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Rettung vor dem Mähtod ist machbar

Jungtiersterben Rettung vor dem Mähtod ist machbar

Das „Ausmähen“ von Jungtieren bei der ersten Wiesenmahd ist jedes Jahr ein Thema. Jäger und Landwirte suchen nach brauchbaren Vorbeugemitteln.

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Rehkitze sind im Frühjahr vom Tod durch den Kreiselmäher bedroht. Von den Muttertieren im hohen Gras versteckt erkennen sie die anrückende Gefahr nicht.

Quelle: Privatfoto

Gladenbach. Frühjahr, Mai/Juni, ist die Zeit, in der Rehwild und andere Wildtiere ihren Nachwuchs zur Welt bringen. Dies ist zudem die Zeit, in der die Vegetation nahezu explodiert. Hohe Gräser bieten für Rehkitze und andere Jungtiere ein hervorragendes Versteck und somit Schutz vor Raubwild.

In diese Zeit fällt normalerweise auch die erste Wiesenmahd, zur Fütterung der Nutztiere. Dann tauchen die Schlepper mit ihren Kreiselmähern auf den Wiesen auf, um das Gras zu mähen. Die Tiere in ihrem Wiesenversteck verkennen die Gefahr. Sie flüchten nicht, sondern drücken sich auf den Boden.

Diese Situation ist jedes Jahr anzutreffen und jedes Jahr eine erneute Herausforderung für die Jäger- und die Landwirte. Wird nicht vorgebeugt, bedeutet dies den Tod oder zumindest schwere Verletzung, wie Abtrennen von Gliedern, der Jungtiere.

Jäger setzen auf rechtzeitige Unterrichtung

Volker Klingelhöfer, Sprecher der Jägervereinigung Hinterland, sagt dazu: „Jedes Jahr fallen allein in Hessen mehrere 1000 Jungtiere dem Kreiselmäher zum Opfer, bundesweit etwa 100000.“ Aber: Neuerdings gebe es ein Hightech-Gerät, mit dem in 15 Minuten mit Infrarotdetektor und Videokamera bis zu 40000 Quadratmeter Wiese nach Jungwild abgesucht werden könne. Eine Flugdrohne, ein „Oktokopter“, registriere den Standort eines Tieres, das dann vor den scharfen Messern der Mähmaschinen gerettet werden könne. Der Oktokopter müsse allerdings noch bis zur Serienreife entwickelt werden und dürfte nicht gerade billig sein, erklärte Klingelhöfer.

„Die Jäger bitten die Landwirte, beim Mähen der Wiesen „Wildretter“ einzusetzen, um Jungwild wie Rehkitze und Junghasen zu schützen.“ Diese „Wildretter“ sind Geräte wie ein Rechen, die das Gras vor der Mahd durchkämmen und das Jungwild veranlassen, rechtzeitig vor dem Mähwerk zu flüchten. Klingelhöfer appelliert an die Bauern, die Jäger frühzeitig über die Mähtermine zu informieren. Dann könnten diese am Vorabend Wildscheuchen, Kunststoffsäcke oder kleine Plastikwindmühlen aufstellen, die die Rehkühe veranlassen, nachts ihre Kitze von diesen Flächen wegzulotsen. Eine weitere Möglichkeit sei, dass die Jäger das Wiesenstück mit Jagdhunden durchsuchen.

Karl Leinbach, der Vorsitzende der Jägervereinigung Hinterland, fügt zu Klingelhöfers Äußerungen hinzu. „Wir haben bei der Wildrettung mit den Landwirten gute Erfahrungen gemacht“. Leinbach appellierte noch an Hundehalter, ihre Vierbeiner während der Brut- und Setzzeiten in Wald und Feld anzuleinen, weil auch Hunde für das Jungwild eine erhebliche Gefahr darstellen.

Bauern kommen den Jägern entgegen

„Kein Landwirt mäht mutwillig Kitze aus“ erklärte Dr. Gerhard Willmund, Vorsitzender der Jägervereinigung Marburg. „Gelegentlich lassen sich Unfälle nicht vermeiden, auch wenn vorher alles abgesucht wurde und wider Erwarten ein Kitz getötet wird. Ich sehe darin kein Konfliktfeld, sondern ein Feld gemeinsamer Betroffenheit“ schließt Willmund ab.

Dem stimmt Kreislandwirt Martin Henz zu. Nach seiner Kenntnis unterrichteten die Landwirte die Jäger einen Tag vor dem Abmähen. Und auch Erwin Koch, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Marburg-Kirchhain-Biedenkopf erklärt: „Die Bauern tun ihr Möglichstes, um Jungtiere vor dem Mähtod zu bewahren.“ Es könne jedoch trotz aller Bemühungen vorkommen, dass einzelne Tiere vor dem Mähen nicht gefunden würden. Henz hofft auf verbesserte Technologien, wie Wärmebildeinheiten an den Schleppern, die Tiere auf den Wiesen anzeigten. Dazu erhofft er sich eine Beteiligung der Jäger an den Kosten der Geräte. Das Zusammenspiel zwischen Bauern und Jägern funktioniere bisher gut, meinte er. Ausnahmen gebe es auf beiden Seiten.

Die Bauern seien selbst daran interessiert, dass keine Verunreinigungen wie Blut in die Wiesen und somit in das Futter geraten. Das schade dem wertvollen Viehbestand. Ein verletztes oder getötetes Jungtier, meinte er abschließend, sei ein erschütternder Anblick, den man nicht vergessen könne.

Tierschutzgesetz greift vor Gericht

Fachkundige raten, aufgefundenes Jungwild auf keinen Fall anzufassen. Die menschliche Witterung übertrage sich. Die Tiere würden dann von der Mutter nicht mehr angenommen und müssten verhungern. Sinnvoll sei es, sofort den zuständigen Jagdpächter zu verständigen.

Ausgemähte Kitze beschäftigten wiederholt die Gerichte. Im Jahre 2001 hat zum Beispiel das Amtsgericht Pirmasens einen Landwirt zu 120 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt, weil beim Mähen 5 Kitze getötet wurden.

Das Amtsgericht sah darin „die billigende Inkaufnahme des Tötens von Wirbeltieren ohne ersichtlichen Grund“

Aktenzeichen 4008 Js 8545/ 00.1

von Heribert Theis

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