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Schutzmann Reckewell nimmt Abschied

Hauptkommissar Detlef Reckewell Schutzmann Reckewell nimmt Abschied

Nach 44 Dienstjahren, davon die letzten 7 als Stationsleiter in Biedenkopf, geht der Erste Polizeihauptkommissar Detlef Reckewell morgen in den Ruhestand.

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Ab Dienstag, wenn er nicht mehr Leiter der Polizeistation Biedenkopf ist, hat Detlef Reckewell mehr Zeit, um seinen Hobbys nachzugehen: Radfahren und Elektrogeräte bauen.Fotos: Tobias Hirsch

Dautphe. „Hier ist die Welt noch in Ordnung.“ Derjenige, der das sagt, muss es wissen, war Detlef Reckewell doch einer der mit dafür sorgte, dass im Hinterland alles in geregelten Bahnen blieb. Zuletzt gar als Leiter der Polizeistation in Biedenkopf, womit sich für den in Dautphe geborenen Hinterländer ein Kreis schloss.

Noch zu Beginn seiner Karriere im Jahr 1978 war der damals recht junge Polizist in Biedenkopf stationiert. „Hier könntest Du mal Chef werden“, war schon damals einer seiner Gedanken, nachdem er kurz vorher die Ausbildung zum gehobenen Dienst absolviert hatte.

Dabei war der Weg dorthin nicht programmiert. Nach dem Abschluss der Schulzeit in Laasphe hatte der technisch veranlagte Jugendliche die Möglichkeit zu einer Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker. Zwar begeisterte ihn die Technik und er „lötete gern“, dennoch entschied er sich für die Beamtenlaufbahn.

Es folgten die üblichen Stationen, die ein hessischer Polizist in seiner Ausbildung durchläuft, Hanau, Wiesbaden, Frankfurt, bevor er im Oktober 1973 wieder zurück in den heimischen Raum kam. „Glück gehabt“, sagt der heute noch 59-Jährige dazu. Seitdem verließ er das Hinterland aus beruflichen Gründen nur noch zweimal für längere Zeit: um in Wiesbaden das Fach­abitur zu erlangen und als er nach 11 Jahren als Dienstgruppenleiter in Marburg im Jahr 2001 in die Gießener Einsatzzentrale abberufen wurde.

Dort war der Vater eines Sohnes mit Leitungsaufgaben betraut, vermisste aber als „Schutzmann“ den Kontakt zu den Menschen. Den bekam er wieder ab 2006. Als Leiter der Biedenkopfer Polizeistation trug Reckewell nicht nur für rund 50 Kollegen, die in 5 Dienstgruppen in Biedenkopf und Gladenbach im Schichtdienst Einsatz leisten, die Verantwortung, er erweiterte auch seine Kontakte zur Bevölkerung, wie zum Beispiel zur islamischen Gemeinde, mit der er ein gutes Verhältnis pflegte. Auch Hilfesuchende konnten sicher sein, nicht einfach weggeschickt, sondern gehört zu werden. „Der Polizeiberuf hat mit Menschen zu tun. Das fasziniert mich und hat mir immer Spaß gemacht“, bekennt Reckewell.

Weniger Freude bereiteten dem bekennenden Nicht-Bürokraten manchmal seine organisatorischen Aufgaben, zum Beispiel der immer schwieriger werdende „Kampf ums Personal“. Doch auch der Dienststellenleiter änderte sich im Laufe seines Berufslebens. „Früher war ich führungsorientierter“, bekennt Reckewell, heute sei er „weicher“, schließlich sei es nicht vorrangig, auf welchem Weg ein gemeinsames Ziel erreicht werde. Dabei konnte er sich stets auf das „tolle Team“ in Biedenkopf verlassen.

Mehr Effektivität wünschte sich Reckewell auch durch einige Gesetzesänderungen, zum Beispiel bei der Vorratsdatenspeicherung, zum Beispiel um Enkeltrick-Betrüger über die Telefonnummern auszuspüren, oder auch die Aufhebung des richterlichen Vorbehalts bei einer offensichtlich notwendigen Blutentnahme bei alkoholisierten Verkehrsteilnehmern. Erkenntnisse, die sich aus seiner langen Dienstzeit ergeben haben. Prägend waren jedoch Ereignisse zu Beginn seiner Laufbahn, zum Beispiel die zum Teil wochenlangen Einsätze an der Startbahn West Ende der 1970er-Jahre, schwere Unfälle, Tote oder auch die Hausbesetzungen im Frankfurter Kettenhofweg. Im heimischen Raum bewegten ihn vor allem der Brandanschlag auf die Familie Oluk in Wolfgruben, die Neonazi-Demonstrationen in Gladenbach und das „Jahrhunderthochwasser, als man vom Gelände der Firma Bolenz & Schäfer Hunde mit dem Schlauchboot rettete. Kribbelig sei auch der Spinneneinsatz in Breidenbach gewesen, als die Polizisten nach dem Tod des Besitzers nicht wussten, wo im Haus die „Tierchen“ waren. Nur einmal benutzte Reckewell seine Schusswaffe. Das war 1985, als in Holzhausen der Fahrer eines gestohlenen Autos gestoppt werden sollte. Der Schuss ging daneben, der Dieb wurde trotzdem gefasst. „Es gab nur wenige richtige Widerstände“, erinnert sich Reckewell, „die meisten Konflikte wurden verbal gelöst“. Reden wird der Dautpher auch morgen, bei seiner Verabschiedung, die an seinem 60. Geburtstag stattfindet. 32 Jahre Schichtdienst ermöglichen ihm den zeitigen Abschied, den er schon seit einigen Wochen übt. Morgen wird er auch nochmal seine blaue Uniform tragen, die ihm „schon gut gefällt“. Er blicke auf schöne Jahre zurück, war gerne Polizist und würde den Beruf wieder ergreifen, bekennt Reckewell. Vermissen werde er den Kontakt zur Bevölkerung und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Gebraucht wird sein Einsatz noch für Wochen beim Umbau des eigenen Hauses. Daneben wird er seine alleinige Freizeit - Ehefrau Sigrun wird noch ein paar Jahre das Büro des Dautphetaler Bürgermeisters leiten - mit seinen Hobbys ausfüllen: an Elektrogeräten basteln und Touren auf dem Rennrad drehen. Das macht Detlef Reckewell vorzugsweise mit seinem Enkel Florian, der ebenfalls Mitglied der RSG Buchenau ist. Um mit dem 13-Jährigen weiterhin mithalten zu können, will der Großvater aufrüsten. Die Geldgeschenke zum 60. Geburtstag werden in eine neue Rennmaschine investiert.

von Gianfranco Fain

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