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"Sache hat Eigendynamik entwickelt"

Landgericht "Sache hat Eigendynamik entwickelt"

Vor dem Landgericht fand am Freitag der Auftakt zu einem Missbrauchsprozess statt. Das Opfer sagte ohne Öffentlichkeit aus, später wurde die polizeiliche Vernehmung auf DVD öffentlich gezeigt.

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Vor dem Landgericht in Marburg wurde am Freitag ein Missbrauchsfall verhandelt, bei dem ein 48-Jähriger eine Zwölfjährige missbraucht haben soll. Archivfoto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Drei Prozesstermine sind vor der Jugendschutzkammer im Missbrauchsprozess angesetzt, bei dem ein 48-jähriger Hinterländer die Tochter seiner Lebensgefährtin missbraucht haben soll. Beim Auftaktprozess am Freitag sagte das zwölfjährige Opfer unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Ihre einstündige auf DVD aufgezeichnete polizeiliche Aussage zu den sieben Tatvorwürfen wurde öffentlich gezeigt. Die vernehmende Polizistin beschrieb die Zwölfjährige vor der Vorführung als „ausgezeichnete Zeugin“, die den Missbrauch durch den damaligen Freund ihrer Mutter konstant dargestellt hat. Das Gericht erlebte auf DVD eine Zwölfjährige, die sehr offen über die Vorfälle gesprochen hat, die teilweise vor Scham nicht die richtige Worte fand und die immer wieder in Tränen ausbrach.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, das Mädchen in mindestens fünf Fällen zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben. Der 48-Jährige lebte gemeinsam mit seiner Freundin und deren Tochter im selben Mietshaus in verschiedenen Wohnungen. Von Mai bis August vergangenen Jahres soll er das Mädchen mehrfach in seine Wohnung gelockt und missbraucht haben. Dabei soll er sie einmal brutal auf ein Sofa gestoßen und ihr ein Klebeband über den Mund geklebt haben und sie dann zu sexuellen Handlungen genötigt haben.

Das Mädchen beschrieb die Handlungen als „richtig richtig schlimm und ekelhaft“. Der Angeklagte, den sie einst mehr mochte als ihren leiblichen Vater, soll „für immer aus ihrem Leben verschwinden. Sie will, „dass kein Kind mehr so leiden muss wie sie“, hat sie in der Vernehmung klar formuliert.

Der Vorbestrafte, der bereits wegen Raubes und Angriff auf einen Polizeibeamten im Gefängnis saß, soll ihr die Kehle zugedrückt und ihr mit dem Tod gedroht haben. Über Wochen hinweg zwang er das verängstigte Mädchen immer wieder, ihn mit der Hand und oral zu befriedigen. Mehrmals kam es zu Geschlechts- und Analverkehr mit dem Opfer. Seine Taten soll der Mann mit einer Kamera aufgenommen und dem Mädchen gedroht haben, die Bilder ins Internet zu stellen, sollte sie etwas von dem Missbrauch erzählen.

Zu den Vorwürfen bezog der Angeklagte ausgiebig Stellung. Er gab an, mit der Geschädigten keinen Geschlechtsverkehr vollzogen zu haben. Es sei mehrmals zu gegenseitigen Berührungen gekommen, die jedoch nicht sexuell motiviert waren. Die Vorwürfe der 12-Jährigen seien falsch, er habe sie nicht gezwungen. Er bezeichnete die Aussagen des Kindes als konfus und übertrieben, wies das Gericht mehrfach auf bestimmte, für ihn unzusammenhängende, Äußerungen hin. Er gab jedoch zu, dass es zwischen ihm und dem Mädchen zu Streicheleinheiten und Berührung von Geschlechtsteilen gekommen sei, während beide nackt waren.

Im Vorfeld hatte er sie aufgefordert, sich auszuziehen, wollte mit ihr „kuscheln“. Er habe mit ihr über sexuelle Themen gesprochen und diese erklärt. Währenddessen hatte er das Mädchen aufgefordert, sein entblößtes Glied zu berühren. Als Begründung für die Vorkommnisse vermutete er vorpubertäre Neugier und Experimentierfreudigkeit des Mädchens. Die 12-Jährige habe sich ihm zudem häufig körperlich genähert, ihn angeblich mit Absicht berührt. Er gab zu, sie ebenfalls am Geschlechtsteil berührt zu haben, erklärte dies jedoch mit einer medizinischen Versorgung seinerseits. Das Mädchen hatte sich laut seiner Aussage eine Geschlechtskrankheit zugezogen. Daraufhin habe er sie mit Salbe behandelt. Die Frage, warum das Kind oder die Mutter dies nicht übernommen habe, konnte er nicht beantworten. Die ganze Sache habe schließlich eine Art „Eigendynamik“ entwickelt. Die Fotos des nackten Mädchens, die bei einer Durchsuchung bei ihm gefunden wurden, seien durch ein technisches Versehen entstanden.

„Das ganze tut mir irgendwo leid“, so der Angeklagte. Gegen die von ihm betitelte „böswillige Anklageschrift“, werde er sich aber zur Wehr setzen. Mehr als einen minderschweren Fall würde diese Verhandlung sicher nicht hervor bringen, stellte er nüchtern vor Gericht fest. Bei der Befragung der Mutter verhielt sich der Angeklagte zunehmend aggressiv, sodass sogar sein Verteidiger die Zeugin in Schutz nehmen musste. Auch die Nebenklage schritt mehrfach ein, bis schließlich der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf nach mehrmaligen Unterbrechungen den Angeklagten erklärte, dass vor Gericht die sieben angeklagten Taten erörtert werden.

„Es geht auch um die Glaubwürdigkeit des Kindes. Die Jugendschutzkammer blicke aber in solchen Verfahren auf eine 30-jährige Erfahrung zurück. Es ist Sachverstand vorhanden, um die Aussage der 12-Jährigen einschätzen zu können“, sagte der Richter. Der Angeklagte hatte ein 40-seitiges Dokument erstellt, anhand dessen er verdeutlichen wollte, dass Mutter und Tochter versuchen, ihn in ein schlechtes Licht zu rücken. Der Richter ließ das Einbringen dieses Dokuments während der gestrigen Beweisaufnahme noch nicht zu.

nDie Verhandlung wird am 16. und am 20. September vor dem Landgericht fortgesetzt.

von Ina Tannert und Silke Pfeifer-Sternke

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