Volltextsuche über das Angebot:

° / °

Navigation:
Reform-Gegner kämpfen weiter

Ärztlicher Breitschaftsdienst Reform-Gegner kämpfen weiter

Das Aus für die Bereitschaftsdienst-Zentrale hatte nicht nur im Gladenbacher Stadtparlament ein Nachspiel, ein Bürgernetzwerk fordert von politischen Entscheidern, gerichtlich gegen die Reform vorzugehen.

Voriger Artikel
Heute beginnt das Jubiläumsfest
Nächster Artikel
Gewalt in der Pflege hat viele Gesichter

Mitte April gab es in Gladenbach eine Demonstration gegen die Schließung der Ärztlichen Bereitschaftsdienst-Zentrale. Die Gegner kämpfen nach dem Beschluss der Kassenärztlichen Vereinigung auf politischer Ebene weiter.

Quelle: gianfranco Fain

Gladenbach. Die Belegungszahlen und Zeiten des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) Hinterland stehen nun fest. Anlässlich der Publikation derselben (siehe Kasten) preist der stellvertretende Obmann des ÄBD Hinterland, Dr. Arnold Köckerling, die Änderung als „große Chance, die derzeitigen Abwanderungsbewegung von ,Landarzt-Praxen‘ in die städtischen Ballungsgebiete zu stoppen und damit die ärztliche Versorgung der Bevölkerung im Hinterland auf Dauer zu gewährleisten“.

Die neue Struktur des ÄBD sei auf ausdrücklichen Wunsch und Beteiligung der auf dem Lande niedergelassenen Ärzte zustande gekommen. Kernstück ist der „Finanzausgleich“ zwischen Ballungsgebieten und ländlichen Regionen, der ab dem 1. Oktober in Kraft tritt und die Erhaltung des „hoch defizitären Hausbesuchsdienstes“ ermögliche. Das Hinterland ist laut Köckerling eine der ersten Regionen in Hessen, die von diesem Ausgleich profitiert.

Eben diese finanzielle Sicht entlarvt das „Bürgernetzwerk - pro-notdienste“ im Internet als eigentlichen Grund der „Reform“, die zu Lasten der Patienten gehe. Die Initiatoren sind nach OP-Informationen Ärzte, die in den ÄBD-Zentralen im Hinterland und auch im Lahn-Dill-Kreis als Honorarkräfte tätig sind. Ihr Vorwurf: Die Reform diene allein dazu, um Geld einzusparen - zu Lasten älterer Patienten, sozial Schwächerer und von Kindern. Denn es gebe enorme Folgen:

nlängere Wartezeiten in den verbleibenden Zentralen,

nlängere Wartezeiten für Hausbesuche,

nlängere Anfahrten zu den Zentralen,

nerhöhte Belastung für das Personal von Rettungsdiensten und Krankenhäusern,

nBlockade von Rettungswagen durch „banale“ Krankheitsfälle.

Die Pro-Argumente der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) wie Wegfall der Überlastung durch Notdienste, Erschwernis für Niederlassung von Ärzten auf dem Lande oder keine Verschlechterung für die Patienten nach der Reform, bezeichnet das Netzwerk als „nachweislich nicht zutreffend“. Die niedergelassenen Ärzte ließen sich seit Jahren bei den Bereitschaftsdiensten von Honorarkräften vertreten. Davon gebe es auch genug, wenn leistungsgerecht bezahlt würde, statt 20 Euro oder weniger pro Stunde.

„Linke“-Kreistagsfraktion will vor Gericht ziehen

In ihren Schreiben an Bürgermeister, Landräte und Fraktionsmitglieder fordert das Netzwerk diese dazu auf, sich für die Belange der Bevölkerung einzusetzen und juristisch gegen die Schließung der Notdienst-Zentralen vorzugehen. Mit einer einstweiligen Verfügung ließen sich die Schließungen zum 1. Juli noch verhindern.

Dieses Ansinnen griff die Fraktion „Die Linke“ im Kreistag auf. Ihrem Dringlichkeitsantrag wurde bei der Sitzung am Freitag vom Plenum die Dringlichkeit jedoch nicht zugesprochen. Ziel des Antrags war, interfraktionell zu erörtern, ob und wie die Empfehlung des BürgerNetzwerkes umzusetzen sei. Von der Schlappe im Kreistag lässt sich die Linken-Fraktion jedoch nicht entmutigen. Nach rechtlicher Beratung ist sie nun entschlossen, Bürger bei einer Klage vor dem Sozialgericht zu unterstützen. Wenn vor diesem Gericht jemand in einem kostenlosen ersten Verfahren die Beeinträchtigung seiner Patientenrechte geltend mache, wäre dies aussichtsreicher, als wenn die Fraktion das täte, begründet Geschäftsführer Hajo Zeller das Vorgehen.

Nachspiel im Gladenbacher Stadtparlament

„Die Notdienstzentrale ist verloren“ überschrieb die Sozialdemokratin Carmen Pflug (SPD) ihre Erklärung, die sie zu Beginn der jüngsten Parlamentssitzung in Gladenbach abgab. Sie kritisierte das Verhalten einiger Abgeordneter im Kampf um den Erhalt der ÄBD-Zentrale, deren Aus die KV Ende Mai beschloss (die OP berichtete). „Dies ist nicht nur schlimm für die Menschen in und um Gladenbach, es ist auch ein weiterer Verlust in Bezug auf unsere Stellung als Mittelzentrum im Landkreis“, sagte Pflug.

Sie wolle ihr Befremden über das Verhalten einiger Fraktionen im Stadtparlament ausdrücken. Stadtverordnetenvorsteher Hans-Hermann Ullrich und Bürgermeister Klaus-Dieter Knierim (beide CDU) nahm sie von der Kritik ausdrücklich aus.

Pflug verwies auf einen einstimmigen Parlaments-Beschluss von Ende 2012, mit dem die Abgeordneten zeigen wollten, dass sie sich für den Erhalt der ÄBD-Zentrale einsetzen. „Leider musste ich im weiteren Verlauf lernen, dass ein einstimmiger Beschluss offensichtlich nicht viel Wert besitzt“, sagte Pflug.

Vorwurf lautet: Taktieren statt Handeln

Um die Resolution mit Leben zu füllen, starteten die Sozialdemokraten unter Federführung von Peter Kremer einige Aktionen wie Unterschriftenlisten, Infostände und eine Demonstration. Bewusst sei darauf verzichtet worden, die SPD in den Vordergrund zu stellen. Parteiübergreifende Aktionen sollten es sein, betonte Pflug. Allerdings hätten sich FWG und Grüne nicht an den Infoständen beteiligt. Auch bei der Demonstration im April sei die Zahl der Teilnehmer aus den Fraktionen sehr überschaubar gewesen.

Ihr Appell an die Parlamentskollegen fiel deutlich aus: „Wenn Sie nicht wirklich bereit sind, aktiv an einer Beschlussfassung teilzunehmen, dann stimmen Sie lieber ehrlicherweise dagegen.“

Carmen Pflug zeigte sich enttäuscht, dass „selbst in einer so kleinen Stadt wie Gladenbach persönliches Taktieren offensichtlich für wichtiger erachtet wird als das gemeinsame, parteiübergreifende Handeln zum Wohle der Bürger“.

von Gianfranco Fain und Michael Tietz

Öffnungszeiten der ÄDB-Zentrale Hinterland

Die Öffnungszeiten des umorganisierten Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) im Hinterland stehen fest. Nach dem Zusammenschluss der Bezirke Biedenkopf und Gladenbach zum 1. Juli ist der neue Standort der ÄBD-Zentrale „Hinterland „am DRK Krankenhaus Biedenkopf in der Hainstraße angesiedelt und ist geöffnet:

nMontag, Dienstag, und Donnerstag jeweils von 18 bis 7 Uhr des Folgetages,

nMittwoch von 14 bis 7 Uhr des Folgetages,

nWochenenden von Freitag 18 bis Montag 7 Uhr sowie an allen Feier- und Brückentagen.

Von Montag bis Freitag wird die Zentrale mit einem Arzt besetzt, der auch Hausbesuche macht. Samstags und sonntags von 10 bis 22 Uhr haben zwei Ärzte Dienst.

Die ÄBD-Zentrale „Hinterland ist während der Dienstzeiten unter der Telefonnummer 06461/926699 erreichbar.

Zum 30. September wird der ÄBD Hinterland mit dem ÄBD am Diakonie-Krankenhaus in Marburg-Wehrda fusionieren, der Biedenkopfer Standort wird geschlossen. Für das Hinterland wird ein ärztlicher Hausbesuchsdienst eingerichtet. Wer zu Hause vom Arzt besucht wird, wer mobil ist und nach Marburg fahren muss, wird bei einem Telefongespräch entschieden.

Voraussichtlich ab dem 1. April 2014 wird die Reform im Landkreis Marburg-Biedenkopf mit der Zusammenlegung der ÄBD Zentralen Marburg und Stadtallendorf vollendet.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr