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Pfarrer findet Geschwister im Glauben

OP-Serie 50 mit 50 Pfarrer findet Geschwister im Glauben

Der Hartenroder Pfarrer Karlhans Nüßlein schaute im vergangenen Jahr über den Tellerrand hinaus und unternahm eine Reise nach Tansania.

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Von seinem Balkon aus hat Pfarrer Karlhans Nüßlein den Hartenroder Kirchturm stets im Blick.

Quelle: Helga Peter

Hartenrod . Karlhans Nüßlein ist seit mehr als zehn Jahren Pfarrer in Hartenrod und betreut 1700 Gemeindeglieder. 2014 führte ihn sein Weg nach Tansania. Er hatte am 7. September 2013 Reverend Lee Cosmas Ndeiy während einer „Afrikanischen Nacht“ in Hartenrod sein Wort gegeben: „Lee, ich fahre mit dir nach Tansania.“ Exakt ein Jahr später, am 7. September 2014, habe er tansanischen Boden betreten.

Von dieser Reise ist Pfarrer Nüßlein noch immer beeindruckt. Die Menschen dort, so erzählt er, nehmen sich Zeit. Sie kommen zu den Gottesdiensten, die bis zu zweieinhalb Stunden dauern können, und bleiben auch noch nach dem Ende. „Gott ist gegenwärtig“ und „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ sind Choräle, die er dort hörte und die gemeinsam in Kisuaheli und Deutsch gesungen wurden.

„Da ist man zu Hause, denn wir haben dort Geschwister im Glauben gefunden“, resümiert Pfarrer Nüßlein und berichtet auch von der ältesten lutherischen Kirche in Dar es Salaam, einer Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern. Beeindruckt ist Pfarrer Nüßlein aber auch von seinen Gemeindegliedern in Hartenrod, die sich in die Gemeinde einbringen, wann immer es gewünscht werde.

Studium in Frankfurt und Marburg

„Das Engagement für die Kirche ist vorhanden.“ Dies zeige sich ganz besonders bei Arbeitseinsätzen und Gemeindefesten. Dabei erinnert sich der Pfarrer an die ersten Eindrücke, die er in Hartenrod gewonnen hatte, und an sein damaliges Vorstellungsgespräch. In einer Pause sei ihm der Grabstein des ehemaligen Hartenroder Pfarrers Hamann ins Auge gefallen, und er habe dessen Geburtsdatum entdeckt. Dies sei der 23. Dezember 1814 gewesen. Welch eine Parallele, habe er damals gedacht, denn Nüßlein ist auf den Tag genau 150 Jahre später geboren worden. Pfarrer Nüßlein stammt aus Usingen. Nach dem Schulbesuch legte er 1984 sein Abitur ab und studierte Theologie in Frankfurt und später in Marburg. Eine schwierige Zeit sei das damals gewesen, erinnert er sich und erzählt von überfüllten Studienseminaren.

Aufgrund eines „Pfarrerberges“ habe es damals in der Landeskirche eine Wartezeitenverordnung gegeben. Er sei darauf hin zwei Jahre in der Fachvermittlung eines Frankfurter Arbeitsamtes tätig gewesen und habe dabei die damalige schwere Vermittelbarkeit der Menschen über 50 Jahre kennen gelernt.

Nach einem Vikariat in Pfungstadt, einer Kirchengemeinde mit 9000 Gemeindegliedern, und nach einem Spezialpraktikum arbeitete er als Assistent am Religionspädagogischen Institut in Darmstadt. Später unterrichtete er vier Jahre an zwei verschiedenen Schulen in Pfungstadt, wobei ein Jahr Elternzeit für den Vater eines jetzt 17-jährigen Sohnes und einer 13-jährigen Tochter ebenfalls selbstverständlich war. Zum Pfarrer im Ehrenamt wurde er 2001 in der Pfungstädter Kirche ordiniert.

Mischung von Fröhlichkeit und Offenheit im Glauben

„Ich fahre gerne durch den Taunus“, sagt Pfarrer Nüßlein. Seine Frau Astrid vermute allerdings, dass es der Kirchturm seiner Heimatgemeinde Usingen sei, den er wiedersehen wolle. In Usingen bekleidete er acht Jahre das Amt des Kirchenvorstehers.

Musik wird im Hause Nüßlein großgeschrieben und ist vielseitig, denn die Familienmitglieder spielen mehrere Instrumente. Pfarrer Nüßlein besucht zusammen mit dem Gitarrenkreis oder dem Kirchenchor die Bad Endbacher Altenheime und gestaltet dort Gottesdienste.

Eine gute Mischung von Fröhlichkeit und Offenheit im Glauben, wie er dies in Afrika erlebt hat, wünscht sich der Pfarrer auch im Hinterland, denn jeder sei wichtig. „Wir erwarten, dass Gott sieben Tage in der Woche 24 Stunden Zeit für uns hat, manche jedoch haben für ihn nicht eine Stunde Zeit am Sonntagmorgen.“

Menschen in Freud und Leid begleiten

Der Seelsorger sieht seinen Auftrag nicht nur darin, eine Gemeinde zu verwalten, sondern er möchte Menschen in Freud und Leid begleiten. Ihn freut es, dass er mittlerweile die Kinder seiner ersten Hartenroder Konfirmanden taufen durfte. Wichtig für den Pfarrer ist, dass einschneidende Lebensübergänge, gerade bei Schülern, begleitet werden. Denn es sei wichtig, junge Menschen mit Religion vertraut zu machen. Oftmals sei die Bedeutung der kirchlichen Feiertage gar nicht bekannt. So gehe das Grundwissen verloren und orientiere sich zum Konsumverhalten hin.

Viel Arbeit bereitet Pfarrer Nüßlein das neue Kindergartenfördergesetz, bei dem theoretisch jeden Monat der Bedarf neu errechnet werden müsse. Bei den Senioren und den Kindern werde gespart, und gerade in der Pflege sei dies dramatisch, sagt Nüßlein. In Afrika werde vielfach unkompliziert gehandelt. Wenn jemand keine Kollekte geben könne, sei es unter Umständen ein lebendes Huhn oder andere Lebensmittel, die versteigert würden, um so einen Obolus zu erzielen. Wenn das Jahr zu Ende geht und Pfarrer Karlhans Nüßlein am 23. Dezember seinen Geburtstag feiert, dann ist es obligatorisch, dass, nachdem alle Gäste gegangen sind, an diesem Abend der Weihnachtsbaum geschmückt wird.

von Helga Peter

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