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Sieger übt sich als Diplomat

Bürgermeisterwahl Sieger übt sich als Diplomat

Mit dem klaren Sieg von Peter Kremer bei der vierten Bürgermeister-Direktwahl in Gladenbach hatten auch die wenigsten seiner Anhänger gerechnet.

Gladenbach. Und doch gab es einige kühne Optimisten, die ihn schon zum Ende des Wahlkampfes in der Gunst der Wähler vorne sahen. Zu ihnen zählte Gladenbachs früherer Bürgermeister Klaus Bartnik. Als Bartnik damals nach Gladenbach kam, wurde er noch vom Magistrat gewählt.

Nach dessen erster Amtsperiode, vor 18 Jahren, schickte ihn die Gladenbacher SPD in die erste Direktwahl, und Bartnik verteidigte seinen „Titel“. Der „Platzhirsch“ gewann im ersten Durchgang gegen drei Mitbewerber, unter ihnen Peter Kremer, den damals die Junge Liste aufs Schild gehoben hatte. Von dem einstmaligen Konkurrenten spricht Klaus Bartnik heute in den höchsten Tönen, lobt ihn unter anderem wegen seiner Kompetenz und Sachlichkeit. Gladenbach habe eine gute Wahl getroffen, sagt Bartnik und lobt ausdrücklich alle drei Kandidaten für deren „sehr fairen Wahlkampf“.

Im Lager der CDU herrscht große Enttäuschung. Deren Stadtverbandsvorsitzender Johannes Pfitzenmayer versichert bezüglich künftiger parlamentarischer Zusammenarbeit, die CDU sei immer gesprächsbereit. Ob Peter Kremer wirklich so unabhängig sei, wie er sage, werde sich freilich zeigen.

Während bei den Christdemokraten Katerstimmung herrschte, konnten die Sozialdemokraten ihre Freude über den Wahlausgang nicht verbergen. In der SPD-Fraktion arbeitet der parteilose Kremer seit 2006 mit, war bis vor ein paar Monaten sogar deren stellvertretender Vorsitzender.

Der frühere Stadtverordnete Ralf A. Becker hatte Kremer damals quasi von der Jungen Liste abgeworben und zur Mitarbeit in der SPD animiert. Das bedauert deren Fraktionsvorsitzender Edmund Zimmermann zwar, freut sich aber, dass mit Peter Kremer nun ein „sehr kompetenter, leidenschaftlicher und entscheidungsfreudiger“ Hobby-Politiker Bürgermeister wird. An einer guten Zusammenarbeit mit dem 52-Jährigen hat er keine Zweifel.

Wie es denn sein könne, dass er früher bei den Grünen und später bei der SPD mitgearbeitet habe, wollten viele Bürger von Peter Kremer während seiner Hausbesuche wissen. „Ich habe erklärt, dass man sich als jemand, der unabhängig bleiben will, trotzdem eine Partei oder Wählergruppe aussuchen muss, um politisch mitarbeiten zu können.“ Das habe dann auch jeder verstanden, versichert Peter Kremer.

Auch am Wahlsonntag regierte die Fairness

Seine Unabhängigkeit hatte aber ihren Preis, auch finanziell: Plakate, Flyer, seine Fruchtgummi-Präsente und alles andere zahlte er aus eigener Tasche, selbst den Schirm für seinen Wahlkampfstand. Er klebte auch seine Plakate selbst. Zwar hängen draußen auch Unterstützer-Plakate der SPD, doch die zahlte und klebte der Stadtverband. Deren Fraktionsvorsitzender Hans-Bernhard Schwarz gibt zwar zu: „Wir hätten ihn gerne mehr unterstützt“, akzeptiert aber Peter Kremers eigenständigen Weg. Bei der Präsentation der Wahlergebnisse im Haus des Gastes am Sonntagabend war der Stadtverbandsvorsitzende sichtlich begeistert. Er sei sich sicher, dass Gladenbach einen guten Bürgermeister bekomme, betont Schwarz.

Dass an diesem Abend im Haus des Gastes nicht schon früh Jubelstürme unter Kremers Anhängern ausbrachen, lag letztlich auch am Kandidaten. Der wollte nämlich keine Glückwünsche entgegennehmen, bevor nicht rechnerisch alles in trockenen Tüchern war. Auch die ruhige Atmosphäre im Saal war ein Spiegelbild des Wahlkampfes, in dem Fairness an oberster Stelle stand.

Guter Ruf als Vermittler und Diplomat

Gejubelt, gedrückt und ein wenig gefeiert wurde dann doch. Während sich die einen über den Sieg freuten, sinnierten die anderen über Gründe für Christiane Beckers Niederlage. Bei der Erdhäuser Christdemokratin keimte ein wenig Hoffnung, als am Wahlabend die Ergebnisse aus ihrem Heimatdorf Erdhausen und Sinkershausen auf der Leinwand zu sehen waren. Dort gewann sie genauso wie in Rüchenbach. Die übrigen zwölf Stadtteile und die Briefwahl gingen aber an Peter Kremer.

Gladenbachs künftiger Bürgermeister berichtete gestern, er habe nur zwei Stunden geschlafen, nicht etwa, weil er zu viel gefeiert hatte und schon gar nicht, weil er darüber nachdachte, wie er sich künftig die Mehrheiten in Magistrat und Parlament beschaffen soll. Auch da will Kremer seinen Weg gehen, will Leitwolf und Teamplayer sein, so, wie er es im Wahlkampf angekündigt hatte.

Im Parlament ist die CDU mit 17 Sitzen stärkste Fraktion, die SPD hat 14 Sitze, Grüne/Junge Liste vier und die Freien Wähler zwei Sitze. CDU und Freie Wähler bilden eine Zählgemeinschaft.

Auf Parteiklüngel und Fraktionskämpfe will sich Kremer erst gar nicht einlassen, sondern möglichst alle mit ins Boot nehmen, wenn es darum geht, Gladenbach weiterzubringen. „Denn deshalb bin ich angetreten“, sagt er. Das traut ihm auch Helmut Brück zu. Der Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler beschreibt Kremer als „sachlichen Verhandlungspartner“ und jemanden, „der die Probleme angeht.“

Als Vermittler und Diplomat übte sich Peter Kremer in der vergangenen Woche am Rande einer Ortsbesichtigung auf der Innenstadt-Insel.

Dort informierte sich Gladenbachs Ortsbeirat, begleitet von interessierten Gästen, über den Stand der Umbauarbeiten. Bisher war es der Stadt nicht gelungen, eine Miniparzelle samt darauf befindlicher alter Garage zu erwerben.

Das ist aber Voraussetzung dafür, dass die geplante Passage zwischen dem alten Katasteramt und dem Haus Schlag so gestaltet werden kann, wie ursprünglich geplant. Die Verhandlungen waren festgefahren. Kremer sprach mit dem Grundstücksbesitzer und schaffte damit die Grundlage für ein erneutes Gespräch, das Bauamtsleiter Ulrich Weber führte. Weber verkündete am Freitag im Gespräch mit der OP erfreut, dass man sich einig geworden sei. Die Ergebnisse dieses Gespräches müssen nun freilich noch vertraglich fixiert und alle nötigen notariellen Schritte erledigt werden.

Von diesem Vorstoß hinter den Kulissen macht Kremer kein Aufhebens. Aber wie erklärt sich der Wahlsieger seinen Erfolg? Kremer ist sich sicher, dass die vielen Hausbesuche und Gespräche eine wichtige Rolle gespielt haben.

Wer nicht zu Hause war, der fand im Briefkasten seinen Flyer mit einem kleinen handschriftlichen Vermerk, etwa, dass er, Kremer, es bedauere, niemanden angetroffen zu haben.

„Für diese kleinen Widmungen gab‘s jede Menge positive Rückmeldungen“, berichtet Kremer. Trotz aller Bemühungen sei es ihm nicht gelungen, an allen Haustüren zu klingeln, sagt er. So hatte er es sich vorgenommen, im Falle einer Stichwahl noch ein paar Tage in der Kernstadt um Stimmen zu werben. Das hat sich erledigt.

So hat Peter Kremer jetzt ein paar Hundert Flyer übrig - und rund 1000 Fruchtgummis, eine recht große Hand, deren Daumen nach oben zeigt. Von Gladenbachs künftigem Bürgermeister gibt‘s also in den nächsten Tagen jede Menge süße Sachen.

von Hartmut Berge

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