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Standortgegner hoffen auf den Abbau

Interview Standortgegner hoffen auf den Abbau

Sechs Frauen der BI Holzhausen sind sauer über die aufgestellten fünf Windräder am Hilsberg. Sie setzen ihre ganze Hoffnung auf das noch laufende Hauptverfahren.

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Auf dem Hilsberg drehen sich die fünf Windräder im Probebetrieb und sind von Holzhausen aus gut sichtbar.

Quelle: Gianfranco Fain

Holzhausen. OP: Was hat sich mit dem Bau des Windparks für Sie verändert?

Gertrud Debus: Zum einen haben sich alle meine bisherigen Befürchtungen bestätigt, beziehungsweise sind noch übertroffen worden. Aus meiner Sicht hat eine übermäßige Zerstörung einer sensiblen Naturlandschaft stattgefunden. Der Hilsberg ist für uns als Erholungs- und Freizeitgebiet verloren gegangen, das Landschaftsbild von Holzhausen ist total verändert. Zum einen dominieren die Türme das Dorf. Was unsere Belastungen durch Schall und Schlagschatten betrifft, kann man momentan nur das Schlimmste befürchten. Zum anderen ist mein Vertrauen in die Kommunalpolitik zerstört. Ich bin enttäuscht, erschrocken, schockiert von dem, was wir in den vergangenen drei Jahren erlebt haben.

Eine Einbeziehung der Holzhäuser hat nicht stattgefunden. 1300 Bürger wurden von den Entscheidungsträgern nicht gehört, denn der Bau der Anlagen ist, meiner Meinung nach, politisch gewollt. Kohlendioxid-Einsparung, wie es eine ökologische Energiewende zur Eindämmung des Treibhauseffektes fordert, findet durch das Betreiben von Windkraftanlagen nicht statt, denn Kohlekraftwerke müssen immer parallel laufen, um die Zeiten ohne Wind auszugleichen. Vielmehr sehen bei uns in der Mittelgebirgsregion viele Kommunen mit dem Bau von Windparks eine Möglichkeit, ihre klammen Kassen aufzufüllen. Die Nachteile, insbesondere für die Anlieger, die durch den Bau und Betrieb der Windräder entstehen, werden nirgends thematisiert und fließen auch nicht in die Bilanzierung ein.

OP: Sind die Windräder für Sie überhaupt sichtbar?

Helga Rohmann-Jurkat: Wenn ich von Gladenbach oder Biedenkopf kommend in unseren Ort fahre, erschrecke ich jedes Mal beim Anblick der riesigen Kolosse über unserem Dorf. Was ist aus dem schönen Ort Holzhausen geworden? Der besondere Charme und das beschauliche Flair der naturbelassenen Kulturlandschaft ist Vergangenheit. Die Anlagen werden sich noch 20 Jahre weiter drehen, blinken, Schlagschatten und Geräusche verursachen. Im Ort selbst sind sie mal mehr oder weniger dominant sichtbar. Uns wurde aber im Landschaftsgutachten vorgegaukelt: „Die Einsehbarkeit der Windräder ist durch den Wald verschattet.“ Die Windräder sind für mich inzwischen Mahnmale einer ungerechten, übereilten und wirtschaftlich überstrapazierten Energiewende. Nicht der ökologische Gedanke steht hier im Vordergrund, im Gegenteil, die Ausbeutung der Natur wird leichtfertig in Kauf genommen. Bad Endbach hat die Windräder vor „unsere Nase“ gesetzt, um ihre Therme zu finanzieren. In Endbach sieht man die eigenen Anlagen nicht und auf der Endbacher Platte wird, weil plötzlich unrentabel, nicht mehr gebaut.

OP: Wie bewerten Sie den Ausgang der Gerichtsverfahren?

Peggy Ludwig-Knoll: Bad Endbach hat laut dem Beschluss des Verwaltungsgerichtshofes nur ein vorläufiges Baurecht erhalten. Das Hauptverfahren läuft noch. Das heißt, dass das komplette Genehmigungsverfahren erneut geprüft wird. Vielleicht dauert es deshalb so lange, und es scheint ja auch bereits in Vergessenheit geraten zu sein, dass, wenn ein Gerichtsurteil im Sinne des Vogelschutzvereins getroffen wird, Bad Endbach die Windkraftanlagen wieder abbauen muss und die Fläche wieder in ihren ursprünglichen Zustand bringen muss.Natürlich hoffen wir, dass das Gericht zum Wohle unserer Natur und unserer Gesundheit entscheidet.

OP: Das Urteil im Hauptverfahren steht also noch aus, oder?

Peggy Ludwig-Knoll: Ja, anderorts wurden Windparks schon stillgelegt oder erst gar nicht in Betrieb genommen. Das es hier überhaupt zu einer vorläufigen Genehmigung gekommen ist, ist nur der Tatsache geschuldet, dass Bad Endbachs wirtschaftliches Desaster in den Vordergrund gestellt worden ist. Beim Hauptverfahren ist das nicht relevant.

Große Sorge vor einer gesundheitlichen Belastung

OP: Haben Sie Sorge um gesundheitliche Auswirkungen, sobald der Windpark ans Netz geht?

Bärbel Bastian: Sogar sehr große, da aus unserer Sicht viele Fragen auch auf politischer Ebene nicht geklärt sind und die Gefahren, die von Windparks ausgehen, nicht ausreichend untersucht sind. Wir haben große Sorge vor der Lärmbelastung und den damit verbundenen gesundheitlichen Schädigungen, die auf uns zukommen. In der Bauphase wird bereits der Kran immer wieder deutlich im Ort gehört und als störend erlebt. Wie wird dies mit den stetig laufenden Rotoren werden? WennTeilnehmer einer Wandergruppe, die an der „Zwei-Burgen-anderung“ in Hohensolms teilgenommen haben, berichten, dass der Lärm der Windkraftanlagen bei starkem Nebel laut und deutlich zu hören sei, und dass man die Geräusche auch in der Ortschaft Groß-Altenstädten deutlich hört, lässt dies unsere Sorgen eher größer werden. Die Bürger von Holzhausen müssen dies für die nächsten 20 Jahre aushalten. Jeder der bestehende Windkraftanlagen besichtigt, kann dort das Phänomen des Schlagschattens erleben.

Wie wird dies uns betreffen, welche Häuser und Terrassen sind betroffen? Wie oft kommt es vor? Alles Fragen, die für uns weiter offen sind. Völlig unbeantwortet sind unsere Fragen bezüglich der Gefahr durch den entstehenden Infraschall, obwohl das Robert-Koch-Institut bereits 2007deutlich vor diesen Gefahren gewarnt hat und wissenschaftliche Studien dazu fordert. Es zeigt sich an vielen Orten der Welt, dass das Leben in der Nähe von Windparks zu zahlreichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann; das macht uns Angst.

OP: Hat das Wort Heimat eine neue Bedeutung für Sie?

Margot Warmuth: Der Hauptgrund unserer Wahl für Holzhausen als Heimat war die bestechend schöne Natur mit ihrer idyllischen Lage. Für uns wurde dieser Wohnort zu unserer neuen Heimat. Wir unternahmen ausgedehnte Wanderungen auf den verzweigten Wegen der heimischen Wälder, die immer auch Streifzüge sowohl für Tiere als auch Menschen waren. Jeden Tag konnte man die Symbiose, die die Menschen des Ortes nah am bewaldeten Hang mit der Natur eingegangen waren, beobachten.

Die Natur war und ist Bestandteil unserer Lebenskultur und heimatlichenVerbundenheit. Nichts konnte bei den ersten Baumfällaktionen die Zerstörung dieses Bandes zwischen Mensch und Natur besser verdeutlichen, als das Rondell am Hilsberg in der Bauphase, wo sich viele an grünbemoosten Balken mit ihren Inschriften verewigt haben. Diese sind ein Stück gelebte Heimat. Unvorstellbar, dass man diese bewaldeten Natur- und Kulturwelten mit Planierraupen zu Industriezonen degradiert hat. Aus den beantragten und genehmigten 37500 Quadratmetern sind inzwischen 60000 Quadratmeter Waldfläche für den Bau des Windparks geopfert worden.

Streit um Windpark entzweit zwei Dörfer

OP: Umweltschutz war und ist Ihnen wichtig. Hat sich rückblickend Ihr Einsatz gegen den Bau des Windparks für Sie gelohnt?

Ursula Bösser: Er ist für mich noch wichtiger geworden. Ich bin jetzt noch viel hellhöriger, wenn es um den Umweltschutz geht. Das Gericht hat uns ja auch zweimal Recht für den Artenschutz gegen wirtschaftliche Interessen gegeben. Wir haben Kontakte zu vielen der über 1000 Bürgerinitiativen, die sich für den Naturschutz, die Erhaltung der Landschaft, Wälder und Menschen einsetzen und dem übergeordneten Hessischen Verband. Wichtig ist für mich zu klären, dass ich kein Windkraftgegner bin, aber die Standorte im Wald als falsch empfinde. Für mich persönlich hat sich der Einsatz gegen die Windräder am Hilsberg gelohnt, leider ist auch mir dabei das Vertrauen in die Politik abhanden gekommen. Denn die Windräder am Hilsberg tragen nicht zum Klimaschutz bei, sondern die Politik hat es geschafft, zwei Dörfer zu entzweien. Auf der einen Seite sammelt man Gelder für die Erhaltung der Urwälder in Brasilien und hier macht man Wald für Wald platt.

OP: Wie viel Zeit haben Sie aufgewendet, um das scheinbar Unvermeidliche abzuwenden?

Helga Rohmann-Jurkat: In den vergangenen drei Jahren haben wir eine Menge Zeit investiert, um unsere Natur, den Wald mit seiner Artenvielfalt und die wunderbare Landschaft in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten. Eingaben wegen ungerechter und mangelhafter Verfahren sowie die gerichtlichen Auseinandersetzungen waren zeitintensiv.

OP: Wie stehen Sie dem Projekt heute gegenüber?

Peggy Ludwig-Knoll: Das, was wir heute sehen und erfahren haben übertrifft unsere Befürchtungen bei weitem. Es trägt nicht besonders zur Schlichtung bei, dass man in anderen Medien von ähnlich gelagerten Fällen liest. Es wird immer wieder beschworen, dass das A und O Bürgerbeteiligung ist, dass man auf Akzeptanz hofft.

Proteste werden in den Wind geblasen und die Windradgegner werden gerne mal in die schlechte Ecke gestellt. Wie sollen wir denn dem Projekt heute gegenüberstehen? Es wird überall die Energiewende postuliert, aber hauptsächlich aus wirtschaftlichen Aspekten. Der Natur- und Klimaschutz steht da nicht immer auf der Agenda der Gemeinden. Das sieht man doch am Beispiel der „Endbacher Platte“. Wo ist denn jetzt die Liebe zur Natur? Man weiß heute, dass viele Windparks defizitär sind, weil Gemeinden den Schönrednern Glauben schenken. Zahlen werden auch wir das!

Das Regierungspräsidium hat den Holzhäusern zugesagt, dass es keine Windräder auf dem Hilsberg geben wird, wenn es dort seltene Tiere- und Pflanzenarten gibt. Statt den Bau zu stoppen, hofft das RP offenbar, dass die Gutachter dem Rotmilan, dem Uhu und der Wildkatze genau erklärt haben, wo sie zu leben und lang zu fliegen haben. Es mehren sich Fotos von geschredderten Vögeln, und ich bin mir sicher, auf dem Hilsberg wird es genauso sein. Hinzu kommt, dass man versucht hat, die Lärmwerte für Holzhausen zu verändern, was eine zusätzliche Belastung für uns bedeutet hätte. Ich baue auf das noch ausstehende Hauptverfahren.

von Silke Pfeifer-Sternke

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