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Rituale erleichtern Verlust und Trauer

Beruf Bestatter Rituale erleichtern Verlust und Trauer

Mit seinen 22 Jahren zählt der Sinkershäuser Daniel Weigand zu den jüngsten geprüften Bestattern in ganz Hessen.

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Sinkershausen. „Ursprünglich wollte ich Koch werden“, erzählt der Sinkershäuser. Die Leidenschaft hat er sich bewahrt, steht nach wie vor gerne am Herd. „Ganz zur Freude meiner Freundin“, sagt er schmunzelnd. Beruflich ist Daniel freilich einen ganz anderen Weg gegangen: In der Schreinerei des Vaters absolvierte er eine Lehre, ist seit zwei Jahren Geselle.

Fast zwangsläufig wurde er mit dem Bestattungswesen konfrontiert, denn der Vater übernahm 2000 ein Gladenbacher Beerdigungsinstitut. Im Alter von 16 Jahren half Daniel schon mal mit, wurde behutsam mit den ersten Aufgaben eines Bestatters konfrontiert.

In der Zwischenzeit hat er recht viel erlebt, ist voll in die Arbeit integriert. Vater und Sohn sind oft gemeinsam unterwegs, können sich vor allem gegenseitig entlasten.

„Du musst 365 Tage im Jahr erreichbar sein, rund um die Uhr“, betont der junge Mann. In diesem Jahr hat er die Fortbildungsprüfung zum „Geprüften Bestatter“ bestanden.„Ich bin stolz, dass mir das auf Anhieb gelungen ist“, sagt Daniel und berichtete: „Fast 40 Prozent der Lehrgangsteilnehmer sind durchgefallen.“

Mit Abstand derJüngste beim Lehrgang

Der Lehrgang am Deutschen Institut für Bestattungskultur in Bad Wildungen zog sich über ein halbes Jahr und fand in Praxis und Theorie jeweils freitags und samstags statt. Geprüft wurde nach den Rechtsvorschriften der Handwerkskammer in Wiesbaden.

„Viele machen erst nach etlichen Jahren Berufstätigkeit einen solchen Lehrgang“, sagt Daniel. Der Altersdurchschnitt bei diesem Lehrgang lag allerdings bei Mitte 30. Der älteste Teilnehmer war 38 Jahre alt. „Das war die jüngste Gruppe, seit das Institut solche zertifizierte Ausbildungen anbietet“, berichtet Daniel. Er war der mit Abstand Jüngste.

Um ein Bestattungsunternehmen zu führen, benötige man eigentlich nur einen Gewerbe­schein, erklärt der Sinkers­häuser. Eine Qualifizierung sei bisher nicht erforderlich. Die ist nach seiner Ansicht aber sinnvoll. Der Lehrgang und die damit einhergehenden vielfältigen Erfahrungen haben ihn in seiner Ansicht bestärkt. Das sieht auch Schreinermeister Karl-Heinz Weigand so. Er habe in den vergangenen 15 Jahren zwar das eine oder andere Seminar besucht, sagt der Chef. Von der umfassenden Fortbildung seines Sohnes profitiere aber auch er, gibt er unumwunden zu.

Im theoretischen Unterricht erfahren die Teilnehmer vieler­lei, von Brauchtum über Bestattungsarten bis hin zu Recht und Betriebswirtschaft. „Ich habe auch viel über den menschlichen Körper gelernt“, sagt Daniel.

Ein wichtiger Bezugspunkt für die Angehörigen

Hygiene, die Erstversorgung von Verstorbenen, Floristik, handwerkliches Arbeiten, Grabmacher-Technik und die sogenannte Thanatopraxie standen im praktischen Teil auf dem Stundenplan. Gerade das Wiederherstellen eines ästhetischen Erscheinungsbildes des Verstorbenen spiele für die Angehörigen beim Abschiednehmen eine große Rolle, erklärt Daniel. Die Teilnehmer lernten sogar, Zinksärge zuzulöten. „Das ist wichtig für Auslandsüberführungen“, sagt der 22-Jährige.

Die Arbeit als Bestatter sei nicht einfach. „Wer behauptet, das mache ihm nichts aus, der sagt nicht die Wahrheit“, ist sich Daniel Weigand sicher. Es gehe immer um das Leid und das Schicksal von Menschen. Man müsse pietätvoll sein, zuhören können. „Wenn gerade jemand verstorben ist, bist du ein wichtiger Bezugspunkt für die Angehörigen“, sagt Daniel.

Genauso wie man sich auf die Betroffenen einlassen müsse, sei es auch wichtig, nach getaner Arbeit Abstand zu nehmen. „Sonst stehst du das nicht durch“, betont er.

Die Aufgaben eines Bestatters gehen nach Daniels Worten weit über die Organisation des Begräbnisses hinaus. Neben Beratung und Organisation zählen Behördengänge zu den Dienstleistungen. Gerade auf den Dörfern gebe es bei den Bestattungen - religionsunabhängig - ganz unterschiedliche Rituale, sagt Daniel. Die erleichterten den Angehörigen und der Gemeinschaft den Verlust. Mit Bedauern stellt er fest, dass zunehmend auf die Sitte des gemeinsamen Kaffeetrinkens verzichtet werde.

Manchmal sei das durchaus angebracht, aber das Kondolieren und die Anwesenheit von Trauergästen beim Kaffeetrinken vermittele den Hinterbliebenen, dass sie in ihrer Trauer nicht alleine seien, sagt Daniel.

von Hartmut Berge

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