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Sensationsfund im Kirchengebälk

Historisches Bauwerk Sensationsfund im Kirchengebälk

Eine sensationelle Entdeckung erhebt das Dach der Dautpher Martinskirche in den Rang des Außergewöhnlichen. Das Baujahr wird auf das Jahr 1092 datiert.

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Bausünde der 1950-er Jahre: Während die Balkenkonstruktion unter dem Dach aus dem größten Teil des Kirchenschiffs verschwand, ist sie über der Empore noch erhalten. Dort ist auch die mehr als 900 Jahre alte Kreuzkonstruktion zu bewundern, die die Martinskirche einzigartig macht. Pfarrer Reiner Braun und Bauhistoriker Hans-Hermann Reck zeigen eine Bohrung im Balken, dank derer das Alter des Daches bestimmt wurde.

Quelle: Sascha Valentin

Dautphe. Wie eine Untersuchung ergab, ist das Dach der Dautpher Martinskirche nicht nur die älteste Holzkonstruktion eines Kirchendachs in Deutschland, sondern sogar eines der ältesten in Europa. Zumindest nach heutigem Stand nehme die Kirche damit eine außergewöhnliche Stellung ein, betont Bauhistoriker Hans-Hermann Reck. Er erfasst und katalogisiert die Holzkonstruktionen von Gotteshäusern der evangelischen Kirche Hessen und Nassau.

Auf die Dautpher Kirche wurde er aufmerksam, nachdem während der Dachsanierung im Jahr 2006 Bohrkernproben der Holzkonstruktion untersucht wurden. Sie ergaben ein Baudatum um das Jahr 1092. Zunächst seien er und ein Kollege skeptisch gewesen, gibt Reck zu, bedeute dies doch, dass die Martinskirche über eines der ältesten Holzdächer Europas verfüge.

Dach ist alt und auch besonders konstruiert

Doch schon bei seinem ersten Besuch der Kirche wurde ihm klar, dass es sich tatsächlich nicht nur um eine sehr alte, sondern vor allem besondere Konstruktion handelt. „Ich habe dort etwas gesehen, was ich so in noch keiner anderen Kirche gesehen habe“, betont Reck und erläuterte seinen Fund anhand einer Zeichnung. Zwar verfüge auch die Martinskirche über ein Sparrendach, wie es früher für solche Bauten üblich war, doch seien in das Dach überkreuzte Querbalken eingezogen, um die Konstruktion zu stützen. „Vermutlich, weil es sich doch um eine größere Kirche handelt und das Dach entsprechend groß ist“, erklärte Reck. Auf jeden Fall habe er eine solche Kreuzkonstruktion noch nicht gesehen.

Daraufhin habe er weitere Bohrkerne aus den Holzbalken entnommen und diese mit Hilfe der Dendrochronologie untersucht. Dieses Verfahren bedient sich der Jahresringe der Bäume, um das Alter des Holzes zu bestimmen. Dabei werden die charakteristischen Breiten der Jahresringe im Holz bekannten Daten zugeordnet, wodurch Rückschlüsse auf das Jahr gezogen werden können, in dem das Holz geschlagen und verarbeitet wurde. Und diese Proben brachten Gewissheit.

„Wir haben insgesamt zehn Bohrkerne, die aus dem 11. Jahrhundert datieren“, sagt Reck. Eine der Proben lässt sich dem Jahr 1088 zuordnen. Da Eichenholz sofort nach dem Einschlag verarbeitet werden muss, sei davon auszugehen, dass es sich bei diesem Jahr auch um das Baudatum des Daches handele, so der Historiker. Damit ist die Martinskirche sogar europaweit einzigartig. Bisher sei nur in einer Kirche in Frankreich eine Dachkonstruktion bekannt, die älter ist. In Deutschland galt bisher das Dach der Stiftskirche in Schiffenberg als das älteste, betont Reck. Dieses sei allerdings 1162 erbaut - also mehr als 70 Jahre nach dem Dautpher. Von der ursprünglichen Dachkonstruktion ist allerdings nur noch ein Teil erhalten. „Wie so oft, wurden auch hier Bausünden begangen“, trauert Reck. Die erste 1959, als mehr als die Hälfte der Balkenkonstruktion entfernt wurde, weil der Raum unter dem Dach der Kirche geöffnet werden sollte. „Hätte man damals schon gewusst, was wir heute wissen, ist es fraglich, ob das gemacht worden wäre“, behauptet Reck.

Morsch: Im Jahr 2006 Dachfuß erneuert

Immerhin scheint damals schon jemand geahnt zu haben, dass die Dautpher Kirche einzigartig ist. Denn über dem hinteren Teil der Empore ist die ursprüngliche Konstruktion erhalten geblieben. Dort kann man sogar noch die Stützkreuze unter der Decke sehen.

Eine zweite Bausünde erfolgte erst vor wenigen Jahren, erklärt Reck weiter. 2006 ist bei der Sanierung des Daches der gesamte Dachfuß erneuert worden, weil viele Balken morsch waren. Auch wenn dadurch große Teile des Holzes im Laufe der vergangenen 100 Jahre ausgetauscht wurden, handele es sich bei der Dachkonstruktion im Prinzip um dieselbe, wie die vor mehr als 900 Jahren errichtete, betont der Bauhistoriker. Dautphe habe also allen Grund, stolz auf seine Martinskirche zu sein.

Diesen Stolz wollen auch Kirchen- und kommunale Gemeinde zum Ausdruck bringen. Derzeit werden Infotafeln entworfen, auf denen über die Bedeutung des Dautpher Kirchendaches aufgeklärt werden soll, sagen Bürgermeister Bernd Schmidt und Pfarrer Reiner Braun übereinstimmend. Außerdem steht die Martinskirche Besuchern jederzeit offen. So können geschichtsinteressierte Besucher den Fund jederzeit inspizieren, ergänzt Braun.

von Sascha Valentin

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