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Prinzip Hoffnung mobilisiert Massen

Hintergründe zu Migration Prinzip Hoffnung mobilisiert Massen

Nicht jeder Flüchtling flieht vor Krieg oder 
Verfolgung. Vor allem junge Afrikaner fliehen vor Armut und Perspektivlosigkeit. Über diese Ursachen klärte Diplom-Politologin Adjy Codou Gaye in Dautphe auf.

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Migrantin Bukky Nofisaz aus Nigeria mit anderen Frauen in einem Raum im Auffanglager in Misrata. Von Libyen aus machen sich zahlreiche Flüchtlinge auf die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer nach Europa.

Quelle: Benno Schwinghammer

Dautphe. Eine handvoll Besucher interessierten sich für den Vortrag der Senegalesin 
Adjy Codou Gaye, die seit 2003 in Deutschland lebt und deren Lebensmittelpunkt nun Marburg ist.

Das Thema bewegt sie sehr, sie hat sich der wissenschaftlichen Betrachtung der Flüchtlingsströme aus Westafrika nach Europa gewidmet und eine Diplomarbeit über die ­Ursachen geschrieben. Auf 124 Seiten untersucht sie, warum junge Senegalesen ihr Land unter hohem Risiko verlassen.

Ein besonderes Augenmerk legt sie auf die Betrachtung der Fischerei- und der Agrarpolitik. Damals wie heute kommen die meisten Migranten aus Westafrika, um der Armut zu entfliehen.

Senegalesin zeigt 
Ursache und Wirkung auf

Unberührt bleibt Gaye als zu Beginn des Vortrags feststeht, dass „ihr“ Thema keine Massen mobilisiert, ins Bürgerhaus zu strömen. Sie hält den Vortrag dennoch souverän – gerade so als hätte sie gefüllte Sitzreihen vor sich.

Das Angebot zur politischen Bildung boten die Volkshochschule Marburg-Biedenkopf und der Freiwilligen Agentur Marburg an. Nach Gayes Erfahrungen benötige es mehrere Anläufe, bis es gut angenommen wird. Während sich also Hitzköpfe in der Anonymität des Internets die Finger wund schreiben und nicht mit ausländerfeindlichen Parolen geizen, will Gaye nicht für Verständnis werben, sondern Ursache und Wirkung aufzeigen.

Seit Januar­ dieses Jahres brachen weitere 50.000 Menschen aus Afrika nach Europa auf. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Diese Form der Migration lasse sich nicht unterbinden.

„Der Migrant ist frei in der Entscheidung auszuwandern“, sagt Gaye. Triebfeder sei bei jedem Migranten die Familie. Jede Familie unterstützt aus ihren Reihen einen Auswanderwilligen.

Findet der Migrant im Ausland Arbeit, schickt er Geld zurück in die Heimat. „Das macht jeder so, auch ich“, bestätigt Gaye. Mittlerweile sei die Summe des Geldes, das aus dem Ausland zu den Familien im Senegal fließt, höher als die von den ­Industrienationen gezahlte Entwicklungshilfe, sagte sie.

Als Gründe, die eine Auswanderung begünstigen, nannte­ die Senegalesin die politischen Missstände in den afrikanischen Staaten, das Bevölkerungswachstum, die hohe Arbeitslosigkeit, das schlechte Bildungssystem, fehlende Sozial­versicherungssysteme sowie den Rohstoffraubbau durch Industrienationen.

„Schleuser entdecken immer neue Routen“

Am Beispiel der Fischerei im Senegal machte Gaye die Ausbeutung sichtbar. Die illegale Überfischung durch ausländische Flotten und die ­
illegale Fischerei durch senegalesische Fischer wirken sich drastisch auf die Wirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung aus. Es gebe keine Win-Win-Situation, sagte Gaye. Das Land benötige Wirtschaftswachstum, den Abbau von Korruption und bessere Bildungschancen, um die Migration zu beschränken.

Der Senegal sei seit 2005 der Ausgangspunkt für illegale Migration. Von dort flüchten auch Ghanaer und Nigerianer für 500 bis 800 Euro nach Europa. Die Route führt mit senegalesischen Holzfischerbooten zu den Kanarischen Inseln, weil der Landweg von Westafrika über Marokko und die spanische Exklaven Ceuta und Melilla durch den Ausbau des Grenzschutzes nur noch schwer zu erreichen sind. „Die Schleuser entdecken aber immer neue Routen. Es wird also nie aufhören“, sagt Gaye.

Die Flüchtlingsorganisationen „Karawane“ und „The Voice“ in Deutschland wollen die Europäer mit dem Slogan „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört“ wachrütteln. Der Vortrag von Adjy Codou Gaye knüpfte genau an diesen Slogan an.

Die Politikwissenschaftlerin hielt den wenigen Besuchern im Daupther Bürgerhaus einen Spiegel vor. Europa spürt nun die Auswirkungen seiner industriellen Vormachtstellung gegen­über den Entwicklungsländern lautet das Fazit.

von Silke Pfeifer-Sternke

 
 
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