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"Sie hat in der Hölle gelebt"

Landgericht "Sie hat in der Hölle gelebt"

Zeugen berichteten von zunehmenden Konflikten zwischen dem Angeklagten und seiner getöteten Ehefrau aus Breidenbach. Während des dritten Verhandlungstages brach der Angeklagte mehrfach emotional zusammen.

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Im Totschlags-Prozess sagten am Freitag mehrere Zeugen aus.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im Totschlagsprozess gegen einen Mann aus Breidenbach wurde am Freitag intensiv das frühere Verhältnis zwischen dem Angeklagten und seiner getöteten Ehefrau beleuchtet. Hochkochende Emotionen begleiteten den langwierigen Prozesstag.

Beim Auftakt Mitte Oktober hatte der 31-jährige Angeklagte zugegeben, seine Frau Anfang Februar dieses Jahres mit einem Küchenmesser erstochen zu haben. Eine zuständige Rechtsmedizinerin bestätigte gestern erneut die Todesursache. Das 27-jährige Opfer erlitt rund 20 Messerstiche, tödlich waren die mit „massiver Gewalt und Kraftaufwand“ verursachten drastischen Verletzungen am Hals des Opfers, berichtete die Gutach­terin anhand des komplexen Blutspurenmusters am Tatort und des Obduktionsberichts.

Zeugen bestätigten die wachsenden Probleme in der Beziehung des Paares seit Ende 2011. Mehrere enge Freunde beschrieben unter Tränen die kurze Beziehung, gaben gemeinsame Gespräche und persönliche Eindrücke des Opfers wieder. Anfangs soll die Beziehung relativ normal und glücklich gewesen sein. Im Laufe der Zeit häuften sich Spannungen und Konflikte. Der Angeklagte soll wiederholt Beleidigungen und Drohungen gegen seine Frau ausgesprochen haben. „Es gab nur noch Stress und Probleme“, sagte ein Zeuge. Vermehrt soll es zu Streitereien und körperlichen Übergriffen in der Ehe gekommen sein.

Die Getötete soll sich zunehmend bedroht und unsicher in der gemeinsamen Wohnung in Wuppertal gefühlt haben. „Sie hat in der Hölle gelebt“, betonte eine ehemalige Freundin des Opfers vor Gericht. Mehrere Zeugen bestätigten, dass das Opfer ihnen von tätlichen Angriffen und Drohungen seitens ihres Mannes berichtet hätte. Ein Großteil der Anwesenden beschrieb den Angeklagten als ruhigen, distanzierten Menschen, der öffentlich nie als aggressiv oder gewalttätig aufgefallen war. An die getötete Ehefrau erinnerten sich die Bekannten als starke, impulsive und emotionale Person. Das Paar habe immer wieder Machtkämpfe ausgetragen, habe sich gegenseitig „respektlos und verletzend“ dem jeweils anderen gegenüber verhalten, „beide wollten bestimmen, wo es langgeht“, so der Eindruck eines weiteren Freundes.

Aus gemeinsamen Gesprächen mit dem Angeklagten nach der vorübergehenden Trennung des Paares berichteten mehrere Zeugen, dass der Mann körperlich sowie emotional stark abgebaut habe. Er habe seine Frau geliebt, ihrer Familie die Schuld an den Konflikten in der Ehe gegeben, sei frustriert und teilnahmslos geworden. Über den Umzug seiner Frau nach Breidenbach zeigte er sich sehr deprimiert. „Er war am Ende, wollte seine Ehe jedoch retten“, erinnerte sich eine Zeugin. Nur wenige Wochen vor der Tat soll der Angeklagte geäußert haben, wenn die angedachte Versöhnung keinen Erfolg haben würde, „bringe er sie um“.

Während der emotionalen Aussagen der engen Freunde des ehemaligen Ehepaares brach der Angeklagte mehrfach in Tränen aus, die Verhandlung musste zeitweise unterbrochen werden. Auch unter den Zuschauern, Nebenklägern und geladenen Zeugen kochten die Emotionen hoch. Eine Freundin des Paares berichtete von Anfeindungen einer weiteren Zeugin.

Der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul rief die Anwesenden zur Ordnung.

Die Verhandlung wird am 17. November um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts Marburg fortgesetzt. Die Verteidigung kündigte eine eventuelle Einlassung des Angeklagten zum Folgetermin an.

von Ina Tannert

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