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Sahra eilt mit 16 Jahren zum Abitur

Hochbegabte Sahra eilt mit 16 Jahren zum Abitur

Sahra Ghalebikesabi aus Bad Laasphe ist hilfsbereit, höflich und fröhlich. Sie gilt als bodenständig und nimmt sich selbst nicht zu wichtig. Doch die scheinbar ganz normale Jugendliche von nebenan ist eine Überfliegerin.

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Sahra Ghalebikesabi hat zwei Schulklassen übersprungen und macht ihr Abitur bereits mit 16 Jahren. Für die Zeit danach ist sie auf der Suche nach einer echten Herausforderung im Studium.

Quelle: Fotos: Benedikt Bernshausen

Bad Laasphe. Die Schülerin besucht am Städtischen Gymnasium Bad Laasphe die zwölfte Jahrgangsstufe und legt im nächsten Sommer ihre Abiturprüfung ab – das Besondere: Sie wird dann gerade einmal 16 Jahre alt sein. Schon zweimal hat Ghalebikesabi ihre Schulzeit verkürzt: Aus der siebten wechselte sie zum Halbjahr in die achte Klasse und später, erneut nach einem halben Jahr, aus der neunten in die zehnte Klasse. Für den Weg vom Ende der Grundschule bis zum Abitur wird die Lahnstädterin somit nur sechs Jahre brauchen. Am Städtischen Gymnasium ist sie die zweite Schülerin, die zwei Stufensprünge geschafft hat; allerdings die erste, der das im Rahmen der ohnehin bereits von neun auf acht Jahren verkürzten Gymnasialzeit gelingt. „Und das ohne Leistungseinbuße“, stellt Schulleiter Winfried Damm fest. Im Gegenteil: „Endlich werde ich gefordert“, bekräftigt Ghalebikesabi.

Frühe Flucht aus dem Iran

Die bisherige Lebensgeschichte der Jugendlichen ist schnell erzählt: Im Iran wurde sie geboren – einem Land, in dem die Rechte und Möglichkeiten von Frauen noch immer eingeschränkt sind. Im August des Jahres 2000 kehrten Mutter und die damals zweijährige Tochter dem Land den Rücken zu und fanden in Deutschland, zunächst in Hannover, eine neue Heimat. „Meine Mutter wollte mir eine bessere Zukunft ermöglichen“, erklärt die Schülerin stolz den Hintergrund der Emigration. Nach Bad Laasphe kam sie schließlich als Zwölfjährige, da ihre Mutter dort vor drei Jahren eine Stelle als Physiotherapeuthin fand.

„Am Anfang war es ein Schock“, erinnert sie sich schmunzelnd an den Umzug von der Großstadt in die Provinz „voller Grünland und Bäume“. Die neue Schule aber habe ihr sofort gefallen und sei viel moderner als die in Hannover. Und noch bevor das erste Schuljahr in Wittgenstein beginnt, spürte auch der Schulleiter, dass Sahra ein besonderes Mädchen ist: Obwohl sie in Hannover Latein als zweite Fremdsprache lernte, bat sie Winfried Damm noch vor den Sommerferien um einige Französisch-Bücher, um das verpasste Schuljahr in dem Fach innerhalb der sechs Wochen Sommerferien nachzuholen. Da sie auf Latein aber ebenso wenig verzichten wollte, lernte sie beide Fremdsprachen parallel im „Drehtürenmodell“, nach dem sie wöchentlich zwischen dem Unterricht in beiden Fächern hin und her wechselte.
Innerhalb kürzester Zeit erkennen Ghalebikesabis Lehrer, dass viel Potenzial in der jungen Schülerin schlummert und sie generell unterfordert ist und sich zum Teil sogar langweilt. So kommt es, dass ihr die Schule vorschlägt, ein Schuljahr zu überspringen. Sahra stimmt zu – und wiederholt den Prozess nach nur einem Jahr erneut.

„Ich habe es gemacht, weil mir der Unterricht leicht fiel und ich dachte, ich könne mich dadurch herausfordern lassen“, betont die ehrgeizige Schülerin, die in keine Schublade passt. Einerseits investiere sie viel Fleiß und Zeit in das Lernen, auf der anderen Seite falle ihr Schule
auch leicht. So erinnert sich beispielweise Jahrgangstufenleiter Steffen Roth, dass er Ghalebikesabi unmittelbar nach ihrem Sprung in seinen Oberstufen-Mathekurs einen Test schreiben ließ, dessen Vorbereitungsphase die neue Schülerin vollständig verpasst hatte – dennoch erreichte sie das beste Ergebnis der Klasse. „Das Gute an Mathematik ist eben, dass sich vieles einfach herleiten lässt“, erklärt Ghalebikesabi.

Wohl deshalb ist das Horrorfach vieler anderer Schüler auch ihr Lieblingsfach und erster Leistungskurs. Daneben belegt sie Chemie als zweiten Leistungskurs und als Grundkurse Englisch und Sozialwissenschaften. Und trotz der beiden Sprünge sind ihre Leistungen in allen Bereichen ausgezeichnet. Eine Zwei Plus – zwölf Punkte – war die schlechteste Note auf ihrem letzten Zeugnis.

Daneben legt die Schule ein besonderes Augenmerk auf die persönliche Entwicklung der schulzeitverkürzenden Jugendlichen, der in ihrer Jahrgangsstufe, so Steffen Roth, mittlerweile „viel Respekt“ entgegengebracht werde. Tatsächlich sei die Situation aber auch hart
gewesen, berichtet Ghalebikesabi. Nach jedem Klassenwechsel musste sie sich in eine neue Gemeinschaft einfinden und neue Freundschaften schließen. „Als Jüngste bin ich nicht von allen gleich akzeptiert worden“, erinnert sich die Schülerin. Zudem habe sie ein wenig das Image der Streberin gehabt.

Studium in Köln geplant

Zumindest in ihrem Freundeskreis in der Schule führt sie deshalb aber kein unscheinbares Dasein. „Ich lache viel und bin auch laut“, sagt die 15-Jährige, die – nur sicherheitshalber – noch einmal betont, ein „ganz normales Kind“ zu sein. In ihrer Freizeit treffe sie sich häufig mit Freundinnen, schaue Fernsehen, spiele Videospiele, gehe shoppen in Siegen oder Marburg und trainiere Karate –
„also ganz durchschnittlich“, wie sie findet.

Für die Zeit nach dem Abitur im nächsten Sommer hat Ghalebikesabi bereits erste Pläne. Sie möchte studieren, am liebsten in Köln, und dort dann entweder Internationale Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsinformatik oder Jura. Nachholen möchte sie dann außerdem, wofür ihr bisher kaum Zeit blieb. Zwar hatte eine spezielle Untersuchung im Kindergarten ihre musikalische Ader aufgedeckt und sie sich auch in den letzten Jahren schon eine Gitarre, eine Violine, eine Blockflöte und ein Keyboard gekauft. „Doch noch bin ich nicht dazu gekommen, die Instrumente wirklich zu lernen. Vielleicht klappt das endlich während des Studiums“, hofft die junge Frau und bekommt leuchtende Augen.

Anderen Schülern, denen eine Schulzeitverkürzung angeboten wird, macht Ghalebikesabi Mut: „Sie sollen es wagen“, findet sie. Immerhin könne der Schüler jederzeit wieder in seine Ausgangsklasse zurückkehren. „Das wäre dann auch gar nicht schlimm, denn die Anforderungen sind schließlich hoch.“ Sie selbst habe ihre Entscheidung zum Stufensprung zu keiner Zeit bereut.

von Benedikt Bernshausen

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