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QR-Codes enthüllen Verborgenes

Martinskirche bietet virtuellen Rundgang QR-Codes enthüllen Verborgenes

Die Martinskirche in Dautphe ist an Einzigartigkeit kaum mehr zu überbieten. Sie hat nicht nur den ältesten Dachstuhl Europas, sie ist seit Mittwoch auch multimedial erlebbar.

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Mit einem Barcode-Scanner auf dem Handy können QR-Codes gelesen werden.

Quelle: Silke Pfeifer-Sternke

Dautphe. Die Bedeutung eines Andreaskreuzes an einem unbeschrankten Bahnübergang lernen Fahrschüler spätestens in einer der Theoriestunden. Doch woher stammt die Bezeichnung? In der Martinskirche in Dautphe hängt ein Bild des Apostels Andreas. Neben dem in dunklen Farben gehaltenen Porträt befindet sich ein QR-Code – braun auf weißem Grund – kaum größer als ein Stempelkissen.

Den Code zu lesen, der das Geheimnis um das Andreaskreuz lüftet, ist kinderleicht. Mit einem Smartphone, das über eine QR-Code-Reader-App verfügt, kann sich jeder ins WLAN-Netz der Martinskirche einwählen, dann den QR-Code scannen und schon öffnet sich ein Text, ein Video oder ein Audiofile. Etwa 20 QR-Codes führen den medial interessierten Kirchenbesucher interaktiv durch die alte und neue Geschichte der historisch bedeutungsvollen Kirche.

Nicht alles, was als virtueller Rundgang hinterlegt ist, ist bierernst gemeint. So zum Beispiel die Predigt von Pfarrer Dr. Reiner Braun zur Hubertusmesse, die für reichlich Lacher unter den Kirchenbesuchern sorgte. Braun stand bereits auf der Kanzel als er feststellte: Das Konzept ist weg. Es lag offenbar noch auf dem Schreibtisch.

Codes bringen Besuchern das Herzstück näher

Es bliebt Braun keine Wahl: Er musste die Predigt frei halten – was ihm erstmal schwer fiel. Wenn er sich das als QR-Code hinterlegte kurze Video ansieht, erinnert er sich an den verhängnisvollen Augenblick und kann herzhaft darüber lachen.

Die Dautpher Kirche ist seit sieben Jahren von 9 bis 19 Uhr für Besucher geöffnet. Viele kommen, zwei dicke Gästebücher sind vollgeschrieben mit freundlichen Grüßen. So steht auf der aktuell aufgeschlagenen Seite in kindlicher Handschrift: „Ich mag unsere Kirche und unseren Pfarrer und hoffe, dass beides noch lange erhalten bleibt.“

Der Erhalt der Kirche hängt auch unmittelbar mit der intensiven Nutzung zusammen, sprich mit einem vollen Haus zum Gottesdienst. Um mehr Menschen für die Kirche zu interessieren, entstand die Idee, den Besuchern die Herzstücke des Gotteshauses auf eine in der heimischen Region ganz neue Art näherzubringen. 2014 wurde als Jahresthema „hier + jetzt – gemeinsam Kirche leben“ gewählt. Das war der Ursprung für das Projekt mit Modellcharakter.

Es sollte etwas „Leichtes“ daraus entwickelt werden; im Vorjahr hieß das Jahresthema „Toleranz“ und hat den Verantwortlichen viel abverlangt. Das Ziel des aktuellen Themas war es deshalb, die Kirchengemeinde zu unterstützen – auch mit Materialien. Wenn man so will, trifft das QR-Konzept zu 100 Prozent diese Vorgabe.

Karsten Henrich (kleines Bild: links) von der Gladenbacher Agentur „Provinzglück“ hat es entworfen, Klaus Kordesch (Zweiter von links), Referent für die Öffentlichkeitsarbeit der Dekanate Gladenbach und Biedenkopf, vermarktet es und Pfarrer Braun (rechts) gefällt es. Die Martinskirche ist das Vorzeige-Projekt, als nächstes soll die Biedenkopfer Kirche mit dem QR-System ausgestattet werden. Weitere Kirchen können folgen – wenn die Kinderkrankheiten bei der Umsetzung auskuriert sind.

„Dann erst geht das Modell in die Serienreife“, erklärt Klaus Kordesch. Die für den virtuellen Rundgang durch die Martinskirche erforderlichen Informationen mussten nicht mühsam aus Archiven zusammengestellt werden. Sie wurden 2014 im Kirchenführer „Die Martinskirche“ veröffentlicht. Allerdings soll es eine Neuauflage der Broschüre geben. Der Hinweis auf des älteste Kirchendach Europas soll noch rein.

In der aktuellen Broschüre steht, dass das Dach aus dem Jahr 1092 stammt. 2006 hatte die evangelische Kirchengemeinde bei der Sanierung des Dachstuhls Bohrkerne gezogen und das Holz untersuchen lassen. Dabei wurde bei einem Balken dieses Fälldatum entdeckt. Die Neugierde war geweckt. Ein Experte zog weitere Proben und fand heraus, dass ein verbauter Eichenbalken noch älter ist.

Bei der Erzählung über die Festlegung des Datums läuft Pfarrer Braun zur Hochform auf. Geschichte ist die persönliche Leidenschaft des Pfarrers, der an der Universität in Mainz einen Lehrauftrag hat. Anhand der Lebensringe der verbauten Eiche, lässt sich das Fällen des verbauten Balkens exakt auf 1087/1088 datieren.

OP-Praktikantinnen bewerten das System

„Die Ringe kann man lesen wie einen QR-Code“, sagte Braun. Und er hat schon neue Ideen. Strahler sollen zwei Lampen ersetzen und das alte Taufbecken anstrahlen, das derzeit im Dunkeln sein Dasein fristet. Mit Egli-Figuren sollen dort dann biblische Geschichten nachgestellt werden. Erklärt werden sollen sie – natürlich anhand eines QR-Codes.

Doch wie kommt der virtuelle Rundgang durch die Martinskirche bei den typischen Smartphone-Nutzern an. Die zwei OP-Praktikantinnen Jennifer Seitz (17) und Linda Basak (15) haben das System nach der offiziellen Einführung am Mittwochnachmittag auf Herz und Nieren geprüft.

Jennifer Seitz (kleines Bild: rechts) aus Hartenrod: „Ich finde die Idee mit dem virtuellen Rundgang durch die Kirche eine gute Möglichkeit, um gerade junge Menschen zu erreichen. Fast jeder besitzt heutzutage ein Smartphone und das Einscannen ist schnell und einfach. Die Martinskirche ist präsent und einen Besuch wert.

Deshalb glaube ich, dass das neue Konzept punkten und Touristen, aber auch Anwohner anlocken wird. Die Kirche hat mit dem Projekt einen Schritt in Richtung Zukunft gemacht. Sie zeigt, dass die Kirche bereit ist, sich zu entwickeln und sich anzupassen. Ich rate jedem, sich ein eigenes Bild zu machen.“

Linda Basak (kleines Bild: links) aus Gladenbach: „Meiner Meinung nach ist die Idee mit den QR-Codes für ­Kirchenrundgänge der besonderen Art gut. Dadurch, dass sich vor allem Jugendliche mit Smartphones beschäftigen, gibt man ihnen die Chance, einen Rundgang zu unternehmen, der sie anspricht. Außerdem sind die Codes in der Kirche unauffällig und stören in keiner Weise. Das Abscannen ging überraschend schnell und flüssig (15 Sekunden). Die Kirche bietet WLAN-Zugang, der sich auf die Kirche beschränkt. Andere Institutionen sollten sich daran mal ein Beispiel nehmen.“

von Silke Pfeifer-Sternke

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