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Spinnrad schnurrt und Nadeln klappern

Spinnstubennachmittag Spinnrad schnurrt und Nadeln klappern

Die Brauchtumsgruppe des Heimatvereins Weidenhausen lässt die „Spinnstube“ aufleben. 13 Frauen trafen sich im Regionalmuseum „Hinz Hoob“ zum gemütlichen Handarbeitsnachmittag.

Weidenhausen. Zum Auftakt der „Spinnstube“ schnurrte ein Spinnrad und das Klappern der Stricknadeln begleitete das Treffen von Weidenhäuser Frauen zu ihrer ersten „Spinnstube“ im neuen Jahr. Gemütlich ist es in der guten Stube des Regionalmuseums „Hinz Hoob“. Zum Inventar gehört auch ein Spinnrad, das als Requisit vergangener Zeiten von den Frauen interessiert in Augenschein genommen wird.

Anneliese Müller, Vorsitzende des Heimatvereins, setzt jedoch auf ihr eigenes Spinnrad, das sie mitgebracht hat und gekonnt schnurren lässt. Renate Bauer weiß die Vorgänge um das Spinnen unter dem Slogan „Spinnen es e leichte Sach“ in Gedichtform zu interpretieren und stellte dabei die Geduld als eine unabdingbare Eigenschaft heraus. Anneliese Müller freute sich über die Resonanz zu dieser ersten Spinnstube, hätte jedoch auch gerne eingeladene türkische Mitbürgerinnen dazu begrüßt.

Löcher in der Strickarbeit, das geht gar nicht

Spinnen mit dem Spinnrad ist lange Historie und für die Weidenhäuser Brauchtumspflegerinnen war es die 650-Jahr- Feier im Jahre 1986, die Anlass dazu gab, sich intensiv mit der Weidenhäuser Tradition zu befassen, diese zu leben und zu pflegen. So berichtet Anneliese Müller, dass sie zusammen mit Renate Bauer das Spinnen in etwa 30 Stunden von Hedwig Schreiner, die aus Niederweidbach stammte, erlernt habe. Die dazu benötigte Schafwolle habe damals der Siegbacher Schäfer Herbert Engelhardt geliefert. Die Wolle, die von der obligatorischen frühsommerlichen Schafschur stammte, musste zunächst gewaschen und danach in einer Schleuder getrocknet werden. Unglaublich aufwändig seien diese Vorgänge gewesen, zu denen auch das „Kammen“ der Wolle mit der Kratze gehörte. Historie und Moderne gehen in diesen Spinnstubenstunden fließend ineinander über.

„Doas gebt der Schal mit de Löcher, dej aich fann geliesse hu. Doas hu eich gesieh vo er Frau aus Marburg. Doas es e richtig Loch“, versicherte Gisela Weber den Frauen, die staunend ihre Handarbeit, einen gelöcherten Rundschal, betrachten. Löcher in einer Strickarbeit, das ist etwas, was nun gar nicht vorkommen sollte und ist bei dieser Handarbeit einfach der Chic und die „Masche“. „Ich hatt so Halsschmerze und der Schal hott mir geholfe“. Als Mittel der ersten Wahl zur Bekämpfung bei Halsschmerzen kann sich die 83-jährige Elfriede Thomas an den mit Pellkartoffeln gefüllten Strumpf erinnern, der früher um den Hals gelegt wurde. Die 15-jährige Hanna Kirch, die jüngste in dieser Runde, hört den Mundartgesprächen zu und wird von den Frauen liebevoll zum Mitstricken animiert.

Bei einer Tasse Tee und Gebäck streifen die Gespräche um das Wetter. Renate Bauer erinnert sich an das „gewaltiche“ Glatteis vor genau 46 Jahren. „Fier 46 Juhr, worim weeste doas da so genau?“ „Ei, domols ess die Sonja Pitz (Gaststätte ,Zur Petersburg‘) geboarn woarn. Doas hu eich mir behale.“

Auch der jüngste Unfall des Tages mit der geborstenen Leiter und dem Fall in die Tiefe, der wenige Stunden vorher passierte, ist Thema. Immer wieder jedoch sind es die Geschichten aus längst vergangenen Zeiten, an die erinnert wird. Dazu gehörte auch Anfertigen von Kleidungsstücken und speziell der Hose aus einem „Ami-Kolter“ sowie dem Mantel und Kostüm, das aus Mehlsäcken genäht worden sei. Die Zeit verfliegt im Nu und dann ist sie da, die Geschichte, von dem Geist im historischen denkmalgeschützten „Hinz Hoob“. Ein brennendes Licht in dem verschlossenen Gebäude hatte Anneliese Müller auf den Plan gebracht. Bewaffnet mit Latten, so erzählt sie, hätten sie und Mitstreiter diesem Phänomen auf den Grund gehen wollen und seien dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass es vielleicht doch der „Bilch“ (Siebenschläfer) gewesen sei, der sein Unwesen in dem unbewohnten Gehöft getrieben habe.

Der Gesprächsstoff geht den Frauen nicht aus. Sei es der kostbare Schrank von der Gull (Gote), der als Erbstück für Zwietracht sorgte oder die winterlichen Verhältnisse der Kindheit, die zum Schlitten- und Schlittschuhfahren einluden. Vom sogenannten „Kaffeeschlurre“ berichtete Elfriede Thomas, die älteste Teilnehmerin in der Runde und von ihrer ganz besonderen Schlittenfahrt, die sie nicht vergisst und an die eine Narbe erinnert. Im Ort sei es gewesen, wo aus ungewohnter Richtung der Weidenhäuser Arzt Dr. Scheufler mit dem Auto unterwegs gewesen sei. Das Abbremsen des Schlittens, den ein Mitfahrer mit Schlittschuhen gesteuert habe, sei durch das Vereisen der oftmals an den Straßen entlang fließenden Jauche noch erschwert worden, sodass sie letztendlich mit dem Kopf an das Rad des Arztautos geschlagen sei. Dessen erste Reaktion sei das Verpassen einer Ohrfeige an ihren Schlittenlenker gewesen und danach habe er sich ihr zugewandt, um die Wunde am Ohrläppchen in Augenschein zu nehmen und zu behandeln.

Spinnstuben früherer Zeiten haben die Weidenhäuser Frauen nicht mehr miterlebt, jedoch von ihren Vorfahren darüber berichtet bekommen. Jedoch das obligatorische Getränk „Quatsch“, Himbeersaft mit Wasser, war bestens bekannt. Erzählt wurde auch, dass sich Frauen in den Wintermonaten oftmals abends in Häusern zum Handarbeiten getroffen hätten, auch unter der Prämisse, um zu Hause Strom und Heizung zu sparen. Weitere Spinnstunden sind für den 14. Februar und 14. März jeweils in der Zeit von 14.30 Uhr bis 17 Uhr geplant.

von Helga Peter

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