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„St. Petersburg ist eine Reise wert“

Gestohlenes Fahrrad in Russland wiedergefunden „St. Petersburg ist eine Reise wert“

Heute kann er darüber schmunzeln, doch bei der Rückholaktion für sein geliebtes Rennrad kam sich Ulrich Velte in einer Situation wie in einem James-Bond-Film vor.

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Er hat eine unfreiwillige Stippvisite in St. Petersburg hinter sich, nun steht Ulrich Veltes Kuota-Rennrad wieder sicher in der heimischen Garage.

Quelle: Privatfoto

Bad Endbach. Ulrich Velte ist ein passionierter Radfahrer, der jedes Jahr rund 3 000 Kilometer im Sattel abspult. Manchmal bricht er auch mit Freunden auf, um mit seinem Rennrad an einem Wettbewerb wie dem Vättenrundan in Schweden oder einer Marathonfahrt teilzunehmen. Dabei erlebte er schon viel, doch noch nie so etwas wie bei seinem jüngsten Trip, führte dieser ihn doch bis ins rund 2 230 Kilometer entfernte Sankt Petersburg.

Startpunkt war eigentlich Ravensburg. Die Stadt am Bodensee wählten Velte und seine zehn Mitstreiter des MTB-Erda als Basis für die Teilnahme am 220 Kilometer langen Bodensee-Radmarathon. Am 11. September trafen sie in Gruppen dort ein und bezogen ihre Hotelzimmer.

Ein Teil der Räder musste allerdings draußen bleiben, ein Fehler, der dem 47-jährigen Bad Endbacher sicherlich nicht erneut unterläuft. Zwar waren die Rennmaschinen mit demontierten Vorderrädern und mit Tüchern verdeckt in einem Van verstaut, doch dieser passte nicht in die Tiefgarage des Hotels.

Von fünf Rädern bleibt nur ein Pedal übrig

Am nächsten Morgen war der Van zwar noch da, wies jedoch eine zertrümmerte Seitenscheibe auf. „Nur ein Pedal und ein Pedalschlüssel waren noch in dem Auto“, berichtet der Außendienstmitarbeiter eines Musikverlages. Alles andere war weg: „Navi, Handy-Ladekabel und selbst die Kiste Bier“, zählt Velte auf, und natürlich auch die fünf Räder im Neuwert von zusammen rund 15 500 Euro.

Die Teilnahme am Radrennen fiel somit aus, stattdessen wurde der Van mit Plexiglas fahrbereit gemacht und Ravensburg angeschaut, aber: „Die Stimmung war am Boden“, berichtet Velte. Zumal die Polizisten „sehr verhalten“ waren, erinnert sich der Vater zweiter Kinder. Dies wohl auch, weil es in der Nacht an mehreren Orten rund um den Bodensee Diebstähle von hochwertigen Rennrädern gab. Die Beute sei noch in der Nacht über die Grenze transportiert worden, so die Vermutung. „Wir haben alle die Räder abgeschrieben“, berichtet Velte.

Vier Wochen später, als Velte den Verlust seines Karbon-Rades schon fast hingenommen hatte, meldete sich ein Leidensgenosse, dem wie Velte ein Rad mit speziellen Komponenten gestohlen worden war. Der Steinmetz hatte seinen Renner im Internet am Lenker – eine Sonderanfertigung – wiedererkannt. Er schickte Velte den Link zu einer Webseite mit Kleinanzeigen in Russland.

Geklautes Fahrrad auf Kleinanzeigen-Website wiedergefunden

Der Bad Endbacher brauchte nicht lang, „der zweite Link von oben“, dann entdeckte er sein „KuotaKredo“. „Das ist mein Rad“, entfuhr es Velte, auf den Bildern war sogar noch der Aufkleber des Bad Endbacher Händler „Hipf-Race Bikes“ zu erkennen.

Danach tauchte Velte in eine neue Welt ein. Der Bad Endbacher war gerade auf Dienstreise in Berlin, kontaktierte seinen Schwiegervater an der Universität in Potsdam, die enge Kontakte mit der Uni in Sankt Petersburg unterhält. Es folgten das Verschicken der Kaufbe­lege und Fotos an das Deutsche Konsulat in St. Petersburg, eine Strafanzeige in russischer Sprache und das Einschalten von Interpol, „weil die russische Polizei nur dann aktiv wird“, erläutert Velte.

Es dauerte 14 Tage, dann kam die Nachricht aus der Deutschen Botschaft in Moskau, dass die Räder gefunden und sichergestellt sind. Eine Nachricht, die den 47-Jährigen nur so lange freute, bis er erfuhr, was dies in Russland bedeutet: Die Polizei weiß, wo die Räder sind, hat sie aber noch nicht eingezogen. Dennoch sollte mitgeteilt werden, ob der Eigentümer das Rad innerhalb von 14 Tagen abholen möchte, dann solle er eine Kopie des Reisepasses zuschicken.

Kein Problem, dachte Velte, musste jedoch feststellen, dass sein Reisepass seit Jahren abgelaufen ist. Nun wurde es hektisch. Bei der Gemeinde beantragte er einen „Express-Reisepass“, besorgte sich ein Visum, organisierte die Reise und sein Schwiegervater verpflichtete eine Dolmetscherin.

„Sichergestellt“ ist in Russland anders als hier

Am 9. Dezember stieg Ulrich Velte mit Ehefrau Ina und einer großen Tasche für sein Rennrad in Frankfurt in das Flugzeug, das sie in die zweitgrößte Stadt Russlands brachte. Doch auch da sollte nicht alles wie am Schnürchen laufen. Im Hotel angekommen warteten sie vergebens auf die Dolmetscherin, machten sich dann mit einem Taxi auf den Weg zur 44. Polizeiwache der Millionenstadt.

Nach rund 45 Minuten kamen sie gegen 10.30 Uhr in dem Wohnviertel an, das Velte als „nicht gerade vertrauenserweckend“ bezeichnet. Seinen Eindruck besserte auch die Polizeiwache nicht auf. Diese ist in einem Gebäudes aus den 50er Jahren untergebracht und gleicht mit seinen vergitterten Fenstern eher einer Festung als einer Polizeidienststelle in westlichen Ländern. Drinnen laufen die Uhren aber ähnlich wie in Ämtern anderer Länder.

Ein Polizist namens Igor nahm die Unterlagen entgegen, reichte sie an seinen Kollegen Mikhail weiter, der dem Ehepaar deutete, „einen Moment“ zu warten. Nach einer Stunde kam der Polizist wieder, erklärte den Veltes – die Ehefrau beherrscht die russische Sprache –, dass das Rad in der Wache sei und der Chef es persönlich übergeben wolle, aber erst in zwei bis drei Stunden von einem Kongress wiederkomme. Man möge doch außerhalb der Wache warten und unbedingt diese Riesentasche mitnehmen. Die schien den russischen Polizisten nicht geheuer, meint Velte. „Wahrscheinlich erwarteten die auch nie, dass jemand kommt, um das Rad abzuholen.“

Ein Abgang mit Rad wie in einem Action-Film

Den Vorschlag, in der Nähe einen Kaffee zu trinken, fanden die Veltes nicht so prickelnd, ließen sich vom Taxi, das sie entgegen dem ursprünglichen Plan hatten warten lassen, wieder ins Hotel bringen. Drei Stunden später waren sie wieder auf der Wache, doch der örtliche Polizeichef noch nicht.

Er sei nervlich am Ende gewesen, beschreibt Velte seinen Zustand. Er habe sich auf eine Bank gesetzt und gesagt: „Ich bewege mich hier nicht mehr weg, bis ich mit meinem Rad hier rausgehe.“ Und während seine Ehefrau einen Smalltalk mit den Polizisten führte, sei er auf Tauchstation gegangen.

Irgendwann traf auch die von der ursprünglich engagierten staatlich geprüften Dolmetscherin aus dem Krankenhaus heraus organisierte Vertreterin ein. Diese übersetzte das Dokument für die Eigentumsübergabe – ein Blanko-Papier ohne Briefkopf, staunt Velte noch heute –, doch in Russland genüge das.

St. Petersburg hinterlässt bleibenden Eindruck

Endlich – nach rund sieben Stunden – durfte er sein geliebtes Rennrad in die mitgebrachte Tasche packen. Als die Veltes die Polizeiwache gegen 16 Uhr verließen, kam er sich vor wie in einem James-Bond-Film, erzählt Velte: „Es war schon fast stockdunkel. In einiger Entfernung startete ein Automotor, die Lichter des Taxis leuchteten auf, das heranbrauste. Die Türen wurden aufgerissen, das Rad schnell eingeladen und dann gings schnell weiter.“

Heute, wo die Anspannung schon lange verflogen ist, kann Velte über seine Geschichte und Vorbehalte schmunzeln. Im Grunde seien die Menschen in Russland nicht anders als hierzulande. Und nachdem er sein Rad im Schrank des Hotelzimmers verstaut hatte, bildete sich das Ehepaar Velte in anderthalb Tagen noch einen touristischen Eindruck der Metropole im Nordwesten Russlands. „Eine tolle Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten“, berichtet Velte: „St. Petersburg ist eine Reise wert.“

von Gianfranco Fain

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