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Sechs Monate Haft für Zündlerin

Aus dem Amtsgericht Sechs Monate Haft für Zündlerin

Wegen Sachbeschädigung wurde am Donnerstag eine 56-jährige Frau aus Biedenkopf zu einer Haftstrafe von sechs Monaten verurteilt. Ihre Vorgeschichte und eine negative Prognose gaben den Ausschlag für das Urteil.

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Vor dem Amtsgericht Biedenkopf musste sich am Donnerstag eine 56-Jährige verantworten, weil sie im Oktober 2014 versucht hatte, eine Holzwand in Brand zu setzen.

Quelle: Gesa D./ pixelio

Biedenkopf. Alle Verfahrensbeteiligten – Richter Mirko Schulte, Staatsanwalt Christian Hartwig und Verteidiger Bernd Pfläging – sahen es nach der Beweisaufnahme als erwiesen an, dass die Angeklagte am 13. Oktober 2014 versucht hatte, in einem Biedenkopfer Stadtteil eine Holzschutzwand in Brand zu setzen. Allerdings blieb es bei dem Versuch. Sie verursachte an der Holzschutzwand nur einen geringen Schaden von 200 Euro. Daher stand sie nicht wegen Brandstiftung, sondern ­wegen Sachbeschädigung vor Gericht.

Richter Schulte ging es hauptsächlich um eine nachhaltige Lösung. Die 56-Jährige kennt er bereits aus mehreren Verfahren – auch aus seiner Zeit als Amtsrichter in Marburg; unter anderem stand sie schon wegen Trunkenheitsfahrten mit und ohne Führerschein und Brandstiftungen vor Gericht. Bei den Taten stand die Angeklagte stets unter erheblichem Alkoholeinfluss.

Sieben Gutachten namhafter Forensiker sind bereits über die Angeklagte erstellt worden, um zu klären, ob sie untergebracht werden kann. Es wurde zwar ­eine chronifizierte Alkoholsucht diagnostiziert, aber es konnte weder eine psychiatrische Störung wie Pyromanie noch eine Krankheitseinsicht zur Therapie ihrer Alkoholsucht festgestellt werden.

Bei der Motivlage für die Brandstiftungen, die laut Zeugenaussagen aus der Nachbarschaft für schlaflose Nächte sorgen, tappen die Gutachter völlig im Dunkeln. 15 Brandstiftungen wurden festgestellt, drei Mal wurde sie deswegen bereits verurteilt.

Richter sucht kreative Lösung

Derzeit sind noch zwei Berufungsverfahren anhängig, eines am Landgericht in Kassel und eines am Landgericht in Marburg. Auch das von Richter Schulte gesprochene Urteil wird wohl in die nächste Instanz gehen, die Angeklagte kündigte nach dem Prozessende an, Berufung einlegen zu wollen.

Richter Schulte war während des Prozesses bemüht, eine „kreative Lösung“ zu finden. Vor der Vernehmung der Zeugen fand noch ein Rechtsgespräch ohne Öffentlichkeit statt. Richter Schulte wollte danach von der Angeklagten wissen: „Was gedenken Sie zu tun?“ Er spielte mit dieser Frage auf eine stationäre Suchttherapie an. Was das Gericht fordert, sei eine betreute Umgebung, möglichst weg von zu Hause und das Annehmen von Hilfe.

„Ärzte wollen nicht nur Schlimmes, sondern helfen, damit sich die Tat nicht wiederholt“, sagte er zu ihr. Er machte der Angeklagten klar, dass die Menschen in der Nachbarschaft – dort wo die Angeklagte viele Male gezündelt hat – in Ruhe leben und keine Angst mehr haben wollen. „Es hat gebrannt, wenn Sie in der Nähe waren“, sagte der Richter.

Angeklagte stammt aus schwierigen Familienverhältnissen

Verteidiger Pfläging erläuterte seiner Mandantin, dass eine Reha auch wichtig für die anderen Verfahren ist. Für sie hieße es im Klartext: Vollstreckung der Haftstrafe oder Bewährung. Nachdem die Angeklagte in allen vorherigen Verfahren keine Krankheitseinsicht gezeigt und eine Therapie abgelehnt hatte, auch während einer viermonatigen Unterbringung in der Forensik nach der Tat im Oktober, sagte sie nun erstmals, dass sie ihr Alkoholproblem in den Griff bekommen will. Diese Aussage überraschte auch ihren Bewährungshelfer. Auch ihm gegenüber war die Angeklagte in dieser Frage bis zum Prozesstag stets unzugänglich.

Die Angeklagte, die weder lesen noch schreiben kann, trinkt seit ihrem 30. Lebensjahr übermäßig Alkohol. Sie hat außerdem keinen Schulabschluss, da sie als eines von acht Kindern mit ihren Eltern als fahrendes Volk von einem Ort zum anderen zog.

Mit 16 Jahren lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, mit 17 kam ihre Tochter zur Welt, mit 18 heiratete sie. Ihr gemeinsamer Sohn starb, eine Schwangerschaft musste aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen werden. Rückblickend seien diese Umstände und die Tatsache, dass ihr Mann gewalttätig war, die Ursachen für ihr Alkoholproblem gewesen, hatte sie gegenüber den Gutachtern geäußert.

Richter: „Künftig wird es sehr, sehr eng“

Als sie im Oktober versuchte die Holzwand anzuzünden, wurde sie von der Polizei mitgenommen. Am nächsten Morgen entnahm man ihr eine Blutprobe. Sie zeigte einen Promillewert, der zur Tatzeit zwischen 2,03 und 3,79 lag. Dieser Wert (angenommen wird der letztere) schließt laut Schulte eine verminderte Steuerungsfähigkeit nicht aus. Fest stehe, dass die Angeklagte alle Brandstiftungen unter erheblichem Alkoholeinfluss begangen habe, alle Taten seien in einer schwierigen sozialen Situation geschehen, sagte Schulte.

Um das Risiko auszuschließen, dass die Angeklagte außerhalb des Vollzugs Alkohol trinkt und wieder zündelt, ist nach Ansicht des Richters eine Therapie und eine entsprechende Nachsorge unumgänglich. Allerdings sah weder er noch der Staatsanwalt eine ernsthafte Bereitschaft bei der Angeklagten, sich auf eine Therapie einzulassen. Richter Schulte hatte erwartet, dass die Angeklagte bereits mit der Zusage zu einer Therapie zur Verhandlung kommt.

„Ich kann Sie nicht einsperren lassen – heute. Aber künftig wird es sehr, sehr eng. Es kann sein, dass Sie ganz lange untergebracht werden“, sagte er zur Angeklagten und führte den Paragrafen 66 des Strafgesetzbuches an, der eine Sicherungsverwahrung vorsieht. „Sie müssen etwas tun“, sagte Schulte. Er bescheinigte der Angeklagten, ­nur eine eingeschränkte Konfliktlösungsstrategie zu besitzen, die die Aggressionen in ein Ersatzobjekt fließen lasse (das Zündeln).

Das Ergebnis des Prozesstages ist laut Schulte nicht bedeutsam, da noch das Verfahren vor dem Landgericht Kassel aussteht. Mit dem Urteil hofft er allerdings, die Angeklagte dazu zu bringen, sich endlich in Richtung Therapie zu ­bewegen.

von Silke Pfeifer-Sternke

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