen wären.

„Das ist ein bestand- und bodenschonendes Arbeiten, wenn auch mit begrenzten Einsatzmöglichkeiten“, erklärte Dr. Lars Wagner vom Forstamt Biedenkopf. Der Trend zu immer effizienteren, größeren und schwereren Maschinen hinterlässt seine Spuren im Wald. Neben einer steigenden Verdichtung der empfindlichen Böden macht die beschränkte Reichweite der Maschinen ein enges, erreichbares Wegenetz im Bestand nötig, der Abstand zwischen den Rückegassen beträgt in der Regel höchstens 20 Meter, immer mehr Holzbodenfläche muss dafür weichen. Hinzu kommt der hohe Energiebedarf der teuren Technik. Unter all dem leidet die Funktion des Ökosystems Wald – sowohl ökologisch wie wirtschaftlich.

Professor sammelte in Lohra Unterrichtsmaterial

Dem entgegenwirken und den technischen Fortschritt trotzdem unterstützen kann der kombinierte Einsatz von Pferden, die das Holz aus dem Bestand emissionsfrei und geräuscharm an die Zugangswege vorrücken, die Maschinen übernehmen den Rest, das Endrücken.

„Wir sind froh, dass wir die Möglichkeit haben, auf die Rückepferde zurückgreifen zu können“, lobte Wagner.
Tradition trifft damit auf Moderne, Pferd auf Maschine – beides kann auch heute noch parallel und in Zusammenarbeit funktionieren, zugunsten der Nachhaltigkeit.

„Eine Kombination von 
Maschine und Pferd macht am meisten Sinn“, betonte Rinn. Zuguterletzt steige durch die beeindruckende Arbeit der entspannten Tiere auch bei Waldliebhabern die Akzeptanz für die Forstwirtschaft.

Seine anstrengende Arbeit im Wald mit technischer Unterstützung zu bewerkstelligen, seinen 
Idefix gegen eine Maschine 
einzutauschen möchte der 
erfahrene Pferdeführer nicht: „Ich kann mir nicht vorstellen, zehn Stunden auf einer Maschine zu sitzen – da ist mir mein Pferd lieber“, sagt Rinn. Im 
Einsatz ist der Kaltblüter im Wald bei Lohra und demnächst auch an der Uni – zumindest virtuell.

von Ina Tannert

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