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Renate Debus: "Ich mach das seit Menschengedenken"

Danke fürs Ehrenamt Renate Debus: "Ich mach das seit Menschengedenken"

Sie ist 70 Jahre alt und steht allwöchentlich in der Turnhalle, um Kinder an den Sport heranzuführen. An der Geschichte von Renate Debus lässt sich viel ablesen über die Chancen und Schwierigkeiten des Ehrenamts.

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Biedenkopf. Es ist für sie keine große Sache. Eher eine Selbstverständlichkeit. „Ich mach das seit Menschengedenken“, sagt sie. Nach 40 Jahren mit wöchentlich stets mehreren Stunden in der Turnhalle kann Renate Debus sich kaum mehr ein Leben ohne dies vorstellen. Obwohl, vielleicht ja doch. „Inzwischen hab ich auch öfters schon mal ans Aufhören gedacht“, bekennt sie, schiebt aber auch schnell hinterher: „Aber so lange noch Kinder kommen, will ich eigentlich weitermachen.“

So lange noch Kinder kommen ... Früher waren es bis zu 30 Jungen und Mädchen in den Turnstunden von Renate Debus - heute sind es bedeutend weniger und manchmal ist die 70-Jährige froh, wenn überhaupt jemand kommt. Es ist mit den Jahren nicht leichter geworden für die Biedenkopferin. Sicher, es macht ihr immer noch Spaß, aber an den Voraussetzungen hapert es inzwischen, davon weiß sie viel zuerzählen.

Die Geschichte über sportliche Erfolge und tolle Leistungen, die ehrgeizige Jugendliche, die viel mit der Turnlehrerin geübt haben, vor Jahrzehnten noch erzielt haben, geht über in eine Geschichte von Jugendlichen, die kaum mehr Zeit fürs Turnen haben und die durch die Schule und andere Angebote so vielbeschäftigt sind, dass da „nicht mehr so viel zu machen ist“, wie Renate Debus es formuliert. „G 8 und Ganztagsschule, das ist ja schön und gut, aber für die Vereine ist es ganz schön schwierig“, berichtet sie und spiegelt das Bild einer Gesellschaft wider, in der dem Ehrenamt dann mitunter nicht mehr die Wertschätzung entgegengebracht wird, die es verdient - ganz einfach, weil das, was die Vereine bieten, im großen Programm aus Pflichten und Möglichkeiten untergeht.

"Ich hatte das Privileg, irgendwann nicht mehr arbeiten zu müssen"

„Ich denke auch, dass es in der Zukunft so nicht mehr funktionieren kann“, sagt Renate Debus. Sie betrachtet das ehrenamtliche Engagement als etwas, dass künftig wohl zumindest mit einer Aufwandsentschädigung gewürdigt werden muss. „Sonst macht das doch niemand mehr“, befürchtet sie und denkt an Familien, in denen zumeist zwei Elternteile arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. „Die jungen Leute können sich heutzutage doch einfach kein Ehrenamt mehr leisten. Ich hatte das Privileg, irgendwann nicht mehr arbeiten zu müssen, weil mein Mann genug Geld verdient hat - sonst hätte dich das alles hier doch auch nicht machen können“, erklärt sie.

Renate Debus‘ Geschichte wird in vielerlei Hinsicht zum Appell, wenn man ihr gut zuhört: Zum Appell an die Gesellschaft, die Angebote vor Ort, die von Ehrenamtlichen mit Leben erfüllt werden, auch zu nutzen und wertzuschätzen. Zum Appell an die Schulpolitik, den Kindern neben einem tagesfüllenden Programm auch noch Freizeit zu lassen. Zum Appell an die Eltern, die Kinder in den Verein zu bringen und dort auch einmal „Danke“ zu sagen und Hilfe anzubieten. Sie wird zuletzt auch zum Appell an die Vereine selbst, neue Mitarbeiter zu gewinnen und sie zu fördern, damit die Angebote aufrechterhalten werden können.

Die Ehrung ist ihr etwas unangenehm

„Heute bin ich bloß noch drei Stunden in der Woche hier“, sagt Renate Debus und berichtet aus den Jahren, in denen sie montags und donnerstags hintereinander jeweils zwei Gruppen betreut hat - und am Mittwoch auch noch eine. Kinder-Turnen, Turnen für die Jugendlichen und Eltern-Kind-Turnen. Alles hat die zweifache Mutter und dreifache Großmutter schon gemacht. „Wegen meiner Enkel überlege ich jetzt, ob ich nochmal Eltern-Kind-Turnen anbieten soll“, sagt die Übungsleiterin, für die sich mit 70 Jahren im örtlichen Turnverein noch niemand gefunden hat, der einmal übernehmen oder zumindest mithelfen könnte.

Dass sie ausgewählt wurde von der Ehrenamts-Jury und jetzt Blumen und Eintrittskarten fürs Varieté erhält, das ist Renate Debus schon etwas unangenehm. „Ich will doch gar keine Auszeichnung“, sagt die Übungsleiterin, die nach 40 Jahren des steten Einsatzes für andere tatsächlich noch keine öffentliche Anerkennung bekommen hat, die über die übliche Vereinsehrung hinausgegangen wäre. Aber heute ist es so weit. Heute kommt einer, der einmal „Danke“ sagt. „Es ist einfach großartig, was Sie hier für die Kinder tun seit so langer Zeit“, betont Reinhold Beck. Und ein bisschen freut Renate Debus sich dann doch.

von Carina Becker

Zur Serie "Danke fürs Ehrenamt":

Mitte September dieses Jahres rief der Verein zur Förderung des Ehrenamts im Landkreis zur Nominierung auf: Wer leistet ohne Bezahlung etwas Besonderes für andere Menschen? Das war die Leitfrage. 44 Vorschläge gingen bei der Jury der Kampage „Danke fürs Ehrenamt“ ein – 44 beeindruckende Geschichten über freiwilliges Engagement. Die Jury hat fünf Preisträger ausgewählt, ihnen Danke gesagt und sie beschenkt bei einem Überraschungsbesuch daheim oder an ihren Wirkungsstätten. Die OP stellt diese fünf Menschen in dieser Woche vor – bis einschließlich Freitag, dem Internationalen Tag des Ehrenamts. Fünf beispielhafte Geschichten über Menschen, die für andere da sind.

Teil 1: Marion Fuchs, Fronhausen

Teil 2: Silke Schleicher, Marburg

Teil 3: Ursula Fischer, Heskem-Mölln

Teil 4: Renate Debus, Biedenkopf

Teil 5: Otto Fuchs, Breidenbach

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