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Sachverständige: Missbrauch nicht wirklich erlebt

Landgericht: Kindesmissbrauch Sachverständige: Missbrauch nicht wirklich erlebt

Gutachterin hält die Aussagen der Belastungszeugin im Missbrauchsprozess gegen einen 56-Jährigen aus einer ­Südkreisgemeinde für unwahr.

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Am 31. August werden Anklage und Verteidigung ihre Plädoyers im Sexprozess gegen 56-Jährigen halten.

Quelle: Helmut Fohringer / dpa

Marburg. Die Aussage der Tochter im Missbrauchsprozess gegen einen 56-Jährigen aus einer Südkreisgemeinde kann vom Marburger Landgericht wohl nicht gegen ihn verwendet werden. Die aussagepsychologische Sachverständige geht davon aus, dass die Frau das, was sie ihrem Vater vorwirft, nicht wirklich erlebt hat. Jedoch sei es eine unabsichtliche Falschaussage, die Zeugin glaube, was sie gesagt hat.

Wie die OP berichtete, soll der Mann laut Anklage seine damals zwölfjährige Tochter 2004 bei einem gemeinsamen Bad sexuell missbraucht haben. Das hatte die heute 23-Jährige Ende 2012 erstmals bei einem Gespräch mit Mitarbeitern der Opferschutzorganisation berichtet und kurz darauf bei der Polizei zur Anzeige gebracht. Andere Familienmitglieder hatten weitere Vorwürfe über sexuelle Übergriffe angezeigt, bis hin zu Vergewaltigung im Kindesalter. Wären diese Straftaten passiert, sind sie jedoch verjährt.

Die junge Frau hatte vor dem Landgericht entsprechend der Anklage ausgesagt. Das Gericht hatte aber Zweifel an der Glaubwürdigkeit, sodass ein Gutachten in Auftrag gegeben wurde. „Es geht nicht um die Glaubwürdigkeit der Person an sich, sondern vielmehr um die Glaubhaftigkeit der Aussage“, stellte die Sachverständige jetzt zu Beginn ihre Vorstellung klar.

Gedächtnis spielt schlimmen Streich

Zunächst gehe es darum, eine mögliche Quelle für eine falsche Aussage zu finden. Eine absichtliche Falschaussage habe sie nach der Untersuchung der Zeugin und Studium der Akten und Protokolle der Verhandlung ausgeschlossen, sagte die Psychologin. Ebenso eine im Raum stehende „Komplotthypothese“ im Zusammenhang mit den weiteren Vorwürfen. Denn eine solche „fällt meist ganz schnell zusammen“.

Die Tochter hatte berichtet, den Vorfall für etwa zwei Jahre so weit verdrängt zu haben, dass sie sich überhaupt nicht mehr erinnert habe. Das, so die Expertin weiter, sei außerordentlich selten. Normalerweise würden Erinnerungen zwar verdrängt, würden blasser, seien aber nie vollständig weg.

Die junge Frau habe dann berichtet, vor allem Träume hinterfragt zu haben, in denen sie von ihrem Vater bedrängt wurde. Dadurch sei alles hochgekommen. Dass die Bilder, „die schlagartig außerhalb der Wachbildlichkeit“ aufgetreten seien, immer klarer wurden, spricht nach Auffassung der Psychologin dafür, dass es sich nicht um wirklich Erlebtes handelt. „Das Gedächtnis will etwas zu einem Großen und Ganzen zusammenführen, aber das ist dann oft falsch.“ Die Frau habe ihre Träume erklären wollen, „da muss doch etwas sein“, habe sie gedacht.

Die Nebenklage verwies darauf, dass die Zeugin vor Gericht gesagt habe, unter anderem Fernsehbilder hätten die Erinnerung geweckt. Von Träumen habe sie erst bei der Befragung durch die Verteidigung gesprochen, im Vorfeld nicht.

Expertin: Aussage kann nicht verwendet werden

Die Frau sei psychologisch unauffällig, trotzdem, so hätten Studien gezeigt, gebe es das Phänomen auch bei solchen Menschen, die nicht psychisch krank seien. Auffällig in diesem Fall sei wieder, dass die Tochter rückblickend in ihre Jugend, „bei einer eigentlich ganz normalen Familie und Sozialisation“ ein ausgesprochen negatives Bild der Eltern zeichne, erläuterte die Sachverständige.

Sie betonte, dass die irrige Annahme wirklich Erlebtem nicht erst mit der Erstaussage entstehe. Gleichwohl könne vor dieser auch das Gespräch mit anderen mutmaßlichen Opfern eine Rolle spielen.

Unstrittig sei, dass es gemeinsame Bäder gegeben hat. Möglich seien auch unangenehme Kontakte mit dem Vater. Aber was stimme und was nicht sei nicht mehr genau zu bestimmen. „Die Aussage kann aus aussagepsychologischer Sicht nicht verwendet werden“, lautete das Fazit der Sachverständigen.

Die Verhandlung wird am 31. August fortgesetzt. Am 13. Verhandlungstag sollen dann die Schlussvorträge gehalten werden. Angeklagt ist der 56-Jährige auch wegen Exhibitionismus vor seiner Stiefschwester, sowie Besitzes von Kinderpornografie und Munition. An einem noch nicht bestimmten Termin will die Kammer dann ein Urteil verkünden.

von Heiko Krause

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Die Verteidigung ist in Bereitschaft

Der Missbrauchsprozess gegen einen 56-Jährigen aus einer Südkreisgemeinde wurde mit der Vernehmung des Freundes der Tochter des Angeklagten fortgesetzt.

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