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Somalierin will in Lohra bleiben

Hoffen auf Asyl Somalierin will in Lohra bleiben

Die Angst vor der Abschiebung nach Spanien beherrscht den Alltag der jungen Mutter Ubah Abdi Qule, doch die Hoffnung auf ein Leben in Deutschland treibt sie weiter an.

Lohra. Seit drei Monaten lebt Ubah AbdiQule mit ihrem 14 Monate alten Sohn Khalid im Flüchtlingswohnheim in Lohra. Die 29-Jährige hat ein wahres Martyrium hinter sich, um ihren Sohn in Freiheit und vor allem in Sicherheit aufwachsen zu sehen.

Ubah stammt aus Somalia. Seit 1991 tobt dort ein fürchterlicher Bürgerkrieg: Kriegsherren, Clans, Gruppierungen und Milizen bekämpfen sich.

Aus Angst um das Leben ihres Ungeborenen fasste Ubah mit ihrem Mann den Entschluss zur Flucht. Sie kratzten ihr Gespartes zusammen, verkauften ihren Anteil an einem Geschäft und fuhren mit dem Auto los. Über Äthiopien gelangten sie schließlich in den Sudan.

Dort suchten sie nach „Schleppern“, um außer Landes zu kommen. Die Notlage der Schwangeren wird dem Paar zum Verhängnis. Die „Schlepper“ forderten mehr Geld – zu viel für zwei Personen. Das Paar fällt eine folgenschwere Entscheidung: Ubah soll flüchten, ihr Mann kehrt zurück.

Ubah schaffte es in ein Auffanglager in der spanischen Exklave Ceuta. Das beliebte Urlaubsparadies liegt auf der Spitze einer Halbinsel der westlichen Mittelmeerküste Marokkos. Für viele Afrikaner ist die Stadt ein wahrer Sehnsuchtsort. Die Ernüchterung setzt ein, wenn die Flüchtlinge feststellen, dass sie zu Hunderten in Auffanglagern gepfercht leben. Für Ubah brach eine Welt zusammen.

Ihren Sohn gebar sie in einem spanischen Krankenhaus – allein, ohne ihren Ehemann. Ohne Sprachkenntnisse und ohne staatliche Hilfe drohte der jungen Mutter ein Leben auf der Straße. Sie entschied sich für einen anderen Weg. Sie lieh sich Geld und kam über Sevilla und Madrid nach Frankfurt, von dort nach Lohra.

Dort hat sie mittlerweile Freunde und Unterstützer gefunden. 250 Menschen unterschrieben bisher eine Petition an den Hessischen Landtag, damit Ubah und Khalid in Deutschland bleiben dürfen. Ein Asylantrag muss in dem ersten EU-Land gestellt werden, das der Bewerber betritt. Für Ubah ist das Spanien. Die Dublin-II-Verordnung gewährt keinen Spielraum für menschliche Schicksale. So bangt Ubah um ihre Zukunft, täglich muss sie damit rechnen, dass die Polizei vor ihrer Zimmertür steht, um sie und Khalid nach Spanien abzuschieben. Den Bescheid, ein bedrucktes Blatt Papier, hat sie schon.

Ubah war klar, dass Deutschland für sie eine Sackgasse ist. „Ich habe es probiert, weil es für mich in Spanien keine Überlebenschance gab. Deshalb habe ich einfach das kleinere Übel gewählt“, sagt sie auf Englisch. Sie will nur eines: Mit ihrem Sohn überleben.

In Spanien hat sie weder Freunde noch Familie. Mutter, Vater, die fünf Brüder und fünf Schwestern leben wie Ubahs Mann noch in Somalia. Um sie sorgt sie sich – täglich. Das Geld für ihr Handy spart sie sich vom Mund ab. Es ist die einzige Möglichkeit, Kontakt zu halten. „Ich kann nie wirklich glücklich sein, weil ich weiß, dass meine Familie zu Hause leidet.“

Ihr Land hätte sie nie verlassen, wenn die Umstände sie nicht dazu gezwungen hätten. Sie hat oft um ihr Leben fürchten müssen, musste sich zeitweise verstecken. Manchmal wusste sie nicht, ob sie den Abend noch erlebt.

Die Muslima will Deutsch lernen – sie kennt schon die Wochentage, spricht fließend Englisch und Arabisch –, und eine kleine Wohnung mieten, vielleicht in Marburg. Dort leben ehemalige Bewohner aus dem Lohraer Flüchtlingswohnheim, mit denen sie sich regelmäßig trifft und austauscht.

Ubah stellt keine großen Ansprüche. Ein Zimmer würde ihr reichen. Zu Hause teilten sich 13 Personen drei Zimmer. Dennoch quält sie das Leben im Wohnheim. Sie will für sich und ihren Sohn Normalität. In Lohra ist ihr Reich gut 20 Quadratmeter groß. Darin stehen Bett, Kinderbett, Kleiderschrank, Kühlschrank, ein Tisch und zwei Stühle sowie ein Kinderstuhl für Khalid. Ihr Spiegel ist nicht mehr als eine große Scherbe. Es reicht Ubah, um ihr Spiegelbild zu sehen. Die Gardinen vor den Fenstern geben dem Raum einen Hauch von Wohnlichkeit.

Gastfreundschaft ist Ubah wichtig. Ihrer Freundin Randa Meidow-Shahab bietet sie als erstes einen Kaffee an, während die etwa gleichaltrigen Kinder Laila und Khalid zusammen spielen. Seit 2013 engagiert sich die Lohraerin für die Bewohner der alten Molkerei. Ihr Mann und Hausarzt Arne Meidow hatte den Wunsch, für die Dorfbewohner und die Flüchtlinge ein Fest zu veranstalten. Während der Feier kam seine Frau dann ins Gespräch mit den Flüchtlingen, erhielt Einladungen und – „ich nahm sie an“.

Seitdem engagiert sie sich dort und setzt große Hoffnung in die Petition, damit Ubah und Khalid nicht abgeschoben werden.

Ubahs größter Wunsch ist es, zu bleiben, doch die Sehnsucht quält sie. Sie will ihre Familie irgendwann wieder in die Arme schließen.

von Silke Pfeifer-Sternkeund Paulina Köln

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